Fashion Week in Berlin, überall Laufstege und Labels, die sich in der Stadt präsentieren. Die Ausstellung „In Your Face“ zur Modefotografie kommt da gerade recht. Madonna, Lady Gaga, Kate Moss, Naomi Campbell, in rauschenden roten Roben oder fast nackt im seidigen Glanz von Slips. Alle da: Sie lagen, standen, räkelten sich vor der Kamera des Starfotografen Mario Testino, und der zeigt seine Schönen jetzt auf gleich zwei Etagen in den Sonderausstellungshallen am Kulturforum. Langbeinige Ladys in Schwarz laufen herum. Den Besuchern der Modewoche wird das gefallen. Hier spiegelt man sich im schönen Schein.

Und weil die heiligen Hallen der Kunst alles andere als glamourös sind, versucht man an diesem Tag mit schwarzen Läufern und einigen Glitzer-Lämpchen ein wenig Ambiente zu zaubern im Foyer. Schließlich heißt der Sponsor Swarovski, und bei dem Kristall-Schmuck-Hersteller gehört weltweites Superglitzern zur Marke. Sechs Monate läuft die Schau, länger als Kunstausstellungen normalerweise laufen, diese museale Adelung dürfte Swarovski einiges kosten.

Fotograf des Königshauses

Er, Testino, kommt spät zur Pressekonferenz, wie ein Star wird er von einem schwarz bekleideten Team samt Museumsdirektor hereinbegleitet. Kameras klicken, „Mario“ ruft ein Fotograf. „Good morning“, sagt er. „Wie geht’s?“, so wie es im Englischen die Höflichkeit verlangt. Seit über 30 Jahren lebt der gebürtige Peruaner an der Themse, er ist einer der offiziellen Hoffotografen, Lady Diana hat er schon vor der Kamera gehabt, zuletzt machte er das Verlobungsfoto von Kate und William.

Den Verdienstorden des British Empire durfte er schon entgegennehmen, allerdings nicht wie üblich von der Queen, da er nicht in Großbritannien geboren wurde. Im Eingangsbereich ist ein Video in Dauerschleife mit ihm zu sehen: Testino bei einer Talkshow. Testino auf einer weißen Yacht. Testino im Flieger. Ein Star unter Stars. Übrigens mag er Instagram und Selfies, eine Fortsetzung der Polaroids, findet er. „Man muss sich promoten, das ist Business, das gehört dazu.“

Und immer wieder Kate Moss

Auf zwei Etagen wandelt der Besucher zwischen Nackten und Halbnackten in feinster Unterwäsche, wenn man das überhaupt so nennen kann. Riesige, überlebensgroße Porträts in kunterbunten Rahmen, Shootings für Werbekampagnen und Hochglanzmagazine wie „Vogue“ und „Vanity Fair“. Sienna Müller in einem zarten schwarzweiß abgesetzten Federkleidtraum – sie schwebt förmlich zwischen antiken Skulpturen in einem Museum in Rom. Lady Gaga mit weißer Perücke und einem üppigen Überwurf, wie eine pinkfarbene Fledermaus auf Speed.

Und immer wieder Kate. Kate Moos, mal Vamp, mal Girlie, mal Lady und eigentlich immer irgendwie ein toller Typ. Madonna mal nicht als Femme Fatale, sondern als Grande Dame mit Federhut und schmeichelndem Pelz. Demi Moore in Helmut-Newton-Pose: nackt, in High Heels, vor dem offenen Fenster an einem französischen Balkon. Nicole Kidman in üppiger Robe wie hingegossen auf Barockstühlen an einer langen barocken Tafel. An den Fotos, Auftragsarbeiten, fehlen allerdings die Bezeichnungen der einzelnen Modemarken. Chronologisch sind die Arbeiten nicht gehängt, sondern nach ästhetischen Gesichtspunkten.

Die besten Seiten des Weiblichen

Zwischen den kommerziellen Aufnahmen hängen „private“ Schnappschüsse nach dem Motto: das Leben ist eine einzige Party. Testino inmitten der Celebrities. „Ich bin ein Paparazzi“, sagt er kokett. Donatella Versage, Beyoncé Knowles, Mariah Carey trinken Champagner, Kate Hudson, Stella McCartney und Adrian Brody albern irgendwie in einem New Yorker Club. Robbie Williams schmeißt sich mit Mini-Pailletten-Bikini-Oberteil in Pose. Wie reagieren die Promis auf Partys, wenn er sie fotografiert. „I am Testino“, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen.

Mario Testino weiß, was er fotografieren will: „Glamour und Schönheit, halt die besten Seiten des Weiblichen. Ich bin fürs Perfekte.“ Dass das Perfekte schön ist, manchmal aber auch langweilig, das sagt er nicht. Ganz klar, er ist der Fotograf der Frauen, obwohl, wie er gleich zweimal sagt, „Männer besser kann“. Was immer er damit meint. Auf jeden Fall sind seine fotografischen Inszenierungen fantastisch, voller Kontraste, die technische Umsetzung einfach makellos. Ein riesiges Team an Visagisten und Stylisten arbeitet für ihn. Und doch, ja, erkennt man so recht keine eigene Handschrift à la Testino, so wie bei Helmut Newton oder Peter Lindbergh.

In Berlin ist er oft

Als der 60-Jährige über seine Karriere spricht, hört sich das ein wenig an wie eine dieser Tellerwäscher-Millionärs-Geschichten. In den 70er-Jahren kam er zum Studium nach London. Dort Fuß zu fassen sei nicht leicht gewesen. Mit ein paar Kumpels mietete er eine Etage eines alten Krankenhauses an, zehn Pfund die Woche. Klar, dass die Unterkunft nicht gerade komfortabel war. 15 Jahre hat er gebraucht, um genügend zu verdienen und aus seinen Schulden heraus zu kommen, erzählt er. Und jetzt, jetzt „bin ich da“.

Gibt es einen deutschen Star, den er gerne fotografieren würde? „Ich bin offen“, sagt er. „Sagen Sie mir, wo ich mich hinwenden soll.“

In Berlin jedenfalls kennt er sich ganz gut aus. Hier war er oft, hat Künstler wie Jonathan Meese und auch John Bock fotografiert. Er sammelt selbst Kunst, da ist die Stadt nicht ganz unwichtig. Er liebt es, mit dem Rad von Galerie zu Galerie zu fahren, Ateliers zu besuchen oder die Gemäldegalerie und die Nationalgalerie. Eine Kamera hat er immer dabei.

Kulturforum, Sonderausstellungshallen, Matthäikirchplatz, Di-So, 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr. Bis 26. Juli.