Konzert in Berlin

Karl Bartos gibt Kraftwerks Repertoire eine neue Perspektive

Gluckernde Geräusche, verwunschener Mädchengesang und Elektrotöne: Am Donnerstagabend hat Ex-Kraftwerk-Mitglied Karl Bartos im Postbahnhof gespielt. Es wurde kein Kunstabend, sondern eine Party.

Foto: Katja Ruge

Zwischen 1975 und 1990 war Karl Bartos Mitglied und Co-Komponist der wichtigsten deutschen Pop-Band: Kraftwerk. Manche sagen, die vier vom Rhein seien mit den Beatles und James Brown die wichtigsten Pop-Künstler der Musikgeschichte. Am Sonntag gab es dafür immerhin bei den in solchen Dingen seit jeher eher spät zündenden US-Amerikanern einen Ehren-Grammy.

Bei seinem Konzert am Donnerstag im Postbahnhof zeigte der 61-jährige Bartos, wie man das eigene musikalische Vermächtnis auf Tournee bringt, ohne zum Karaoke-Interpreten seiner Stücke zu werden.

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Die große Frage des Abends war, wie sich Karl Bartos’ Show zu den Auftritten Kraftwerks verhalten würde. Seit zwei Jahren torkeln Fans seiner ehemaligen Band aus deren unbeschreiblich raffinierten 3D-Performances. Die vier Elektroniker lassen da bei tagelangen Gastspielen in Vorzeige-Museen zwischen Tokio und New York den Trans Europa Express und ihr Spacelab, die Roboter und Wirbelstürme freidrehender Zahlensymbole durch die Zuschauerreihen sausen, während das Publikum mit seinen roten und grünen Papp-Brillen wie geklonte Besucher eines 50er-Jahre-B-Movie die derzeit wohl futuristischste Musikveranstaltung auf dem Planeten erlebt. Vor fast genau einem Jahr gastierte die Combo so in Deutschland, natürlich im heimischen Düsseldorf. Es war fantastisch. Was würde Bartos dem entgegensetzen?

Nerdtum ist halt Männersache

Die Publikumsverteilung war von vornherein klar. Im Postbahnhof sind an diesem Abend ungefähr so viele Mädchen und Frauen wie am Ausstellungsstand für Festplatten-Lötkolben bei der jüngsten CeBIT in Hannover. Kraftwerk-Fans waren schon Nerds, als Mark Zuckerberg noch gar nicht geboren war. Und Nerdtum ist halt Männersache.

Drei Videoleinwände flackern grün, die Bühne ist klein. Drei Arbeitsstationen sind aufgebaut. Links und rechts stehen auf Tischen die Apple-Laptops, Mischpulte und Monitore. Dazwischen ein Keyboardständer mit Synthesizern und Mikrofon.

Um 20.15 startet eine Toncollage. Gluckernde Geräusche, verwunschener Mädchengesang, Elektrotöne, als reinige Enterprise-Scotty eben noch seine Beam-Maschine. Ganz klar, was jetzt musikalisch folgt, kann überall hingehen: ins Reich der abstrakten Nullen und Einsen, in den kalten Weltraum oder zu weiten Wiesen, auf denen Kinder und Tänzer die Hände nach der Sonne strecken.

It's nämlich time to party

Dann kommt Bartos. Und er macht klar, dass das hier kein Kunstabend wird. It's nämlich time to party. Bartos spielt "Nummern". Beat, puckernder Synthie, Minimal-Melodie. Fertig. Das "Satisfaction" von Kraftwerk. Ihr "Hells Bells". Gleich hinterher schickt er den Titelsong von Kraftwerks 81er-Album "Computerwelt". Die Männer ab 40 nicken im Rhythmus.

Doch richtig in Fahrt kommt der Abend beim dritten Titel, Bartos' Solo-Stück "The Camera". Die Leinwände zeigen David Hemmings, wie er in "Blow Up" als blasierter Fotograf im offenen Rolls durch Swinging London kurvt. Sehr bunt, sehr cool. Jemand hat heimlich den Bassregler justiert und an der Lautstärke gedreht. Vielleicht Mathias Black am Arbeitstisch links, ein fleißiger Musiktechniker mit Hippiematte. Vielleicht war es Robert Baumanns am Arbeitstisch rechts, der ein wenig an den Professor in "Ich – Einfach unverbesserlich" erinnert und dem der Spaß anzusehen ist. Mit Mathias Black übernimmt er Gesangspassagen, die mit dem klassisch gewordenen Robotereffekt verfremdet werden.

