Museum in Berlin

Neue Nationalgalerie bleibt fünf Jahre lang geschlossen

Das Gebäude von Mies von der Rohe gilt als Ikone der Moderne. Die Sanierung kostet 101 Millionen Euro - das Haus wird erst 2020 wieder eröffnet. Eigentlich sollte es nicht so lange dauern.

Die Generalsanierung der Neuen Nationalgalerie am Kulturforum wird nach einer ersten Berechnung 101 Millionen Euro kosten. Die Finanzierung des denkmalgeschützten Gebäudes von Ludwig Mies van der Rohe übernimmt der Bund. Die Summe sei bereits genehmigt, sagte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, bei der Vorstellung der Entwurfsplanung am Mittwoch. Ein Risikozuschlag und die Kosten für die Neueinrichtung sind in dem Betrag noch nicht enthalten.

Das 1968 erbaute Museum ist nicht nur bautechnisch marode, sondern entspricht in den Bereichen Klima und Besucherservice längst nicht mehr den Ansprüchen eines modernen Ausstellungshauses. Auf die Sanierung der Fassade und des Stahldaches entfallen 40 Prozent der Baukosten, auf die Modernisierung der Technik 20 Prozent, 30 Prozent verschlingen die Nebenkosten, also Anmietung von Immobilien und Grundstücken für die Lagerung der Kunstwerke und der unzähligen demontierten Bauteile, Recherche und Personalkosten. Für die Sanierung ist der britische Stararchitekt David Chipperfield verantwortlich.

Mit der Fertigstellung des Gebäudes rechnet Arne Maibohm, Architekt vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), Mitte 2019, im Jahr des offiziellen Bauhaus-Jubiläums, das in Berlin gefeiert wird. Für die Einrichtung des Museums, den Rücktransport der Gemälde, Skulpturen und des Mobiliars veranschlagt Parzinger nochmals ein Jahr, so dass mit der Wiedereröffnung im ersten Halbjahr 2020 zu rechnen ist. Damit liegt die Schließzeit des beliebten Berliner Museums bei insgesamt fünf Jahren. Ursprünglich waren drei Jahre Schließung geplant.

Gebäude wird bis auf den Rohbau freigelegt

Das Gebäude, ein Höhepunkt im Schaffen Mies van der Rohes, muss vom Sockel bis zum Dach komplett saniert werden, dabei wird es bis auf den Rohbau freigelegt und die Platten des Sockelgeschosses abgetragen. Zudem müssen die 3,46 Meter breiten Fenster komplett ausgetauscht werden. Gläser dieses Formates werden heute nur noch „made in China“ produziert. Von dort wird geliefert.

Die im Vorfeld genannten Kosten für die Generalsanierung von rund 70 Millionen Euro seien reine Spekulation, so Parzinger, und ohne bautechnische Grundlage gewesen. An einer Diskussion über eine mögliche Kostenexplosion wie beim BER oder der Staatsoper will sich der Stiftungspräsident nicht beteiligen. „Es wurde nichts schön gerechnet“, verteidigte er das Projekt. Eine Architekturikone von Weltrang denkmalgerecht zu sanieren sei ein hoher Aufwand, „es gab keine Alternative, das zu umgehen“. „Wir können die Risiken gut einschätzen“, erklärt Daniel Wendler vom Büro Chipperfield, „weil das Gebäude sehr gut dokumentiert ist.“

Zwei Jahre hat er recherchiert, sich Mies-van-der Rohe-Gebäude in Washington und New York angeschaut, Bauunterlagen in Archiven gesichtet und Zeitzeugen wie Dirk Lohan befragt. Der Enkel von Mies van der Rohe war in den 60er-Jahren Projektleiter beim Bau der Nationalgalerie. Dennoch, so Wendler: „Risiken sind nicht auszuschließen.“

„Ein Museum ist wie ein Krankenhaus“

Am Mittwoch hängen sieben Pläne an einer Wand des Direktorenzimmers im Untergeschoss der Nationalgalerie. Untergeschoss, obere Halle, Keller, Dachkonstruktion. Mit Farben sind die Veränderungen am Gebäude gekennzeichnet: gelb für Abbruch, blau für temporäre Demontage von Materialien und rot für die Ergänzung von Bauteilen wie dem neuen Aufzugsschacht. „Ein Museum ist wie ein Krankenhaus“, sagt Museumsleiter Joachim Jäger, „mit einer komplexen technischen Maschinerie“.

Bislang konnte die Öffentlichkeit wenig erfahren über den Sanierungsprozess des maroden Museums, das, 1968 erbaut, seinen „ersten Lebenszyklus“ längst überschritten hat. Und die Liste der Mängel lang. Nun liegt das Konzept vor, das ein Team zwei Jahre und damit ungewöhnlich lange erarbeitet hat, um die „Integrität des Gebäudes“ zu wahren. Der Aufwand, so sind sich alle sicher, entspricht der Bedeutung des Gebäudes.

Die Vorgabe des Chipperfield-Teams für die Sanierung: „So viel Mies wie möglich.“ Im Prinzip muss alles erneuert werden, die Liste der Mängel ist lang, zumal auch Schadstoffe wie Asbest entfernt werden. Das Sockelgeschoss wird freigelegt und der Glaspavillon bis auf den Rohbau entkernt, weil der schwer geschädigt ist. Am Schluss wird das Gebäude dann wieder mit komplett neuer Verglasung und den Originalteilen bestückt. Im Außenraum müssen die Granitplatten abgetragen, gereinigt und Schäden verklebt werden. Dafür wird der Skulpturengarten wieder zugänglich gemacht, der unter Mies eine lebendige Verbindung zur Stadt herstellen sollte. Eine wesentliche Änderung betrifft Garderobe und Museumsshop, beide Einrichtungen sind zu klein und bekommen andere Standorte im Untergeschoss.

Die Baumaßnahme, erzählt Alexander Schwarz, sei im internationalen Vergleich hoch angesiedelt. „Mies verzeiht nichts“, sagt er, „das heißt, millimetergenau zu arbeiten, sonst passt hinterher gar nichts“. Und was wird man am Ende von der Sanierung sehen? „Am besten nichts.“

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