Berlinale

Die Berlinale-Preise: Mit diesen Bären kann man prima leben

Am Sonnabend wurden die Bären verliehen. Die zwei Hauptpreise gehen nach Frankreich. Aber auch der deutsche Film schneidet stark ab.

Jury-Präsidentin Juliette Binoche überreicht Nadav Lapid den Goldenen Bären.

Jury-Präsidentin Juliette Binoche überreicht Nadav Lapid den Goldenen Bären.

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Am Ende hat die Preisvergabe wieder alle überrascht. Das ist ja so Usus bei Filmfestivals, und erst recht bei der Berlinale, dass Internationale Jurys oft ganz anders entscheiden als Kritik oder Publikum. So abwegig wie im letzten Jahr, als der Goldene Bär an den Sexschockerexperimentalfilm „Touch Me Not“ ging – ein Votum, das großes Unverständnis, teils sogar richtigen Zorn hervorrief –, ist es in diesem Jahr allerdings nicht. Die Juroren um Präsidentin Juliette Binoche haben schon die richtigen Filme gekürt. Nur hätte man die Auszeichnungen vielleicht eher in anderen Kategorien erwartet.

Der Goldene Bär geht an „Synonymes“, ein Film, in dem der israelische Regisseur Nadav Lapid seine eigene Geschichte erzählt: wie er seinem Land Israel den Rücken kehrte, nach Frankreich kam, sich weigerte, auch nur ein Wort Hebräisch zu sprechen, und ein neues Leben begann. Ein schöner, genau beobachtender Film mit absurd-komischen Momenten, der auch ganz allgemeingültig von einer Identitätskrise und -findung erzählt, von einem Neubeginn in der Fremde, letztlich ein Flüchtlingsschicksal, wenn auch keines aus Not. Durch die derzeitige erschreckende Zunahme von Antisemitismus in Frankreich bekommt Lapids Films eine zusätzliche Komponente. Insofern ist der Goldbär für seinen Film auch eine eminent politische Auszeichnung.

Die Frauenquote schlägt sich auch in den Preisen nieder

Der Große Preis der Jury, die zweitwichtigste Auszeichnung des Festivals, geht an François Ozons schmerzliche, wütend machende Aufarbeitung eines realen Falls von zigfachem Kindesmissbrauch durch einen Priester, der von der katholischen Kirche gedeckt wurde. Derzeit läuft ein Prozess – gegen den Priester und die, die ihn gedeckt haben. Das Urteil soll am 8. März gesprochen werden. Selten war ein Berlinale-Film so aktuell, und auch dieser Bär ist gold- oder doch silberrichtig.

Dann ist es zu Dieter Kosslicks allerletzter Berlinale natürlich noch mal ein Coup, dass gleich vier Preise an deutsche Filme gehen, die ersten für den besten Kurzfilm und den besten Erstlingsfilm. Dann kommt der Regiepreis an Angela Schanelec für ihren Film „Ich war zuhause, aber“ und der Alfred-Bauer-Preis für Filme, die neue Perspektiven eröffnen, an Nora Fingscheidts Spielfilmdebüt „Systemsprenger“.

Beide, Schanelec wie Fingscheidt, sind Berliner Filmemacherinnen. „Systemsprenger“, gleich der zweite Film im Wettbewerb, handelt von einem Problemkind, das sich jeder Erziehung verweigert und durch alle Auffangnetze fällt. Der Film hat Kritiker wie Publikum gleichermaßen mitgerissen, vor allem die zehnjährige Hauptdarstellerin Helena Zengel mit ihrem direkten, unverstellten Spiel. „Ich war zuhause, aber“ war dagegen der Film, der das Festival gespalten hat wie keiner sonst.

Einige wenige feierten ihn triumphal, „Spiegel Online“ verstieg sich gar zu der Behauptung, wer sich diesem Film verweigere, verweigere sich dem Kino. Dabei verweigert sich der Film hier vor allem selbst dem Kino oder doch seinen Konventionen. Schanelec erzählt von einer Trauerverarbeitung, die auch die ihre ist, ihr Mann, der Theaterregisseur Jürgen Gosch, starb 2009. Aber sie tut das mit vielen Leerstellen, die den uneingeweihten Zuschauer völlig allein lassen. Der Bär an diesen Film wird so spalten wie der Film selbst.