"Guten Abend", hat Bartos vorhin gesagt und wie ein Rock'n Roller zum Test ans Mikro geklopft. Undenkbar bei einem der durchchoreografierten Kraftwerk-Konzerte unser Zeit. Da könnte das Quartett ja gleich die leuchtenden Gummiuniformen abwerfen, um sich wie Axl Rose in Bierdosen zu wälzen.

Über das heutige Kraftwerk redet Bartos nicht gern

Über das heutige Kraftwerk redet Bartos nicht gern. Und dass er einst mit ihnen Großes geleistet haben mag, helfe ihm in seinem heutigen Leben wenig, sagt er. Aber er spürt häufig den Respekt von Fans und Musikern. Im November 2001 war es in der Tempelhofer Columbiahalle zu einer Begegnung gekommen, die selbst Pop-Fanatiker beim wöchentlichen Rockstammtisch als Schnapsidee abgetan hätten: New Order hatten gerade bei „Blue Monday“ die Galerie des Saals unter den Füßen der Tanzenden bedenklich zum Wippen gebracht. Den Triumph begoss die Band - damals noch samt Bassist Peter Hook - nun backstage mit reichlich Mineralwasser.

Am Cateringtisch saß Arthur Baker, Elektro-Produzent und DJ des Abends, und erzählte uns von seinen Aufnahmetechniken mit alten Bandmaschinen. Während des Gespräch rief ein alter Musikpartner, ein Mitglied von Afrika Bambaataas Soul Sonic Force an, wo denn bitteschön der aktuelle Scheck bleibe. Und als Krönung betrat Karl Bartos den Raum. Jene Schlüsselfigur, bei deren Sound sich New Order bedient hatten, deren Beats und Melodien sich Bambaataa – nun ja, sagen wir: geliehen hatte, jener Bartos, dessen Musik Arthur Baker in den 80er-Jahren in eine Frühform von Techno übersetzt hatte. Da war es schlagartig so leise, dass man einen Mikrochip hätte fallen hören können.

Dass Bartos nach Kraftwerk mit New-Order-Sänger Bernard Sumner zusammengearbeitet hat, merkt man im Postbahnhof einigen seiner Stücke an. Zwei weise Songs darüber, wie man nach der übermächtigen Gruppe den Neuanfang schafft, haben den typischen Eurodisco-Beat, die klaren, simplen Akkordwechsel von Sumners Combo. Kleine Ohrwürmer. Dafür kommt Bartos an den Bühnenrand, stellt sich in seinem schwarzen Outfit aus Jeans, T-Shirt und Windjacke direkt vor das Publikum. Wie ein Schauspieler, der den Menschen noch ein wenig mehr von sich zeigen will.

"Und wenn die Nacht anbricht, dann ist Berlin aus Licht"

Dann wieder die Hits, an denen er bei Kraftwerk mitschrieb. Zu "Das Model" ist verblasstes Filmmaterial der einstigen Modestadt Düsseldorf zu sehen. "Computerliebe", dieser digitale Reggae-Song, dessen Text 1981 schon von Internetdating, anonymen Chatrooms und einsamen Männern vor großen Bildschirmen erzählte, zeigt tanzende Noten und Soundwellen. Und für "Taschenrechner" hat Bartos den alten Korg-Synthie aus dem Keller geholt, er drückt die Tasten, schlägt das Schlagzeugbrett, spielt das ultraprimitive Stab-Keyboard "Stylophone" und macht für den Zuschauer sichtbar, wie und womit Kraftwerkmusik entstand.

Bei "Tour de France" legt Bartos zur Passage von den "Kameraden und Freundschaften" die Faust aufs Herz und lächelt den beiden Mitstreitern zu. Beim "Trans Europa Express" schießt in der aktuellen Kraftwerk-3D-Show ein Zug bedrohlich und unaufhaltsam durch die Halle. Bei Bartos dagegen ist ein altes Paris zu sehen, ein Passagier, der im Schatten seines Abteils hinaus auf herbstliche Landschaften schaut. Zuletzt variiert er gar eine Zeile: "Neonlicht, schimmerndes Neonlicht, und wenn die Nacht anbricht, dann ist Berlin aus Licht". Aus "Stadt" hat er "Berlin" gemacht. Und das Publikum findet's wunderbar.

Bartos liefert an diesem Abend eine andere Perspektive auf das bekannte Repertoire. Er gibt den Stücken Wärme und Esprit, zeigt, wieviel Lebenslust in ihnen steckt, zeigt auf der Leinwand seine Idole. John Cage, Glenn Gould, Igor Strawinski, George & Paul, Burt Bacharach, Joseph Beuys. Kraftwerk geben sich live als Mensch-Maschine. Bartos will einfach nur Mensch sein.

Nach dem Konzert setzt er sich an einen Tisch und signiert seine Alben. Es ist wirklich ein Abend voller Überraschungen.