Heino Ferch

Heino Ferch - "ein Typ für die zwanziger und dreißiger"

Heino Ferch spielt jetzt Filmgenie Fritz Lang. Im Interview spricht er über die Berlinale, die Tücken des Monokels und neue Projekte.

Das Adlon ist auch ein Zuhause: Schauspieler Heino Ferch

Das Adlon ist auch ein Zuhause: Schauspieler Heino Ferch

Foto: Reto Klar

Er lädt ins Hotel Adlon. Da kennt ihn jeder, da grüßt ihn auch jeder. Und Heino Ferch kriegt da auch ganz kurzfristig und unkompliziert mal einen Konferenzsaal für ein Gespräch. Dabei ist die Fernsehtrilogie über das Hotel Adlon, in dem er den alten Chef gespielt hat, schon eine Weile her. Wir wollen vielmehr über seinen aktuellen Film „Fritz Lang“ sprechen, mit dem der Schauspieler auch mal wieder in einer großen Rolle im Kino zu sehen ist. Was heißt da, große Rolle? Fritz Lang ist nichts weniger als eine Ikone, ein Genie des deutschen Films. Damit kann man sich auch ganz schnell die Finger verbrennen.

Berliner Illustrirte Zeitung: Herr Ferch, genießen Sie so eine Art Hausrecht im Adlon, seit Sie fürs Fernsehen den Hoteldirektor gespielt haben?

Heino Ferch: (lacht) Nein, ich war hier schon vorher Stammgast. Als ich den dann gespielt habe, haben sie sich aber total gefreut.

Aber haben Sie nicht noch ein Haus in Dahlem?

Da hatte ich eine Wohnung, solange ich in Berlin gelebt habe. Aber als die Liebe mich damals nach Bayern lockte, hat sich das nicht mehr gelohnt, etwas in Dahlem zu halten. Obwohl es da wunderschön ist. Seitdem bin ich immer hier im Adlon, seit gut zehn Jahren. Ist auch so etwas wie ein Zuhause.

Kommen wir zu Ihrem neuen Film. Wie schwer ist die Kunst zu erlernen, Monokel zu tragen?

Das ist in der Tat eine Kernfrage des gesamten Films. Das war echt schwer. Erstens sich daran zu gewöhnen, so ein Ding im Gesicht zu haben, zweitens dabei nicht komische Grimassen zu ziehen. Fritz Lang hatte eine etwas tiefere, monokel-tauglichere Augenhöhle. Da hat das von sich aus gehalten. Meine Physiognomie ist eine andere. Wir haben da mit dermatologischem Kleber nachgeholfen. Natürlich haben wir Kunststoffmonokel benutzt, kein Glas. Und wir hatten auch fünf Stück davon, zur Sicherheit. Es hat gedauert, bis das geklappt hat. Aber das Monokel gehörte halt zur Exzentrik von Fritz Lang.

In der Tat, Fritz Lang war der Monokelträger schlechthin. Sie sehen ihm nicht im Geringsten ähnlich. Wie kam man gerade auf Sie?

Das habe ich den Regisseur auch gefragt. Gordian Maugg hat gesagt, ich sei sein Wunschkandidat gewesen. Er war davon überzeugt, dass ich mich in meinem Leben mit Dreharbeiten, Wein und Frauen genug vertraut gemacht hätte. Ich sei also die ideale Wahl. Das hat er natürlich mit Augenzwinkern gesagt. Aber wieso er tatsächlich auf mich kam, das müssen Sie ihn fragen.

Dann frage ich anders. Was war Ihre erste Reaktion, als Sie das Angebot erhielten?

Ich fand das toll. Meine Agentur hat mich darauf vorbereitet, da komme ein Angebot eines Regisseurs, der wenig Fiktionales, aber eigensinnige Sachen gemacht hat. Das Drehbuch war klasse. Und als ich gesehen habe, was er bis dahin gemacht hat, „Der olympische Sommer“ und „Zeppelin!“ und wie raffiniert er dabei in der Montage mit dokumentarischem Material spielt, hatte ich große Lust, mitzumachen. Es war von Anfang an klar, dass das Low Budget wird. Da braucht es den begeisterten Schauspieler, der das Projekt unterstützt. Er hat das wohl schon seit vielen Jahren machen wollen. Als ich mit an Bord war, ging die Finanzierung durch. Schön, wenn dein Name hilft, so was durchzubringen.

Kannten Sie Langs Oeuvre? Sind Sie ein Fan? Oder mussten Sie sich das erst mal erschließen?

