Der Ärger fing mit den Reformatoren an. Daniel Chodowiecki war an einer möglichst realistischen Darstellung von Johannes Calvin, Ulrich Zwingli, Johann Wiclef und drei weiteren Theologen interessiert. Wobei das mit dem Realismus so eine Sache ist. Die Reformatoren lebten ja im 15. und 16. Jahrhundert, Daniel Chodowiecki im 18. Jahrhundert, und dieser konnte sich lediglich an grafischen Vorlagen orientieren, die 200 Jahre zurücklagen.
Jedenfalls waren die Zeichnungen des Berliner Hugenotten-Künstlers ein Hingucker. Die Pfarrer trugen, mit den heutigen Augen gesehen, eine Mischung aus Pelz und Bademantel, der bis zum Boden reicht und ungemein flauschig aussieht. Für andere Augen, nämlich die des 18. Jahrhunderts, gingen diese Zeichnungen gar nicht, die Assoziation zu Schlafröcken war wohl zu blasphemisch und nicht angemessen. Der Einspruch war deshalb so wichtig – und aus Sicht Chodowieckis so ärgerlich –, weil diese Zeichnungen die Entwürfe für den Bauschmuck des Französischen Doms waren. Neue Entwürfe wurden gemacht, nur dieses Mal nicht von ihm, sondern von Christian Rode.
Die Geschichte Berlins
Der Berliner Künstler Rode (1725-1797) war eine Berühmtheit seiner Zeit, aber im Gegensatz zu Chodowiecki ist er heute in Vergessenheit geraten. In seiner Zeit erwischte er gegenüber Chodowiecki bei diesem Streit das bessere Ende: Christian Rode fertigte nicht nur die Entwürfe für den Figurenschmuck für den Deutschen Dom, sondern auch die für die Skulpturen in der Vorhalle des Französischen Doms. Dabei wurden die protestantischen Reformatoren kurzerhand durch Apostel ausgetauscht.
Die Entwürfe der beiden Künstler werden nun erstmals in der Alten Nationalgalerie gezeigt. Die Akademie der Künste hatte die Chodowiecki-Blätter im vorvergangenen Jahr übernommen. Der Erwerb der Zeichnungen der beiden Künstler war, wie Wolfgang Trautwein, Direktor des Archivs der Akademie der Künste, berichtet, von den Wechselfällen der deutsche Geschichte bestimmt.
„Die Blätter gehören doch uns“
Chodowieckis Entwürfe gehörten der Akademie seit 1934, nachdem sie diese von den Erben des Diplomaten Ernst Friedrich Freiherr von der Malsburg erworben hatte. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Dokumente ausgelagert. Als der Krieg vorüber war, waren sie verschwunden. Rodes Zeichnungen kehrten 1958 aus der Sowjetunion wieder nach Berlin zurück, bei Chodowiecki musste man sich deutlich länger gedulden. Sie galten so lange als verschollen, bis sich ein Anwalt 1994 meldete, der im Namen Dritter die Blätter an die Akademie verkaufen wollte. „Wie schön, dass Sie sich melden“, habe die Akademie geantwortet, „die Blätter gehören doch uns“.
Auf dieser Verhandlungsgrundlage, die lediglich auf einen Finderlohn als Zahlung vorsah, kam man nicht weiter und die Chodowiecki-Blätter verblieben an einem unbekannten Ort. Erst 2013 tauchten sie wieder auf, und zwar, als sie das Auktionshaus Bassenge verkaufen wollte und die Akademie über die Auktion vorab informierte. Die Akademie kaufte die Blätter zu einer Summe, wie Trautwein sagt, über die Stillschweigen vereinbart wurde, was darauf hindeutet, dass mehr als ein reiner Finderlohn gezahlt wurde.
Ein Ehrgeiz, ein Rückschlag, ein Sündenbock
Es ist also eine Geschichte der geglückten Restaurierung eines verlorenen Schatzes, die diese Ausstellung in der Alten Nationalgalerie erzählt. Es ist aber auch eine Geschichte eines aufstrebenden Berlins, das unter Friedrich II. den Sprung zur repräsentativen Stadt machen sollte. Die Umgestaltung des Gendarmenmarkts war das „ambitionierteste Bauprojekt des späten 18. Jahrhunderts in Berlin“, schreibt Kuratorin Anna Schultz in dem ausgesprochen liebevoll gestalteten und kenntnisreichen Büchlein zur Ausstellung. Wie sich für das ehrgeizige Bauprojekt in Berlin so gehört, gab es eine geradezu klassische Rollenverteilung: einen ehrgeizigen Bauherrn (Friedrich II.), einen empfindlichen Rückschlag (am 28. August 1781 stürzte der unvollendete Deutsche Dom ein) und einen, der der Sündenbock ist (Architekt Carl von Gontard, der die beiden Türme entworfen hatte und in Folge des Einsturzes die Bauleitung entzogen wurde).
Die gute Nachricht, die auch Trost für die heutige Zeit geben sollte: Es kam der Tag, an dem die Dome samt Bauschmuck fertig gestellt wurden.
Alte Nationalgalerie, Bodestraße 1–3, Mitte. Di–So 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr. Bis 12. April 2015. Katalog: 14,80 Euro.