Ganz am Ende eines insgesamt etwas schwachen Wettbewerbs hatte noch der chinesische Beitrag „Di jiu ­tian chang“ (So long, my Son) überrascht, ein Film, der auch von Trauerverarbeitung handelt, vor allem aber anhand eines Familiendramas in großartig verschachtelter Erzählweise 40 Jahre chinesische Geschichte erlebbar macht – und was die Kulturrevolution und Ein-Kind-Politik in der Gesellschaft mit den einfachen Menschen gemacht hat. Manche hofften hier auf den Bär in Gold oder doch den Großen Preis der Jury. Die hat stattdessen salomonisch gleich beide Hauptdarsteller,Yong Mei und Wang Jingchun, ausgezeichnet. Ähnlich verfuhr man 2015 bei „45 Years“ mit Charlotte Rampling und Tom Courtenay.

„Das Private ist politisch“: Das diesjährige Motto der Berlinale lösen irgendwie alle der ausgezeichneten Filme ein. Dass ein Großteil des Wettbewerbs sich mit Konflikten von Eltern und Kindern auseinandersetzte, spiegelt sich in den Preisen ebenfalls nieder, auch durch den Drehbuch-Bär an „La parenza dei bambini“, der von neapolitanischen Mafia-Jungs handelt.

Dass gleich zwei Hauptpreise nach Frankreich gehen, daran wird die Jurypräsidentin Juliette Binoche nicht ganz unschuldig sein. Dass die Berliner Schule ausgezeichnet wurde, der Dieter Kosslick immer ein großes Forum auf „seiner“ Berlinale gegeben hat, ist auch kein Zufall. Immerhin hatte Jurorin Sandra Hüller großes Glück mit einem anderen Film dieser Schule, „Toni Erdmann“ von Maren Ade. Ade wiederum ist Koproduzentin des Siegerfilms „Synonymes“. Woraus man aber bitteschön nicht ableiten sollte, dass hier Gefälligkeiten verteilt wurden. Hier fand sich offensichtlich ein gemeinsamer Filmgeschmack. Und dass die Berliner Schule in Frankreich viel mehr gefeiert wird als im eigenen Land, ist eine bekannte Absurdität.

Dieter Kosslick kann aufatmen. In diesem Jahr hat die Jury zum Schluss nicht wieder mit einer nicht nachvollziehbaren Bärenvergabe die Berlinalestimmung runtergekühlt. Im Gegenteil: Selbst die Rekord-Frauenquote von 41 Prozent im Wettbewerb schlägt sich bei den Preisen nieder: Drei von acht Bären gehen an Frauen, das sind exakt 37,5 Prozent. Die Hauptpreise allerdings gehen mal wieder an die Herren der Schöpfung.

Nur um einen Film ist es wirklich schade, der so feministisch, kämpferisch und versöhnlich war wie kein zweiter, aber völlig übergangen wird: der mazedonische Beitrag „Gospod po­stoi, imeto i’e Petrunija“ Leer geht auch Isabel Coixets Lesbendrama „Elisa y Marcela“ aus. Aber auch da durfte Kosslick aufatmen. Sonst wäre wohldoch noch eine Debatte darüber entbrannt, ob eine Netflix-Produktion einen Filmpreis bekommen darf.

Die Preisträger auf einen Blick:

Goldener Bär Bester Film: „Syno­nymes“ von Nadav Lapid (Frankreich).

Silberner Bär Großer Preis der Jury: „Grâce à Dieu“ von François Ozon (Frankreich).

Silberner Bär Alfred-Bauer-Preis für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet: „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt (Deutschland).

Silberner Bär Beste Regie: Angela Schanelec für „Ich war zuhause, aber“ (Deutschland).

Silberner Bär Beste Schauspielerin: Yong Mei in „Di jiu tian chang“ (China).

Silberner Bär Bester Schauspieler: Wang Jingchun in „di jiu tian chang“ (China)

Silberner Bär Bestes Drehbuch: Maurizio Braucci, Claudio Giovannesi und ­Roberto Saviano für „La paranza dei bambini“ (Italien).

Silberner Bär für eine herausragende künstlerische Leistung: Kameramann Rasmus Videbæk für „Ut og stjæle hester“ (Norwegen).

GWFF Preis Bester Erstlingsfilm: „Oray“ von Mehmet Akif Büyükatalay (Sektion Perspektive Deutsches Kino).

Glashütte Original Dokumentarfilmpreis: „Talking About Trees“ von ­Suhaib Gasmelbari (Sektion Panorama).

Goldener Bär Bester Kurzfilm: „Um­bra“ von Florian Fischer und Johannes Krell (Deutschland).

Silberner Bär Preis der Jury Kurzfilm: „Blue Boy“ von Manuel Abramovich ­(Argentinien/Deutschland).