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Die Tom-Tom-Connection: Tom Tykwer über Tom Hanks

Sein neuer Film spielt in Saudi-Arabien. Trotz der momentanen Islam-Angst kommt der Film jetzt genau zur richtigen Zeit, sagt Tom Tykwer.

Tom Tykwer bei Dreharbeiten zum Film "Ein Hologramm für den König"

Tom Tykwer bei Dreharbeiten zum Film "Ein Hologramm für den König"

Foto: X Verleih

Die beiden Toms verstehen sich gut. Für „Cloud Atlas“ hat Tom Tykwer erstmals mit Tom Hanks zusammen gearbeitet. Da kam die Verbindung noch über die Ko-Regisseure, die Wachowski-Geschwister zustande. Für sein nächstes Projekt aber hat der Regisseur einfach so bei dem Hollywoodstar nachgefragt – und Hanks sagte zu. „Ein Hologramm für den König“, gerade beim Deutschen Filmpreis gerade für drei Lolas nominiert, kommt am 28. April in die Kinos. Premiere ist am 24. April im Zoo Palast, zu der auch Tom Hanks kommen wird. Wir sprachen mit Tom Tykwer über die Tom-Tom-Connection und seine kommende Fernsehproduktion „Berlin Babylon“.

Berliner Morgenpost: Herr Tykwer, Sie hatten immer schon komische Momente in Ihren Filmen. Ich würde „Ein Hologramm für den König“ als Ihre erste Komödie bezeichnen. Würden Sie konform gehen?

Tom Tykwer: Auf jeden Fall würde man das Label am ehesten verwenden. Von der Energie her müsste man auch „Lola rennt“ eher komödiantisch nennen, zumindest lachte man da auch viel - damals. Und Aber so richtig ohne Widerhaken kann ich ja doch nicht. Und den gibt es ja auch beim „Hologramm“.

Sie können nie ohne?

Nein, ich glaube, ich kann gar nichts ohne Widerhaken. Weil ich solche geradlinigen One-road-Movies doch ziemlich langweilig finde. Geht uns das nicht auch allen so? Auch eine starke Komödie muss in sich ein starkes Drama verstecken, sonst interessiert die doch gar nicht. Die großen Komödien, auf die wir uns immer beziehen, bergen immer entsetzliche Dramen, in denen man über den Unbill des Lebens lacht und die Protagonisten große Verzweiflungstäler durchschreiten müssen.

Das ist auch hier der Fall. Wie kam das Projekt gerade an Sie? Wäre es nicht zu erwarten gewesen, dass sich ein amerikanischer Regisseur an diesen US-Bestseller macht?

Dave Eggers ist ein unabhängiger Autor, der fernab der industrialisierten Kulturwelt sein eigenes kleines Universum geschaffen hat. Wir haben schon einmal für HBO eine Miniserie zusammen erarbeitet. Das hat aus irgendwelchen Gründen nicht geklappt, aber von daher kennen wir uns schon lange. So kam ich immer sehr früh an seine Manuskripte. „Ein Hologramm“ hatte ich schon gelesen, bevor es herauskam. Ich rief ihn dann sofort an. Das war ein Vorteil: Ich musste keine Verlage anrufen, ich hatte seine Nummer. Er bockte damals aber noch, er meinte, jetzt lass doch erst mal das Buch auf die Welt kommen. Ich wusste aber, in drei Monaten stehen die Leute dann Schlange. Deshalb flog ich gleich rüber nach San Francisco und lud ihn zum Essen ein. Er hat mir versprochen, mit keinem sonst über eine Verfilmung zu verhandeln. Und das Eis brach dann ganz, als ich sagte, ich habe schon mit Hanks darüber gesprochen.

Und wie gewinnt man Hanks? Klar, Sie haben „Cloud Atlas“ mit ihm gedreht. Aber brauchte das dann auch noch mal Überzeugungsarbeit?

Auch da bewährt sich: Wenn man schon mal zusammen gearbeitet hat, kann man einfach anrufen. Da muss man nicht mehr über Agenten kommunizieren. Tom liest sehr viel, er kannte auch das Buch. Und wer sonst außer ihm hätte das spielen sollen? Er ist der All-American-Guy. Jede Seite schrie förmlich nach ihm. Als er das Drehbuch las, meinte er selbst, es wäre ein Skandal, wenn das jemand anderes spielen würde. Für einen Regisseur ist Tom ein Geschenk.

Es geht ja um zwei Welten, um Amerika und Nahost. War das vielleicht sogar genau richtig, dass ein Regisseur aus einer dritten Welt kommen musste, um das mit dem europäischen Blick zu verfilmen?

Es ist ja manchmal seltsam, aus welchen Gründen man meint, der richtige zu sein. Aber ich habe das genau so gesehen. Es ist eben gerade nicht so, dass alles, wovon man erzählt, direkt aus deinem Umfeld heraus erfunden werden muss.

Aber die Hauptfigur hat in etwa Ihr Alter...

Sie hat auch so etwa meine Problemphase, von der ich was weiß. Es muss schon mit dir zu tun haben. Und es geht hier um die Verlorenheit eines Individuums, das ist letztlich universal.

Sie haben den Schluss geändert. Das mögen die Fans des Buches gar nicht.

Es ist doch aber langweilig, wenn man alles einfach nur eins zu eins verfilmt. Das hat Tom Hanks und auch Dave Eggers gerade an dem Projekt gereizt.

Sie haben nur ein paar Außenaufnahmen wirklich in Saudi-Arabien gedreht. Hätten Sie gern mehr dort gefilmt? Oder war Ihnen klar, das lassen die sowieso nicht zu?

