Momentan ist in Berlin ja viel von „Game of Thrones“ die Rede. Weil hier eine Ausstellung bis Sonntag Devotionalien der Serie zeigt. Und jeder mal auf dem berühmten Eisernen Thron sitzen darf. Nikolaj Coster-Waldau hätte ganz gut dazu gepasst. Er spielt in der Serie den fiesen Jaime Lannister. Aber der dänische Mime ist aus einem anderen Anlass in der Stadt. Er wirbt hier für den dänischen Film „Zweite Chance“ von Susanne Bier, der jetzt im Kino läuft. Ein Drama, das an die Nieren geht. Der 44-Jährige spielt darin einen Polizisten, dessen Kind stirbt. Und der das tote Baby gegen ein lebendes eintauscht, das er einem Drogenpärchen stiehlt.

Berliner Morgenpost: Ich habe gerade erst den Film gesehen und bin noch ganz aufgelöst. Sie sind selbst Vater. Wie spielt man solche Szenen, wenn das Kind stirbt?

Nikolaj Walder-Costau: Das war wirklich sehr verstörend. Auch die Szene, als ich das tote Baby gegen das andere eintauschte, war Horror. Aber so merkwürdig das klingen mag, das war auch eine großartige Erfahrung. So in Extreme geworfen zu werfen. Dass so etwas von dir abverlangt wird. Als Arbeit ist das sehr befriedigend.

Susanne Bier ist berühmt dafür, ihre Schauspieler dahin zu bringen, ihre Komfortzone aufzugeben.

Sie liebt ihre Schauspieler. Sie probt erst mal nur mit ihnen und lässt erst nach und nach den Rest der Crew dazukommen. Wenn du Sachen wie diese drehst, dann musst du ganz aus dir raus gehen, dann musst du zulassen, dass diese emotionalen Reaktionen auch wirklich aus dir rauskommen.

Ist es familiärer, einen dänischen Film zu drehen?

Natürlich. Ulrich Thomsen, mit dem ich hier zusammen spiele, kenne ich seit der Schauspielausbildung. Auch Nikolaj Lie Kaas ist ein guter Freund. In diesem Sinne war das wirklich sehr eng. Aber es fühlt sich auch nicht so anders an, als wenn du auf Englisch drehst. Klar, die Sprache ist anders. Aber die Arbeit, glauben Sie mir, ist die gleiche.

Wenn wir schon von Sprache reden: Ihr Vater hatte deutsche Wurzeln.

Eigentlich mache ich so was nicht. Aber ich habe bei einer dieser Fernsehshows mitgemacht, die heißt „Wer glaubst du, bist du?“. Da verfolgen sie deinen Stammbaum zurück. Ich war sehr neugierig, was dabei rauskommen würde. Da war auch eine deutsche Wurzel, aber alles in allem war es ein großer europäischer Mix. Ich dachte immer, es müsste mehr Deutsches dabei sein, wegen des Nachnamens. Aber Waldau ist auch ein schwedischer Name.

Sprechen Sie denn Deutsch?

Ich versteh’ es ganz gut. Ich hatte Deutsch in der Schule. Aber ich habe es seit 30 Jahren nicht mehr gesprochen. Ich würde mich nicht trauen, jetzt in Ihrer Sprache zu reden.

Und wie oft sind Sie hier, etwa in Berlin?

In letzter Zeit bin ich immer nur kurz hier, so wie jetzt. Das Tolle an dieser Stadt ist, dass sie gleichzeitig so alt und so neu wirkt. Überall, wo man hingeht, ist Geschichte. Aber zugleich habe ich das Gefühl, dass sich wahnsinnig viel ändert. Es fühlt sich so an, als ob die Stadt noch nicht so richtig zu sich gefunden hätte. Das ist ein wenig verwirrend, aber auch sehr spannend. Ich habe eine Menge Freunde, die hier leben, weil hier so eine spezielle Energie ist. Das spürt man, auch wenn man nicht lange da ist.

Haben Sie Lieblingsplätze hier?

Nein, dazu kenne ich die Stadt nicht gut genug, aber ich gehe gern spazieren und gucke, was sich wieder verändert hat.

Das können Sie tun? Sie werden nicht auf der Straße erkannt: Guck mal, da kommt der aus „Game of Thrones“?

Ja, kommt schon vor, dass Leute mich erkennen. Aber dann gehe ich einfach schnell weiter. Ich verstell’ mich jetzt nicht. Na doch, das habe ich auch schon mal gemacht. Das war in einem Lift in New York, mit einem Haufen Leute drin. Und einer redete mich an: Bist du nicht der Typ ...? Ich hab den Kopf geschüttelt. Das ist manchmal einfacher.

Wie sehr hat die Serie Ihr Leben verändert?

Mein Leben hat sie nicht verändert. Klar, ich bin jetzt bekannter, bekomme andere Angebote. Dafür bin ich dankbar. Aber ich hoffe doch, dass ich auf der persönlichen Ebene immer noch der Gleiche bin. Ich habe meine Familie, ich wohne nach wie vor in Dänemark. Das Einzige, was sich wirklich total geändert hat, ist die Pressearbeit. Weil die Serie dich wirklich durch die ganze Welt bringt. Was man daraus lernen kann, ist, dass du nie wissen kannst, was kommt. Ich sollte damals bei einem großen Film mitspielen, woraus dann nichts geworden ist. Stattdessen kam das Angebot zu dieser Serie. Ich dachte: Was ist das, wer weiß was darüber? Du machst einen Pilotfilm und hast keine Ahnung, ob die Serie je gedreht wird.

