Staatsoper Berlin

Zubin Mehta zum Ehrendirigenten der Staatskapelle ernannt

Wien, Los Angeles, Tel Aviv, Florenz - ein Stardirigent wie Zubin Mehta ist überall zu Hause, auch in Berlin. 157 Mal dirigierte er die Philharmoniker - und nach dem Mauerfall regelmäßig die Staatskapelle. Die ehrt ihn jetzt

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Als der italienische Maestro Claudio Abbado kürzlich verstarb und die Berliner Philharmoniker ihm ein Gedenkkonzert widmeten, stand Zubin Mehta am Pult. Seit dem Verlust Abbados fragen sich viele, wer denn überhaupt zu den größten Dirigenten unserer Tage gehört. Eines ist klar: Zubin Mehta ist einer von ihnen. Nicht umsonst ist auch von den gewissen Eifersüchteleien zwischen den führenden Berliner Orchestern zu hören, wenn es um den indischen Dirigenten geht, den natürlich jeder am liebsten exklusiv bei sich hätte. Die Philharmoniker hat Mehta seit seinem Debüt 1961 insgesamt 157 Mal dirigiert, ebenso regelmäßig ist er – was ja erst seit der Wiedervereinigung möglich ist – am Pult der Staatskapelle anzutreffen. Das Konzert am Montagabend in der Philharmonie ist sein 43. Dirigat seit 1995. Da die Staatskapelle das Hausorchester der Staatsoper ist, betrifft es gleichermaßen Oper wie Konzert. Am Montag, am Ende des Konzerts, betreten überraschend Orchestervorstand Susanne Schergaut und Solo-Klarinettist Matthias Glander das Podium und ernennen Zubin Mehta zum Ehrendirigenten der Staatskapelle.

Moralische Verbundenheit

Chefdirigent Daniel Barenboim beobachtet das Ganze fröhlich vom Klavierhocker aus, zuvor wurde er als Klaviervirtuose bejubelt. Zubin Mehta erklärt in seiner noblen Art, dass er die Ehrung mit „Demut und großer Herzlichkeit“ akzeptiere. Es ist eine große Würdigung. Es ist vor allem aber auch eine Ehre für die Staatskapelle, einen der ganz Großen auf ihre Seite zu bekommen. Die Philharmoniker werden das wohl beargwöhnen. Der Ehrentitel beinhaltet zwar keinerlei Verpflichtungen für den Dirigenten gegenüber der Staatskapelle, aber ein bisschen größer ist die moralische Verbundenheit schon dadurch. Derzeit bespricht Mehta mit der Staatskapelle bereits die Saison 2016/17. Ganz zum Schluss drücken sich Barenboim und Mehta auf der Bühne.

Es ist übrigens gar nicht so leicht, den 1936 in Bombay geborenen Dirigenten irgendwie zu verorten. Auf die Frage, wo er denn gerade seinen Lebensmittelpunkt hat, antwortet Mehta etwas zögerlich: „Ach, überall. Wien, Los Angeles, Tel Aviv, auch Berlin. In Florenz bin ich auch schon seit 28 Jahren.“ Und irgendwie klingt es, als wolle er keine Stadt vergessen. Tatsächlich hat er in seiner Karriere bereits am Pult der wichtigsten Opernhäuser und Orchester der Welt gestanden, einige wie das Los Angeles Philharmonic Orchestra hat er als Musikdirektor geleitet. Als Chef ist ihm eine Treue zu den Orchestern zu bescheinigen. Das Israel Philharmonic Orchestra hat ihn bereits 1981 zum Chef auf Lebenszeit ernannt. Die Wiener Philharmoniker sind ihm wichtig, das Spitzenorchester hat bereits die Feierlichkeiten zu seinem 80. Geburtstag in zwei Jahren an Land gezogen.

Freundschaft zu Barenboim

Seine Hinneigung zur Staatskapelle Berlin beweist beiläufig, wie wichtig Künstlerfreundschaften sind. Daniel Barenboim, auch einer, der zu jener Handvoll dirigierender Weltstars gehört, ist mit Mehta seit Jahrzehnten engstens vertraut. „Uns verbindet reine Freundschaft, brüderliche Liebe und als Musiker bewundere ich ihn, seit ich ihn 1956 in Siena kennen gelernt habe“, sagt Mehta und lacht.