Wir haben es versucht. Es ist uns auch nie abgesagt worden. Aber eben auch nie zugesagt. Der klassische saudische Vorgang. Aber es ist natürlich sehr schwer für einen im Detail so kritischen Stoff, auch wenn er der Kultur und den Menschen erkenntlich zugewandt ist, ein klares Ja zu bekommen. Das habe ich erst lernen müssen. Aber ich war versessen darauf, dass zumindest die Aura Landes stimmte. So haben wir ein paar Außenaufnahmen dort drehen dürfen. Und die Gegenschüsse in Marokko gedreht. Tom Hanks sitzt also in Marokko im Auto, und wenn er aus dem Fenster guckt, blicken wir auf Saudi-Arabien. Das ist der klassische Kinotrick, den man aber auch bei viel unkomplizierteren Filmen anwendet.

Saudi-Arabien ist zwar ein wichtiger Verbündeter des Westens, aber es gibt immer noch Menschenrechtsver-letzungen, öffentliche Hinrichtungen, Unterdrückung der Frauen, Finanzierung von Terrorismus.

Aber all das wird im Film ja auch thematisiert. Der jetzige König betreibt sogar eine noch aggressivere Politik als der, der es noch bei der Entstehung des Buches war. Was sehr bedauerlich ist. Weil sein Volk - das habe ich gelernt, ich war ja vor Ort -, auf einem ganz anderen Weg ist. Die modernisieren und liberalisieren sich gerade ganz alleine, da werden sich gewisse Prinzipien nicht mehr lange halten können. Das wird für uns Europäer aber schwer nachvollziehbar sein, weil sie auch ganz anders als wir an Traditionen hängen. Das wird keine Revolution, sondern eine ruhige Transition.

Wird der Film dort gezeigt werden?

Das ist insofern nicht relevant, weil es da eh keine Kinos gibt. (lacht) Wahrscheinlich hat das halbe Land aber spätestens in drei Monaten eine DVD dieses Films zuhause, auf welchem Weg auch immer sie sich die besorgen. Wahrscheinlich geistert er da jetzt schon irgendwie im Internet als Raubkopie herum. Das wird bestimmt sehr kontrovers diskutiert werden, aber jedem, der ein halbwegs kritisches Bewusstsein hat, wird auffallen, dass der Film eigentlich ganz offene, aufgeklärte Menschen zeigt, die trotz allem sehr verwurzelt sind mit diesem Land.

Der Film kommt just in einer Zeit ins Kino, wo es eine große Angst vor dem Islam gibt. Kommt er jetzt zur Unzeit oder gerade zur rechten Zeit, um ein etwas anderes Bild zu zeigen?

Ich habe ja schon etwas länger an diesem Film verbracht, weil es immer noch etwas zu feilen gab. Aber jetzt habe ich das Gefühl, er hat genau diese Zeit gebraucht, um im richtigen Moment in die Welt zu kommen. Mehr denn je ist es jetzt vielleicht gut, einen Film zu sehen mit so vielen arabischen Menschen, die alle sehr vertrauensvoll, vielseitig und unsympathisch sind. Und aus einem Land kommen, das sehr dämonisiert wird. Die Zeit ist jetzt besser als noch vor zwei Jahren.

Es ist auch ein sehr politisch aufgeladener Film. Eigentlich ein idealer Beitrag für die Berlinale. Warum ist er da nicht gelaufen?

Das sind so strategische Überlegungen von Seiten des amerikanischen Verleihs. Wenn man sich auf einen Starttermin einigt, darf der Abstand zum Festival nicht zu groß sein. Sonst ist die mediale Aufmerksamkeit schon vorbei und verpufft. Ich hab das schon bedauert. Ich hätte ihn gern dort gezeigt. Die Berlinale auch. Aber andere Filme, die dort laufen, brauchen so ein Festival viel mehr. Ich bin in der luxuriösen Situation, dass meine Filme auch ohne die Berlinale eine Öffentlichkeit finden.

Sie haben „Sense8“ für Netflix gedreht, Sie drehen jetzt „Berlin Babylon“ fürs Fernsehen. Gehen Sie dem Kino verloren?

Nein, auf keinen Fall. Aber wir drehen ja sowieso gerade Fernsehen, als wären es Kinofilme. Da denkt man gar nicht mehr so sehr über Unterschiede nach. Vielleicht sind Serien sogar die neue Erzählform, das ist wie eine Zeitenwende. Ich bin jedenfalls ein echter Serienjunkie, ich kann auch mal einen halben oder ganzen Tag durchgucken.

Aber denkt man nicht schon über weitere Staffeln „Berlin Babylon“ nach, was Sie langfristig für andere Projekte ausschließt?

Das kann man nicht verhindern. Da liegen noch viele Bücher von Volker Kutscher, und wenn man – wie wir jetzt – zwei Staffeln dreht, muss man weitere zumindest schon mitdenken. Ich bin ja zum Glück nicht allein. Mit Achim von Borries und Hendrik Handloegten bilde ich ein Regie- und Autoren-Trio.

„Deutschland 83“ hat kürzlich hervorragende Kritiken bekommen und ist dennoch bei den Quoten extrem gefloppt, ähnlich war es gerade bei dem „NSU“-Dreiteiler „Mitten in Deutschland“. Hat das deutsche Fernsehen ein besseres Publikum verdient?

Das gibt es schon. Aber wir müssen nachholen –die Amerikaner haben 10 Jahre Vorsprung. Da gab es auch eine lange Übergangsphase. Dass diese ungewöhnliche Form jetzt immer öfter auch hierzulande probiert wird, ist schon ein großer Schritt. Es ist nur eine Frage der zeit, da werden auch die Gewohnheitsgucker in Deutschland vom Serienvirus erwischt werden.