Gleich am Anfang zeigt Hollywood hier, was es kann. Bloß keine Einführung, gleich loslegen. Zunächst gibt es zwar nur einen Steinschlag, ein Auto überschlägt sich, stürzt einen Abhang herab, hängt fest. Und in einer dramatischen Rettungsaktion wird die junge Fahrerin per Hubschrauber gerettet.

Gleich am Anfang zeigt Hollywood hier, was es nicht kann. Maßhalten etwa. Das Auto überschlägt sich derart oft, dass keiner das überleben könnte. Die junge, attraktive Frau kriegt aber keinen Kratzer ab. Und wird natürlich in allerletzter Sekunde rausgezogen, bevor das Auto in die Tiefe stürzt.

Das gibt denn auch die Marschrichtung vor für den weiteren Plot dieses Katastrophenfilms. San Francisco wird von einem Erdbeben erschüttert. Aber nicht nur einmal. Eine gewöhnliche Katastrophe reicht nicht mehr aus. Auch in Nevada muss die Hoover-Talsperre brechen und in Los Angeles das Hollywood Sign auf dem Mount Lee umfallen. Diesmal droht der ganze Andreas-Graben, an dem die Pazifische Platte an der Nordamerikanischen Platte vorbeidriftet, einzureißen.

Die Desaster geben sich die Klinke in die Hand

Die größten Verwerfungen aber erzeugen nicht die tektonischen Platten, sondern das Drehbuch. Da geht erst einmal eine Ehe in die Brüche, die des Hubschrauberretters Ray (Dwayne „The Rock“ Johnson) und seiner Emma (Carla Gugino). Im Schock der Katastrophe besinnt man sich aber wieder auf alte Familienwerte. So muss Ray seine Ex erst mal mit dem Helikopter vom Dach eines Wolkenkratzers retten, auf das alle anderen Hochhäuser nacheinander einstürzen. Schon das eine an Wahnwitz kaum zu überbietende Meisterleistung. Dann aber müssen die fast schon wiedervereinten Eltern mit so ziemlich jedem Fortbewegungsmittel, das möglich ist, in der Luft, zu Lande, zu Wasser, den weiten Weg von Los Angeles nach San Francisco bewältigen, wo irgendwo ihre Tochter mit einer Zufallsbekanntschaft herumirrt. Natürlich kommen die Eltern auch überall durch und – wir verraten hier sicher nicht zu viel – finden am Ende, zwischen all dem Schutt, der noch übrig ist, auch das Töchterlein.

Von jeher ist der Katastrophenfilm das starrste aller Filmgenres. Es wird stets reanimiert, wann immer eine neue Filmtechnik noch bessere Effekte verspricht (was in diesem Fall ein paar hässliche 3-D-Momente meint). Dennoch bleibt es das vorhersehbarste aller Genres: Erst kommt die Einführung der Figuren, dann das Desaster und schließlich der Versuch der Überlebenden, das Chaos zu überwinden. Auch den Drehbuchautoren von „San Andreas“ schien das zu starr und erwartbar. Also strich man die Einführung der Figuren, ja verzichtete überhaupt weitgehend auf das, was man Charaktere nennen könnte.

Sekundenauftritt von Kylie Minogue

Dafür geben sich die Desaster die Klinke in die Hand. Es reicht auch nicht, dass ein Tsunami die berühmte Golden Gate Bridge zerreißt. Nein, um den Nervenkitzel zu steigern, muss man mit einem Fischkutter gegen die Riesenwelle anfahren. Und auch das ist noch nicht Effekt genug: Als das kleine Boot tatsächlich den Wellengipfel erreicht, schwappt ihm ein riesiges Containerschiff entgegen, dass just in dem Moment seine Fracht verliert. Und noch eins und noch eins und noch eins: Das ist die einzige Dramaturgie, die Brad Peytons Film kennt. Auch wenn sich das ins Absurde hochschraubt und unfreiwillig komisch wird.

Alle Millionen sind dabei sichtlich in die Effekte geflossen, für echte Schauspieler blieb wenig übrig. Als einziger Star unter weithin Unbekannten muss Dwayne Johnson die Ärmel hochkrempeln. Nur Kylie Minogue huscht mal für ein paar Sekunden durchs Bild, bevor auch sie zu den Verlusten gebucht werden muss.

Wo aber keine Menschen sind, mit denen man mitleiden könnte, bleibt alles reines Effekte-Kino, das einen trotz Dauerschocktrommelei ziemlich kalt lässt. Es ist schon traurig: Da folgt zwei Stunden lang ein Beben auf das andere. Aber nicht einmal gelingt es dabei, den Zuschauer wirklich zu erschüttern.