Die Nationalgalerie ist dicht, leer die Gläserne Halle, so ohne Kunst sieht man erst richtig, wie stark renovierungsbedürftig sie ist. Eine Leerstelle am Kulturforum, das nun punkten muss, wenn Besucher kommen sollen. Das dürfte gelingen mit der Göttin der Liebe – am 24. September beginnt die „Botticelli Renaissance“ in der Gemäldegalerie, beflügelt durch die Zusammenarbeit mit dem Victoria & Albert Museum in London.
Deren Direktor Martin Roth leitete bis 2011 die Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, auffallend wie stark an diesem Morgen das deutsch-englische Verhältnis beschworen wird. Nach Station in Berlin wandert Botticelli an die Themse. Eine weitere Alte-Meister-Schau mit goldenen Rahmen will die Ausstellung nicht sein, sondern Botticelli erstmals als modernen „Meister der Marke“ präsentieren.
Wie kein anderen Maler seiner Zeit ist Botticelli in Mode, Werbung und Lifestyle präsent und allgegenwärtig, dabei „funktionieren die Motive völlig losgelöst als eigene Marke“, sagt Kurator Stefan Weppelmann. Lady Gaga hat sich der blond bezopften Göttin ganz anverwandelt, ein eigenes Album produziert. Modelabel wie Gucci und Bulgari setzen ganz auf den Primavera-Look ihrer Trendshops. Es geht aber auch profaner: Felgen mit dem Namen der Renaissance-Lady – aus edlem Titan. Das kann nur Männern einfallen.
Die Venus bleibt im Museum in Florenz
Aber natürlich sollen bei soviel Style die Fans der Renaissance nicht zu kurz kommen: 40 Botticellis werden zu sehen sein, aus großen Sammlungen wie der National Gallery in Washington oder dem Metropolitan Museum in New York, Privatsammlungen sind vertreten wie die Uffizien in Florenz. Beklagenswert: Die Göttin selbst reist nicht, bleibt im Museum in Florenz.
Das Kuriose ist, dass Botticelli bis ins 19. Jahrhundert von der Bildfläche verschwunden war und erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt wurde. 1750 existierte er quasi nicht, wie Weppelmann erzählt. 1850 galt er lediglich als Wand-, später als Tafelmaler, heute scheinen seine Malkünste allein auf die Venus und die Primavera reduziert. Der Kunsthistoriker nennt so etwas „fragmentierte Werkrezeption“.
Botticelli signierte nur zwei seiner Werke
Botticelli betrieb eine formidable Werkstatt, daher bleibt bis heute das Zuschreibungsproblem der einzelnen Bilder. Nur zwei seiner Werke hat Botticelli wirklich signiert, darunter eine der Zeichnungen im Berliner Kupferstichkabinett. Alle anderen Werke sind dem Italiener zugeschrieben. Was Stefan Weppelmann zu der Aussage verleitet, keines der Berliner Bilder in der Gemäldegalerie sei gesichert. So funktioniert Forschung. Im Botticelli-Saal hängen neben der Venus, der Bardi-Altar, das Madonna Tondo und das Medici-Bildnis.
Ausgerechnet Mussolini machte Botticelli außerhalb Europas populär. 1939 schickte er die blonde Venus als italienischen Werbeexport nach Amerika auf Ausstellungsreise. Als das Muschel-Gemälde im Museum of Modern Art in New York ausgestellt wurde, erhielt Greta Garbo bei der mit Spots angeleuchteten Göttin vorab einen Exklusivtermin. Wartende Besucher flüsterten sich zu, so hat Weppelmann recherchiert, „bloß nicht ohnmächtig werden.“ Jedes Schulkind in Manhattan wusste bald, wer Botticelli war – das MoMA hatte Tausende Poster drucken lassen. So wurden neue Ideale geboren aus dem Geiste der Grandezza: Schönheit und Modernität.
Gemäldegalerie, Matthaikirchplatz, Tiergarten. Eröffnung: 24. September. Karten: Flexitickets, sofort online buchbar unter: www. smb.museum/botticelli/tickets-und-fuehrungen. 24/28 Euro.