Der Dirigent ist auch als Anekdotenerzähler bekannt. Ihre erste Begegnung hatten die Beiden bei einem Vordirigieren für die Dirigentenklasse in der Akademie von Sienna. Das Ganze fand in einem kleinen Theater von Sienna statt. Mehta kam also in den Saal, der ziemlich dunkel war, und sah von weitem als Silhouette einen Zwerg auf der Bühne dirigieren. Schumanns Vierte. Mehta ging also dichter ran und sah einen jungen Burschen dirigieren. Barenboim war damals 13 Jahre alt. Er habe ihn bewundert, sagt Mehta, weil er die Einleitung zur Sinfonie so überlegt dirigiert hat. Seither sind die Herren dicke Freunde.

Auch künstlerisch stehen sich die beiden Dirigenten sehr nah. Das Repertoire ist sich ähnlich. Beide machen nicht so viel Sibelius oder Schostakowitsch. Barenboim setzt sich viel mit Wagner auseinander, Mehta auch. Beide mögen die Wiener Schule und auch die Schönberg-Schule.

Komponist, Organist, Ornithologe

Er solle nie aufhören, Klavier zu spielen, sagte Mehta einmal über Barenboim. Weil er doch so ein unglaublicher Pianist sei. Der allerdings manchmal zu viel mit dem Dirigieren zu tun hat. Jetzt machen sie wieder einmal zusammen ein Konzert. Sie hatten lange diskutiert, womit sie Brahms zweites Klavierkonzert verbinden sollten. Mehta wollte keinesfalls eine klassische Sinfonie dazu. Schließlich wurde es Messiaens „Et exspecto resurrectionem mortuorum“.

„Messiaen ist mein favorisierter Komponist des 20. Jahrhunderts“, sagt Mehta. Ein Foto aus den späten 70-er Jahren in Paris zeigt Barenboim, Mehta und Messiaen gemeinsam. Man stand sich nahe. „Für mich ist er der Bruckner des 20. Jahrhunderts. Äußerst katholisch, stark von der Orgel geprägt. Nur, dass Bruckner kein Ornithologe war. Auf Olivier Messsiaens Visitenkarte stand Komponist, Organist und Ornithologe.“ Und dann muss Zubin Mehta erneut lachen: „Er saß überall im Wald mit seinem Notizbuch.“

Mehta ist sichtlich zufrieden mit der Staatskapelle. „Sie waren wirklich zur ersten Probe vorbereitet, gerade auch die Schlagzeuger. Ich habe kaum mit dem Schlagzeug separat üben müssen.“ Professionalität wird international unterschiedlich gehandhabt. Sehr viele europäische Orchester denken, so Mehta, „dass die erste Probe dafür da ist, mal zu schauen, was der Dirigent so sagt“. Wobei er Wien und Berlin gleich wieder ausnehmen möchte.

Orchester mit Gehirn

In den gut 40 Dirigaten am Pult der Staatskapelle habe er die unglaubliche Entwicklung des Orchesters, dank Daniel Barenboims Arbeit, miterlebt. „Die Gruppen im Orchester gehen viel einheitlicher und konsequenter miteinander um. Man hat das Gefühl, das Orchester denkt mit einem Gehirn“, sagt Mehta: „Dadurch ist ein sehr kammermusikalisches Spielen möglich, sowohl in der Oper als auch in der Sinfonie. Sie sind sehr flexibel geworden.“

Auch die andere Seite, die der Orchestermusiker, ist mit der Zusammenarbeit rundum zufrieden. Mehta wird in der deutsch-österreichischen Dirigententradition eines Erich Kleibers, Otmar Suitners oder Wilhelm Furtwänglers gesehen. „Er hat die Eleganz eine englischen Lords, die mit einer unglaublichen Wärme verbunden ist“, sagt Solo-Klarinettist Matthias Glander. Den Orchestern trete Mehta mit einer kontrollierten Zeichengebung entgegen, zugleich stecke er voller Leidenschaften. In der Staatskapelle wird von einem herzlichen, fast famliären Verhältnis gesprochen.

Zurück zu Claudio Abbado, dem Großen. Im Programmheft des Staatskapellen-Programms ist ein Plakat abgebildet. Es erinnert an ein Konzert im Rahmen jenes Dirigierkurses in Siena, das am 26. August 1956 stattfand und bei dem Claudio Abbado, Zubin Mehta und Daniel Barenboim mitgewirkt haben. Irgendwie ist die Welt der großen Dirigenten eine überschaubare.

Konzerthaus Berlin: Zubin Mehta als Dirigent, Daniel Barenboim als Pianist bei der Staatskapelle Berlin. Noch einmal am Dienstag um 20 Uhr

Schiller-Theater: Mehta dirigiert „Salome“ am 13.2. sowie „Aida“ am 15., 19., 22.2.