Ich kannte natürlich „Metropolis“ und „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, der Film, um dessen Entstehung es ja in unserem Film geht. „Mabuse“ habe ich noch gesehen, „Die Nibelungen“ und dann das Interview von Godard mit ihm. Das war es dann auch schon. Als klar war, dass wir das machen, hab ich mir natürlich noch mehr Filme angesehen, vor allem bis zu der Zeit, in der unser Film spielt.

Fritz Lang ist so ziemlich der berühmteste Regisseur des deutschen Films. Hat man da auch Angst, so eine Ikone des Kinos zu spielen?

Das ist immer so eine Sache, ob man bei fiktiven Figuren entspannter ist als bei realen, gelebten Figuren. Das eine hat Reize, das andere auch. Bei Lang kann man viel recherchieren, es gibt sein großes Werk, es gibt viele Biografien und Bildmaterial. Man weiß ungefähr, wie der Mann getickt hat. Aber es gibt nicht so viel Filmmaterial mit ihm, erst aus der späteren Zeit. Deshalb kann man sich da gewisse Freiheiten lassen. Und es ist ja klar, dass ich keine Kopie von ihm herstellen kann. Aber wir zeigen ja auch kein Biopic, wir reißen nicht die ganze Biografie auf. Wir zeigen ihn in einem Moment der Krise, als der Stummfilm zu Ende ist und alle von ihm den ersten großen Tonfilm erwarten. Er steckt aber in einer absoluten Schaffenskrise, bis er die Schlagzeilen von einem Mörder in Düsseldorf liest. Und sich sofort auf den Fall stürzt.

Der Film erlaubt sich viele Freiheiten. Verprellt man womöglich Puristen, die es besser wissen?

Es gibt weiße Flecken in Langs Biografie, und die nutzen wir. Wie seine erste Frau gestorben ist, weiß man bis heute nicht. Man weiß nur: durch seine Pistole. Wer abgedrückt hat, kam nie heraus. Ich glaube schon, dass Fritz Lang eine Leiche im Keller hatte. Und damit spielt der Film: dass Lang in dem Massenmörder auch seinen eigenen Abgründen begegnet.

Der Film ist eine Art fiktives Making of von „M“. Eigentlich müsste man beide Filme hintereinander zeigen.

Das wird vom Verleih auch so angeboten: Die Kinos können „M“ gleich mit buchen, und etliche nutzen diese Chance. Gerade ist auch eine neue, restaurierte Version von „M“ auf Blu-ray erschienen, und man überlegt jetzt, ob man die beiden Filme nicht auch als Doppel-DVD anbieten könnte.

Warum ist der Film eigentlich nicht auf der Berlinale zu sehen gewesen? Er hätte doch ideal dahin gepasst.

Der Film war fertig. Dieses Jahr ist ja das 40. Todesjahr von Fritz Lang, und es wurde ja auch eine restaurierte Fassung von Langs „Der müde Tod“ gezeigt. Daraus hätte man einen schönen Schwerpunkt machen können. Wir hätten das gern gewollt, wir hatten den Film eingereicht. Aber die Berlinale wollte nicht.

Krupp, Adlon, Speer, Schliemann, jetzt Fritz Lang – sind Sie der Mann fürs Historische?

(lacht) Das weiß ich nicht. Ich spiele überwiegend schon moderne, heutige Figuren. Ich habe zum Beispiel im ZDF einmal im Jahr eine Folge meiner Reihe „Die Spuren des Bösen“, und demnächst gibt es die ersten „Allmen“-Filme nach Martin Suters Romanen. Aber vielleicht prägt sich das Historische mehr ein. Und ich glaube, ich bin schon ein Typ für die zwanziger und dreißiger Jahre, diese Zeit steht mir gut zu Gesicht. Das hat sich irgendwie bewährt. Gordian hat ja eben auch gemeint, ich sei sein Lang. Irgendwo muss das ja her kommen.

Ihren Durchbruch hatten Sie ja mit „Comedian Harmonists“, das spielt auch in der Zeit.

Ich hatte damals diesen irren Winter, als gleich vier Filme hintereinander kamen. Die „Harmonists“, Tom Tykwers „Winterschläfer“, Vivian Naefes „2 Frauen, 2 Männer – 4 Probleme“ und dann noch Sherry Hormans „Widows“. Die hatte ich über anderthalb Jahre gedreht, die kamen dann aber alle innerhalb von drei Monaten heraus. Das waren sehr unterschiedliche Filme, da konnte ich eine ziemliche Spannbreite zeigen. Und dann kam mit „Der Tunnel“ der Beginn der neuen Event-Movies...

… dessen Star Sie ja dann lange waren. Kein TV-Zweiteiler ohne Heino Ferch. Steckten Sie damit in einer Schublade? Im Kino waren Sie dann erst mal nicht mehr so häufig anzutreffen.

