Berlinale

Film im Wettbewerb: Die Systemsprenger von Neapel

Ein Film nach dem Bestsellerroman von Roberto Saviano: „La paranza dei bambini“ im Wettbewerb der Filmfestspiele.

Sie schmücken sich mit Kriegsbemalung und sagen der Gesellschaft den Kampf an: Nicola (Francesco Di Napoli, l.) und seine Gefährten.

Sie schmücken sich mit Kriegsbemalung und sagen der Gesellschaft den Kampf an: Nicola (Francesco Di Napoli, l.) und seine Gefährten.

Foto: Palomar 2018

Ein Familienbetrieb aus Nordrhein-Westfalen bestückt derzeit die Kühlregale der Supermärkte mit einer neuen Serie internationaler Fleischsalate. Sie heißt „Die jungen Wilden“. Die italienische Variante „Giuseppe“ wurde, so legt es ein Schwarz-Weiß-Foto auf dem Etikett nahe, nach einem jungen, bartlosen Mann mit hohen Wangenknochen und schwarzen Wuschelhaaren benannt. Er ist gerade dabei, sich sein Lederjäckchen entweder an- oder auszuziehen und könnte aus Filmen von Pasolini oder Federico Fellini stammen. Die jungen Wilden gehen eben immer. Da macht auch die Berlinale keine Ausnahme, im Gegenteil.

In diesem Jahr geht der Trend ja zu den ganz jungen Wilden. Nachdem in „Systemsprenger“ ein „Kampfzwerg“ (so wird die neunjährige Benni im Film von einem Betreuer tatsächlich genannt) der deutschen Jugendhilfe ihre Grenzen aufgezeigt hat, befreit in „La paranza dei bambini“ ein ganzer Trupp schwer bewaffneter Teenager den eigenen Kiez im neapolitanischen Stadtteil Sanità von Schutzgeld erpressenden Mafiosi.

Dabei machen die „Piranhas“ keine Gefangenen, werden zu unerwünschten Personen in angrenzenden Vierteln und verstricken sich bald in interne Konflikte. Doch zunächst sieht alles nach einer Heldengeschichte aus. Der 15-jährige Nicola (Francesco Di Napoli) ist ein klassischer, etwas dunkelhäutigerer „Giuseppe-Typ“.

Eines Tages beobachtet er aus dem Hinterzimmer der kleinen Wäscherei seiner Mutter, wie zwei Lederjackenträger ihren Anteil an den Einnahmen eintreiben. Aus Wut, Langweile und Konsumlust verbündet sich der frühreife Anführer einer Mofa-Gang mit den Söhnen einer einstmals einflussreichen Familie. Eine Grundausstattung an automatischen Feuerwaffen leiert Nicola einem unter Hausarrest stehenden Paten aus den Rippen.

Nicola will mehr vom Leben und von seiner Freundin

Zwei Anschläge später sind er und seine Freunde die Herren ihres Kiezes und teilen den ansässigen Händlern mit, dass ab jetzt kein Schutzgeld mehr zu zahlen sei. Vor lauter Glück besorgt Nicola seiner Angebeteten Letizia (Viviana Aprea) drei Dutzend rote Luftballons. Als frisch verliebtes Paar feiern sie sich und ihre Wahlfamilie mit einer rauschenden Party, an deren Rand in Nicolas Gesicht schon abzulesen ist, dass ihm der unbeschwerte Hedonismus nicht reicht. Er will mehr Macht, mehr teure Möbel für seine Mutter und mehr von Letizia, die sich vorerst noch weigert, bei ihren Eltern aus- und bei ihm einzuziehen.

Auf „La paranza dei bambini“ hatte man mit Spannung gewartet. Schließlich basiert er auf einem Buch des investigativen Journalisten Roberto Saviano. Der war vor allem mit „Gomorrha“, seiner akribischen Recherche über das organisierte Verbrechen in seiner Heimatstadt Neapel, bekannt geworden, dessen Adaption von Matteo Garrone zu den wichtigsten Kinofilmen der letzten 20 Jahre zählt. Auch Claudio Giovannesi macht seine Sache nun alles andere als schlecht.

Unter seiner Regie spielen seine Laiendarsteller zwischen Grundschulalter und Volljährigkeit zu hinreißender Form auf. Die stets auf Augenhöhe der Protagonisten schwebenden Breitwandbilder von Kameramann Daniele Ciprì verwandeln die schmalen Gassen Neapels in einen Irrgarten, den man gar nicht mehr verlassen möchte.

Verwundbar ist Nicola nur in einer Szene

Und doch lässt einen dieser Film seltsam unberührt. Zum einen mag das daran liegen, dass der Verlauf des Geschehens von Beginn an in Stein gemeißelt scheint und Giovannesi offenbar kein Interesse daran hatte, um der bloßen Spannung willen daran irgend­etwas zu ändern, irgendwelche Fährten anzulegen, die auf eine bessere Zukunft hoffen oder auch einen weniger steilen Weg in den Abgrund erwarten ließen. Reizvoll wäre sicher auch gewesen, mehr über die einzelnen Mitglieder von Nicolas Gang zu erfahren, als dass der fülligere Junge eher unsportlich und der kleine Dauerkokser ein unkontrollierter Heißsporn ist.

Und irgendwann schleicht sich ein Gefühl ein, das in diesem Berlinale-Wettbewerb nicht wirklich zu erwarten gewesen war. Mit leichter Sehnsucht denkt man an die Drastik von Fatih Akins „Der goldene Handschuh“ zurück. Da wurde ein Mord noch als quälender Akt inszeniert und Wunden als Quelle von Schmerz. Sex machte Flecken. Bei Claudio Giovannesi fallen die Opfer prompt und lautlos, als wären diese Kinder ausgebildete Scharfschützen. Verwundbar zeigt sich Nicola eigentlich nur in einer, allerdings wunderbaren Szene, in der er feststellt, dass Mutter oder Bruder ihm keinen seiner Lieblingskekse übrig ließen.

Und Sex, zumindest der unbezahlte, beschränkt sich auf romantische Bilder, die sich auch als Postkarten zum Valentinstag eignen würden. Ein bisschen mehr von der Konsequenz Fatih Akins hätte aus „La paranza dei bambini“ einen wesentlich dringlicheren Film gemacht. Was nichts daran ändert, dass mögliche Pläne für einen „wilden deutschen Fleischsalat“ namens „Fritz“ gern in der Schublade bleiben dürfen.

Termine: 13.2., 12 Uhr Friedrichstadt-Palast, 22.30 Uhr International; 17.2., 16.15 Uhr Friedrichstadt-Palast

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