Konzert

Bei Deep Purples „Smoke On The Water“ flippt Berlin aus

Die britischen Rockmusiker sind auf Deutschlandtournee. Am Abend machten Deep Purple Station in Berlin und zeigten, dass sie es noch immer können: eine Halle zum Kochen bringen.

Foto: Redferns via Getty Images/Redferns

Alte Hasen? Ja. Altes Eisen? Von wegen. Deep Purple, diese britischen Hardrock-Haudegen, von denen manch einer nicht mehr viel erwartet hat außer dem routinierten Wiederkäuen ihrer 70er-Jahre-Hits, haben sich in den vergangenen Jahren enorm gefestigt. Und mit ihrem in Nashville eingespielten neuen Album „Now What?!“ haben sie es tatsächlich auf Platz 1 der deutschen Verkaufscharts gebracht. Das Video zur ausgekoppelten Single „Vincent Price“ entstand Ende April in einem Berliner Gruselkabinett.

Nun sind sie wieder in Berlin, um die neuen Stücke live zu präsentieren. Und haben als Vorprogramm einen alten Bekannten mitgebracht. Peter Frampton, einst bei The Herd und Humble Pie, brachte es in den Siebzigern zu Starruhm durch sein Doppel-Vinyl-Album „Frampton Comes Alive“ mit Hits wie „Do You Feel Like We Do“, „Baby, I Love Your Way“ und „Show Me the Way“. Sie alle spielt er nun mit seiner jungen Band, dazu auch noch eine gitarrenschwere Instrumentalversion von Soundgardens „Black Hole Sun“. Dem Publikum gefällt‘s.

Nach einer der Pause dröhnt der erste Satz aus Gustav Holsts Orchestersuite „Die Planeten“, entstanden Anfang des vorigen Jahrhunderts, durch das Dunkel der Max-Schmeling-Halle. Mächtige Töne, die später ungezählte Komponisten von Filmsoundtracks inspiriert hatten. Und die auch an Deep Purple nicht spurlos vorüber gegangen sind. Der Jubel in der Halle schwillt an. Und als der breitflächige weiße Vorhang um Punkt 21.30 Uhr fällt, eröffnen Deep Purple mit den wuchtigen Riffs ihres neuen Songs „Après Vous“ vor rund 4200 Besuchern ihr Berlin-Konzert.

Diese Legende lebt

Eine höchst lebendige Legende steht da im gleißenden Rampenlicht. Deep Purple haben mit ihrem Album „Deep Purple in Rock“ 1970 ihr Meisterstück geschaffen. Sie haben dem Rock 1972 auf ihrem „Machine Head“-Album mit „Smoke On The Water“ das wohl klassischste aller Rock-Riffs beschert. Sie gingen durch Höhen und Tiefen und stehen wie in Stein gemeißelt unermüdlich auf den Live-Bühnen dieser Welt. „Into The Fire“ vom „In Rock“-Album macht gleich als zweiter Titel des Abends ordentlich Druck. Längst ist das Publikum in Bewegung und huldigt einer Band, die auch im 45. Jahr ihres Bestehens noch jede Menge zu geben hat.

Das ging freilich nicht ohne Blessuren ab. Die Besetzungen wechselten, die Streitereien von Gitarrist Ritchie Blackmore und Organist Jon Lord auf offener Bühne sind legendär. Man löste sich auf, raufte sich wieder zusammen. Einzig Schlagzeuger Ian Paice ist als Konstante seit der Gründung 1968 dabei geblieben. Sänger Ian Gillan und Bassist Roger Glover sind mit kleinen Unterbrechungen seit 1969 Deep-Purple-Urgestein. Und stürzen sich jetzt auf den Klassiker „Hard Lovin‘ Man“, ebenfalls vom „In Rock“-Album.

Gedenken an John Lord

Richie Blackmore hatte sich 1994 von Deep Purple verabschiedet, um sein Glück in der Mittelalterszene zu suchen. Jon Lord verlegte sich 2002 aufs Komponieren von Sinfonien. Im Juli vergangenen Jahres ist er einem Krebsleiden erlegen. Im Konzert widmet Gillan den neuen Song „Above and Beyond“ dem gestorbenen Kollegen. Ein Foto von Lord wird auf die Videowand projiziert. Die Plätze von Lord und Blackmore haben Keyboarder Don Airey, seit 2002 dabei, und Gitarrist Steve Morse, der seit 1994 zu Deep Purple gehört, übernommen. Und sie haben der Band zu einem ungeheuren Energieschub verholfen. Ihr musikalischer Schlagabtausch ist von erster Güte.

Es macht Spaß, diese so ungeheuer gut aufeinander eingespielten Band zu hören. Der inzwischen 68jährige Sänger Ian Gillan macht sich prächtig beim Klassiker „Strange Kind of Woman“ von 1971, schraubt seine tenorale Stimme immer wieder in hysterische Höhen, weiß aber auch mit seinen Kräften hauszuhalten. Immer wieder verschwindet er hinter die Bühne, um das Feld den Kollegen zu überlassen.

Natürlich bekommt Ian Paice bei „The Mule“ Raum für ein ausuferndes Schlagzeugsolo samt futuristisch leuchtender Drumsticks. Gitarrist Steve Morse kann mit der Instrumentalballade „Contact Lost“ und bei „The Well-Dressed Guitar“ brillieren. Und Airey, man kennt das schon aus früheren Konzerten, darf sich zitatenreich zwischen Rock und Klassik auf E-Piano und Hammond-Orgel austoben, „Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft“ inklusive.

Warten auf „Smoke on the Water“

Und natürlich kommt es dann, das Stück, auf das alle seit eineinhalb Stunden warten. Und natürlich setzt es wieder den furiosen Schlusspunkt unter eine an Höhepunkten reiche Hardrock-Show: „Smoke On The Water“, das Lied über den Rauch, der sich im Dezember 1971 über dem Genfer See ausbreitete, nachdem das Casino von Montreux bei einem Konzert von Frank Zappas Mothers of Invention in Flammen aufging. Deep Purple waren auch dort, schrieben darüber einen Song und haben sich damit auf ewig in der Rockgeschichte verankert.

Unbarmherzig stampft das Gitarren-Riff, das durch die Orgel unisono angestachelt und vom wuchtigen Bass-Schlagzeug-Beat angetrieben wird, durch die Halle und bringt die Stimmung zum Kochen. Berlin flippt kurz aus. Alles singt mit. Der Applaus ist frenetisch. Im Zugabenblock gibt’s noch den allerersten Purple-Hit von 1968, die Billie-Joe-Royal-Coverversion „Hush“, zu der Ian Gillan im weißen Dinner-Jacket erscheint. „Hush“ geht nahtlos über in ein schlagwerkgetriebenes, rockiges Bass-Solo von Roger Glover.

Ja, sie können es noch immer. Sie haben durchgehalten. Sie machen unermüdlich weiter. Und zeigen den Nachgeborenen, wie alles anfing. Und wie es im Alter weitergehen kann, auch wenn die ganz großen Hallen nicht mehr ausverkauft sind. Die neuen Stücke, fünf spielen sie an diesem Abend, passen sich bestens ein ins Repertoire. Mit dem Klassiker „Black Night“ von 1970 schicken Deep Purple ihre Fans in die herbstlaue Berliner Nacht.