Konzertkritik

Filmmusik - Spiel mir das Lied vom Ennio Morricone

Grandiose Blaupause von der Berlinale: Der Filmkomponist Ennico Morricone hat ein Konzert in der ausverkauften O2 World dirigiert - mit 85-köpfigem Orchester und 75 Sängern.

Foto: Getty Images

Pst. Wir sind fremd gegangen. Aber nicht weiter sagen. Eigentlich müssten wir ja einen Berlinale-Film gucken. Aber wir sind lieber zum Konzert gefahren. Ennio Morricone hat seine Werke dirigiert. Filmhits aus 50 Jahren. Und das mit 85 Jahren! Unsere erste Platte, die nicht mehr Märchen spielte, aber auch noch nicht Pop, war der Soundtrack zu „Spiel mir das Lied vom Tod“. Das habe ich mir sogar mal vom Maestro signieren lassen. Das Konzert also ist ein Muss. Wer weiß, ob der Mann je noch einmal ein Konzert in Berlin geben wird? So wie ich denken offensichtlich viele. Denn der Saal ist restlos ausverkauft. Und wir reden nicht von der Philharmonie. Sondern von der O2 World. Die Berlinale-Kinos müssen heute leerer sein als sonst. Die Filmfans sind alle hier.

In der O2 World spielen sonst Popbands. Aber keine Filmkomponisten. Schon gar nicht mit 85-köpfigem Orchester. Und 75 Sängern. Bis die alle auf dem Podium sind, das allein dauert Minuten.

Der italienische Botschafter ist auch anwesend, muss aber früher gehen, erklärt uns eine Ansage. Das tut uns leid. Vor uns sitzt Stromberg, also Christoph Maria Herbst. Für den hat Morricone aber noch keine Filmmusik geschrieben. Daneben sitzt Oliver Kalkofe. Der lästert im Fernsehen immer übers Fernsehen. Aber im Konzert glücklicherweise nicht übers Konzert. Stromberg und Kalkofe werden nicht angesagt. Sie bleiben aber bis zum Schluss.

Als wäre das hier ein Wunschkonzert

Erst mal gibt es auf den beiden Leinwänden links und rechts vom Modern Art Orchestra ein Film, in dem Morricone über seine Kunst spricht. Da erzählt er uns was von absoluter Musik, abstrakter Einheit und Einfluss der Wiener Schule. Das ist ganz schön fachmusikalisch. Und so genau wollten es viele vielleicht doch nicht wissen.

Aber dann kommt er endlich selbst nach vorn. Und legt gleich los. Das erste Stück ist aus den „Untouchables“, nicht einer seiner ganz großen Hits. Aber dann kommt gleich ein Medley aus „Es war einmal in Amerika“. Wenn „Deborahs Theme“ angespielt wird, muss ich heulen. Immer. So auch diesmal. So präsent sind die Filmbilder durch nur ein paar Akkorde. Anderen geht es ähnlich.

Morricone dirigiert recht steif. Wie eine Eins steht er da. Nur die Arme rudern. Von den oberen Rängen gibt es ein paar Zwischenrufe. Filmtitel. Als wär das hier ein Wunschkonzert. Ist es nicht. Die Presse hat einen klar festgelegten Zeitplan bekommen. „Deborahs Theme“: 3,39 Minuten. „Poverty“: 1,47 Minuten. Insgesamt 134 Minuten Dirigat. Dazwischen „Pause. Bei Bedarf“.

Manche Titel lässt Morricone für sich sprechen

Nach 20 Minuten aber geht Morricone schon hinaus. Schweißtuch wechseln? Schwächeanfall? Im Gegenteil. Er geleitet, ganz Gentleman, eine Sopranistin heraus, die jetzt, bei „Zwei glorreiche Halunken“, singen wird. Und der Kodály Choir fällt scheppernd ein.

Morricone hat immer beides gemacht. Er hat seine Filmmusik schnarren, kratzen und kieksen und wie ein Kojote heulen lassen. Mit Pfiffen, Maultrommeln und allerlei anderen Krachmachern, die nichts in einem Orchester zu suchen haben. Er hat aber auch immer die großen elegischen Streichorchester, zu denen dann eine Frau Vokalisen singt. Für erstere ist das Riesenorchester zu groß. Da versuppt die schräge Dissonanz. Für die zweite ist das ideal. Auch wenn das von Boxen bis in die hintersten Ränge transportiert wird.

Manche Titel lässt Morricone für sich sprechen. Andere setzt er in Medleys zusammen. Wie Social Cinema für die sozialkritischen Filme der siebziger, die er vertont hat. Oder, natürlich, Leones Spaghetti-Western, die seinen, also Morricones Ruhm begründeten. So peitscht uns das Orchester in die Pause, der Chor lässt den Riesenbau vibrieren, der Sopran schallt darüber hinweg.

Die Pause aber bleibt aus. Der Mann hält wirklich durch. Wie macht er das nur?

Da hat der Herr Botschafter aber wirklich was verpasst

Der Botschafter verlässt mit seinem ganzen Tross den Saal, just als das sozialkritische Kino erklingt. Das ist so ironisch, dass es fast schon nach Absicht klingt. Bei den bekannten Titeln brandet oft Applaus auf. Wir ertappen uns, das wir bei gewissen Titeln zwar die Musik kennen, aber nicht die Filme. So sehr hat die Musik ein Eigenleben entwickelt. Vielleicht das größte Kompliment, das man einem Komponisten machen kann. Irgendwann beginnt Herr Kalkofe zu wippen, ein ander Mal wird Herr Herbst von seiner Begleitung gekrault. Dann kommen die lyrischen Sachen. „Cinema Paradiso“. Und „The Mission“. Und am Ende dreht dieser unglaubliche Klangkörper noch mal richtig auf. Da hat der Herr Botschafter aber wirklich was verpasst.

Morricone ist der einzige Filmkomponist, der je einen Ehren-Oscar für sein Lebenswerk erhalten hat. Am Ende, wenn er seine Riesennotenblätter unter den Arm klemmt und 12.000 Menschen wie ein Mann aufstehen und Standing Ovations applaudieren, da kriegen wir eine Gänsehaut, wie wir das sonst nur einmal im Jahr, eben bei den Ehren-Oscars, kriegen. Wie der Mann das durchhält? Jetzt wissen wir es. Die Musik hält ihn am Leben. Es ist sein Lebenselixier. Spiel mir das Lied vom Morricone.