Das war ja auch der Grund, warum ich’s dann irgendwann gelassen habe. Ich habe eigentlich nur vier solcher Dinger gemacht, „Der Tunnel“, „Das Wunder von Lengede“, „Die Luftbrücke“ und „Schliemann“. Ich habe damit ein Riesenpublikum erreicht, „Lengede“ allein haben über elf Millionen Zuschauer gesehen, das war schon Schumacher-Formel-Eins-Niveau. Aber bei „Schliemann“ habe ich schon gemerkt, es reicht jetzt, da immer der Verantwortungsträger zu sein. Da bin ich dann auf die Bremse getreten.

Werden Sie jetzt wieder verstärkt im Kino zu sehen sein? Nicht nur mit Gastauftritten?

Ich würde gern. Dieses Jahr kommt „Conny & Co.“ ins Kino, was Til Schweiger produziert hat, mit seiner Tochter. Da spiele ich einen durchgeknallten Schuldirektor. Das ist mal wieder eine große Rolle. „Vincent will Meer“ war auch eine sehr schöne große Kinogeschichte...

Ist aber auch schon wieder sechs Jahre her.

Und jetzt natürlich „Fritz Lang“. Ja, ich würde sehr gerne. Da müssen aber auch die Rollen stimmen.

Sie sind vor zwei Jahren 50 geworden. Werden die Angebote da rarer?

Naja, ich bekomme jetzt nicht mehr die Rollen angeboten, die ich mit 35 gespielt habe. Das ist vorbei, da gibt es andere. Aber man wächst ja mit den Rollen. Ich spiele jetzt seit circa zehn Jahren mehr so komplizierte Männer, schwierige Charaktere, was mich vor neue Herausforderungen stellt. Es gibt noch eine Menge zu spielen.

Stimmt es eigentlich, dass Sie Ihre Rollentexte gern beim Joggen lernen?

Zumindest gern in Bewegung, ja. Joggen, das war eher früher, da hatte ich immer eine fette Szene zusammengefaltet in der Tasche dabei und bin durch den Grunewald quatschend an irgendwelchen Spaziergänger vorbeigerannt. Und wenn ich mal nicht weiterwusste, habe ich drauf gespickt. Das hat sich über die Jahre so entwickelt, dass mir das schneller in den Kopf kommt, wenn ich in Bewegung bin. Oder das Drumherum: Ich kann auch gut im Flieger oder in einem Café lernen. Wenn alles ruhig ist – lenkt mich die Ruhe ab, dann kann ich mich nicht konzentrieren.

Sie waren früher Kunstturner. Hat Sie das konditioniert? Gibt es Parallelen zwischen Schauspiel und Sport?

Unbedingt. Vor allem die Körperlichkeit, die Arbeit mit dem Körper. Und diese Lust, sich dem Wettkampf zu stellen, das ist sehr ähnlich. Warmlaufen, Anpfiff, das ist ein ähnlicher Mechanismus. Wenn’s los geht, geht der Lappen hoch. Dieser Kitzel muss da sein, wem das Stress bereitet, der ist im falschen Beruf. Es hat beides viel mit Geduld, Ausdauer und Disziplin zu tun. Und wenn du auf die Schnauze fällst, musst du wieder aufstehen.

Da Sie jetzt einen Regisseur gespielt haben, drängt sich die Frage auf: Hatten Sie je Ambitionen, selber einmal Regie zu führen?

Oja. Schon. Der Reiz ist da. Und der Tag wird kommen. Wenn ich an den Set komme, habe ich ja auch eine Vorstellung davon, wie der Tag laufen, wie meine Szene aussehen soll. Ich biete dem Regisseur da auch viele Alternativen an. Das visuelle, das inszenatorische Auge ist schon da, wenn man ein paar Jahre dabei ist. Es ist jetzt nicht so, dass ich schon ein fertiges Projekt im Kopf hätte. Aber wenn mir was vor die Füße fällt...

Und würden Sie dann zu den Regisseuren gehören, die sich auch selber inszenieren? Oder würden Sie erst mal nur hinter der Kamera bleiben?

Ich kann das schwer einschätzen. Aber ich denke, Regie wäre erst mal ein ganz schönes Ding. Vermutlich würde ich mich erst mal nur auf die Seite schlagen.

Lang hat das Kino mehrfach revolutioniert. Fehlt es an solchen Größen im heutigen deutschen Film?

Fritz Lang war sicher ein absolutes Genie. Aber ich denke, wir haben im Fernsehen und im Kinobereich heute auch eine ganze Reihe großartiger Regisseure.