Hätte Ihnen Susanne Bier die Rolle je angeboten, wenn Sie nicht bei „Game of Thrones“ mitgespielt haben?

Das kann niemand wissen. Natürlich hat die Serie mir Türen geöffnet. Aber wenn das nicht geklappt hätte, hätte ich vielleicht in der Zeit ganz andere Dinge gedreht. Und wäre dadurch zu einem solchen Film gekommen. Ich bin da ganz entspannt. Was die Karriere anbelangt, bin ich total zufrieden. Als Susanne anrief, hab ich gerade eine alberne Komödie über Frauen in New York gemacht. Klar, da kam ich rein, weil die mich aus „Game of Thrones“ wollten.

Haben Sie denn die „Game of Thrones“-Bücher gelesen?

Ich hab drei gelesen, aber dann habe ich aufgehört. Wir machen eine Fernsehserie. Und die ändern Dinge aus der Vorlage. Das müssen sie auch tun, um das Publikum zu überraschen. Und ich will da nicht feststecken, auf nichts beharren, was ich am Buch vielleicht geliebt habe. Ich mag die Serie wirklich sehr und lass mich überraschen, was als nächstes in den Skripts steht. Und wenn das einmal alles vorbei ist, werde ich vielleicht auch die Bücher lesen.

Hätten Sie je gedacht, das könnte so ein Erfolg werden?

Das ist die aufwendigste Serie, die HBO je gemacht hat. Aber das war volles Risiko. Als wir die erste Staffel gedreht haben und ich erzählte, es gehe um Fantasy, Drachen und Parallelwelten, guckten mich alle nur komisch an. Das sah nicht nach Blockbuster aus. Ich habe wirklich gehofft, dass der Pilot was wird und wir es zumindest auf drei Staffeln bringen. Da sind wir längst drüber.

Sie leben nach wie vor in Kopenhagen. Haben Sie je überlegt, in die USA zu ziehen?

Das haben wir zu Hause schon mal durchgesprochen. Aber es schien uns nie Sinn zu machen für die Familie. Ich habe eine Frau und zwei Kinder. Wenn wir, sagen wir, nach Los Angeles ziehen würden, würde ich überall sonst wo arbeiten, aber nicht in L.A. Die Familie wäre aber dort, alleine, ohne Freunde. Das hätte sich nicht richtig angefühlt. Dann hätte sich wirklich das ganze Leben geändert. Ich will nichts ausschließen. Vielleicht zieht es mich ja doch eines Tages dahin, vielleicht, wenn die Kinder groß sind. Aber ich bin gern in Dänemark.

Was liegt Ihnen mir? Ein Kammerspiel à la Susanne Bier? Oder das Schwerterrasseln im Fernsehen?

Ich mache mir keinen Kopf, was für ein Genre das ist und welches Etikett man ihm verpasst. Als Schauspieler bist du ganz egoistisch und schaust erst einmal an, was das für ein Charakter ist, den ich spielen soll. Der muss erst mal ein menschliches Wesen sein, das ist der Punkt. Klar, wenn du „Die Schadenfreundinnen“ machst, dann ist das Komödie, dann musst du mit einer anderen Technik spielen. Aber es muss schon ein menschliches Wesen sein, dass du spielst. Ich glaube, dass ist auch einer der Gründe für den Erfolg von „Game of Thrones“: Dass es im Kern um diese Leute geht, die diese verrückten Welt zu navigieren versuchen. Darüber hinaus gibt es übernatürliche Elemente. Aber das ist nicht der Kern. Der Kern sind die Figuren. Wenn die nicht stimmen würden, würde man sich auch für den Rest nicht interessieren.

Heute sagen viele, Fernsehen sei das neue Kino. Da wird viel mehr gewagt, viel mehr experimentiert. Stimmen Sie dem zu?

Es gibt keine Trennung mehr, Fernsehen ist nicht mehr schlechter, nicht mehr billiger als Kino. Und man sieht ja, dass es beim Publikum einen großen Appetit für diese Art von Erzählung gibt. Aber was wohl auch den Erfolg ausmacht, ist die Tatsache, dass du da nicht mehr diese eindimensionalen Figuren hast wie früher. Das hat sich eher umgekehrt. Im Kino sieht man all diese Blockbuster mit den vielen Effekten. Aber die Figuren werden darüber immer flacher. Ich hoffe, dass die sich im Kino rückbesinnen auf das, was sie einmal ausgezeichnet hat. Denn natürlich ist die große Leinwand der Ort, wo man Filme am liebsten guckt.

Ihre Kinder dürfen „Game of Thrones“ noch nicht gucken.

Nein, die sind noch zu jung. Meine Kinder sind 14 und 11. Die dürfen noch nicht gucken, wegen all der Gewalt. Aber die wollen meine Arbeit auch gar nicht sehen. Das ist komisch für sie, ihren Dad zu sehen, wie er jemand anderes ist. Vor allem, wenn ich eine Liebesszene mit einer anderen Frau habe. Das ertragen sie nicht. Ich verstehe das. Ich hätte meine Eltern auch nicht Liebe mit jemand anderem machen sehen wollen.

Vielleicht kommt das ja noch, stolz auf den Daddy zu sein.

Hoffe ich auch. Aber momentan ist das noch nicht so.