Ein kleiner Salon, zwei Club-Sessel vor dem brennenden Kamin, Marius Müller-Westernhagen kommt herein, mit Hut und Sonnenbrille, setzt sich, lächelt. Fünf Minuten lang Blitzlichtgewitter. „Ich bin das gar nicht mehr gewohnt“, sagt er, und es sieht aus, als hätte er es vermisst. Etwa 25 Journalisten sind in dem kleinen Raum, eine solche Atmosphäre nennt man „intim“, und genau das ist ihm wichtig.
Im nächsten Frühjahr wird Westernhagen ein neues Album herausbringen, sein neunzehntes Studioalbum. Nichts Besonderes also, und deswegen hat man sich etwas Außergewöhnliches einfallen lassen: Marius Müller-Westernhagen, der Stadion-Rocker, der vor Hunderttausenden von Menschen spielte, kehrt zurück in die kleinen Clubs.
Im April wird es eine Pre-Listening Tour zu dem Album „Alphatier“ geben, zwölf Termine im deutschsprachigen Raum, insgesamt nur 20.000 Tickets, das Abschlusskonzert in Berlin. Hören wird man vorher keinen der Songs, das Album wird nach dem letzten Konzert in der Columbiahalle erstmalig verkauft werden. Ausgetüftelt ist das.
Bei Westernhagen schwingt Enttäuschung über das Musikbusiness mit
Westernhagen sagt, die Idee für diese Club-Tour sei im Studio in New York entstanden. Dort und teilweise mit denselben Musikern hat er bereist die Platte „Williamsburg“ aufgenommen, die 2009 erschienen ist. Es zieht ihn zurück zum Blues. „Blues ist die erste Musik, die ich gefühlt habe. Ich komme zu der Musik zurück, die mich als Erstes motiviert hat.“
Er schwärmt von seinen Musikern und erzählt, wie er anfänglich „die Hosen voll hatte vor dieser Klasse.“ Wenn er jetzt in dem Ledersessel im Münzsalon sitzt und immer wieder die Worte Respekt, Kraft und sogar Liebe sagt, dann ist es ihm zu glauben. Westernhagen ist keiner, der bedienen will, er möchte sich entwickeln. „Mit den Musikern jetzt klingt es das erste Mal so, wie ich mir gewünscht habe, dass es klingt.“ Nach 40 Jahren im Geschäft klingt so ein Satz allerdings auch bitter.
Andererseits hat er sich in den letzten Jahren befreit. Kein gigantisches Plattenunternehmen mehr im Rücken, Westernhagen macht es inzwischen selbst, hat die völlige künstlerische Freiheit, trägt das finanzielle Risiko. Er kann es sich leisten, und während er so spricht, schwingt da eine Enttäuschung über das Musikbusiness mit. „Heute definiert sich alles grundsätzlich über den Erfolg und nichts über die Qualität.“
Keine Barrieren mehr zwischen sich und dem Publikum
Das ist nicht die neueste Erkenntnis, das weiß er auch, das hat er lang genug selbst erfahren. Sein Erfolg wurde wichtig für die Plattenfirma, er war ein wirtschaftlicher Faktor, er hatte soziale Verantwortung, „Du musst was Erfolgreiches machen.“ Von diesem Druck wollte er weg. Und jetzt zurück zu den kleinen Konzerten, keine Barrieren mehr zwischen sich und dem Publikum. Vorerst zumindest.
Man wird sehen, wie die Tour läuft, doch die ganz große Produktion möchte er nicht mehr. Shows, in denen die Video- und Lichtinstallationen, die ganzen Effekte wichtiger werden als die Musik. Und zu anstrengend ist es ihm mittlerweile auch geworden, er ist mittlerweile Mitte 60, treibt fünfmal die Woche Sport und sagt: „Das Publikum projiziert auf dich, das ist körperlich spürbar.“
Das „intime“ Gespräch tritt immer wieder auf der Stelle. Fragen zum neuen Album werden abgeblockt, das Geheimnis wird größer, die Antworten fast esoterisch. „Da war so viel Kraft und Energie. Wenn ich das Album jetzt höre, berührt mich das so stark. Ich weiß nicht, wie das Album ist.“
Vorverkauf für Westernhagens Club-Tour beginnt am Dienstag
Auch zu den Texten möchte er nichts sagen, nur dass er mit den Jahren immer anspruchsvoller wird, was die deutsche Sprache angeht. Man darf gespannt sein, denn als großer Texter hat er sich bisher weniger hervorgetan. Doch Westernhagen schweigt lieber. „Jedes Album ist wie das erste“, sagt er und: „Über das neue Album verrate ich nichts“.
Nach 30 Minuten gehen die Videokameras und Aufnahmegeräte aus, die Häppchen blieben unangetastet, und nur eine konkrete Information darf man mitnehmen: Der Vorverkauf beginnt am Dienstag.





