Film

Utopien und ihre Opfer: „Die Kommune“ von Thomas Vinterberg

Trine Dyrholm in dem Film, für den sie einen Silbernen Bären gewann: Ein Drama, das das Kommunenleben ausnahmsweise mal positiv darstellt.

Rein oder raus? Die Kommune entscheidet geschlossen, darunter Anna (Trine Dyrholm, 3.v.l.) und Erik (Ulrich Thomsen, 2.v.r.)

Rein oder raus? Die Kommune entscheidet geschlossen, darunter Anna (Trine Dyrholm, 3.v.l.) und Erik (Ulrich Thomsen, 2.v.r.)

Foto: Prokino

Von Peter Zander

Eigentlich kennt man das ja nur noch als Unterhaltungsformat, wenn das Publikum in „Zimmer frei“ darüber abstimmt, ob ein Gast in die Fernseh-WG aufgenommen werden soll oder nicht. Dass das Abstimmen per Hand einmal wirklich zum Alltag einer Wohn- oder gar Hausgemeinschaft gehörte, weiß maximal noch die Generation der Moderatoren.

Diese Zeit der alternativen Lebensentwürfe greift nun Thomas Vinterberg, einst einer der dänischen Dogma-Beweger, in „Die Kommune“ auf, mit der er auch Autobiographisches aufarbeitet. Der Regisseur wuchs selbst als Kind in einer Kommune auf.

Es gibt schon einige Filme, die das Kommunardentum aus Sicht von Kindern beschreiben, und selten kommt es gut dabei weg. Umso erstaunlicher, dass gerade Vinterberg, der 1998 mit seinem Radikalepos „Das Fest“ einen Abgesang auf klassische Familienstrukturen lieferte, hier einen sehr milden und positiven Ton anschlägt.

Als der Architekt Erik (Ulrich Thomsen) ein Haus erbt, will er es gleich verkaufen. Seine Frau, die Nachrichtensprecherin Anna (Trine Dyrholm), möchte lieber einziehen. Eriks Bedenken, das Haus sei viel zu groß, lässt sie nicht gelten, und während er noch überlegt, fragt sie schon Freunde, ob sie nicht mit ihnen leben wollen.

Eine überraschend starke Gemeinschaft

Wir befinden uns in den 70er-Jahren, der großen Zeit der Experimente und sozialen Utopien. So stellen sich nach und nach immer mehr Interessenten vor, die mitmachen wollen, immer größer wird folglich auch die Schar jener, die die Hand zur Abstimmung hebt.

Lange kommt das wie als Komödie daher: wenn immer neue Anwärter auftreten, von denen eigentlich gleich klar ist, dass der eine ein Pedant ist, der rumliegendes Zeug der anderen verbrennt, und der andere sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält und seine Miete nie wird zahlen können.

Doch auch wenn man selbst nie die Hand für so jemanden erheben würde, werden sie alle aufgenommen in die überraschend starke Gemeinschaft, die das alles aushält und niemanden ausgrenzt. Am Ende wohnen neun Erwachsene und zwei Kinder unter einem Dach, es kommt zu ersten gruppendynamischen Prozessen, mit rituellen gemeinsamen Abendessen, Differenzen über Bierabrechnungen und, natürlich auch das, kollektivem Nacktbaden.

Für Anna ist das neue Lebenskonzept auch so etwas wie eine Neubelebung ihrer etwas eingefahrenen Ehe. Ihr Mann aber wählt einen ganz anderen Ausbruch, als er sich in eine seiner Studentinnen verliebt. Um ihn nicht ganz zu verlieren, will Anna Größe zeigen.

Ein Spiegel unserer Tage

Und schlägt selber vor, ob die Nebenbuhlerin nicht auch einziehen soll. Noch so eine Abstimmung, bei der man die Hände vor dem Kopf zusammen schlagen möchte. Denn sofort ändert sich die Tonart des Films, kippt die Komödie ins Tragische. Eigentlich ist diese Kommune ja ein Erfolgsexperiment, aber ausgerechnet diejenige, die es initiiert hat, geht daran zugrunde.

Vinterberg hat seine Erinnerungen erst mal in einem Theaterstück verarbeitet, das in Wien uraufgeführt wurde und auch schon am Deutschen Theater lief.

Sein Alter Ego ist dabei kein Junge, sondern die Tochter von Erik und Anna, die in der Pubertät steckt, eine Phase, in der man sich sowieso von den Eltern abnabelt und nach neuen Wegen sucht. Doch auch wenn diese neuen Wege am Ende ein großes Opfer erfordern: Nie wird die Kommune als Prinzip infrage gestellt.

In seinem von seinen großartigen Darstellern (allen voran Trine Dyrholm, die dafür auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewann) getragenen Film erzählt Vinterberg von einer Zeit des selbstverständlichen Teilens, an das der Regisseur trotz allem glaubt. Gerade in der aktuellen Flüchtlingskrise wird der Film so, obschon er in tiefster Vergangenheit spielt und von Ringelpullis und Cordjacken dominiert wird, auch zum Spiegel unserer Tage.