Berlinale

Überall Risse im Leben

Edward Bergers „All My Loving“ im Panorama tut so weh, dass man im Kinosaal Taschentücher braucht.

Erst schwindet sein Gehör, dann verliert er die Kontrolle über seine Existenz: Pilot Stefan (Lars Eidinger) wird für fluguntauglich erklärt.

Erst schwindet sein Gehör, dann verliert er die Kontrolle über seine Existenz: Pilot Stefan (Lars Eidinger) wird für fluguntauglich erklärt.

Foto: Berlinale 2019

Berlin. Ein Pilot, der nicht mehr fliegen kann, ein Paar, das das einzige Kind verlor, und ein Enddreißiger ohne Studienabschluss, aber mit drei Kindern: Dass es Stefan, Julia und Tobias an Problemen mangelt, das kann wirklich keiner behaupten. Am Ende des Films, das darf man sicher verraten, werden nicht alle gelöst sein. Genau das aber macht Edward Bergers „All My Loving“, der in der Panorama-Sektion zu sehen ist, zu einem so famosen Film. Man braucht allerdings Taschentücher, wenn man ihn sieht. Jede Menge.

Berger schaut genau hin, wie jedes Leben aus seinen Fugen gerät. So genau, dass er den Geschwistern einzeln folgt. Die erste Charakterstudie zeigt bloß Stefan (Lars Eidinger), für den sein Beruf alles ist. Als Pilot wird er in Berliner Bars umgarnt, auf Partys kann er angeben mit oberflächlicher Weltgewandtheit und mit dem üppigen Gehalt einen Sportwagen finanzieren. Dass sein Leben eigentlich leer und er ziemlich einsam ist, das bemerkt er, als er unter Schwindelanfällen leidet und sein Gehör langsam verschwindet. Was gleichzeitig eine schöne Metapher für die Ignoranz ist, mit der er allen Mitmenschen begegnet. Er wird für fluguntauglich erklärt.

Dass das eine Paraderolle für Lars Eidinger ist, der auf dieser Berlinale außerdem noch als DJ und in der Serie „M – Eine Stadt sucht ihren Mörder“ aufwartet, ist klar: Mit einem zuckenden Mundwinkel lässt er seine Breitbeiner-Attitüde bröckeln, aber nie ganz schwinden. Man mag ihn nicht und fühlt trotzdem mit ihm mit.

Der Zuschauer kann sich dem Leid nicht entziehen

Derweil geht es auch seinen Geschwistern bescheiden: Julia (Nele Mueller-Stöfen) kommt nicht über den Tod ihres Kindes hinweg und versucht, die Leerstelle durch die Liebe zu Hunden zu füllen. Das klappt natürlich nicht. Denn da ist etwas in ihr zerborsten, das kein Tier wieder heil machen kann. Nele Mueller-Stöfen, die mit ihrem Lebensgefährten Berger und dem Kameramann Jens Harant auch das Drehbuch geschrieben hat, spielt die Mutter, die keine mehr ist und trotzdem immer eine sein wird, mit viel Feingefühl. Wo der Berlinale-Eröffnungsfilm „A Kindness of Strangers“ in den Sozialkitsch abdriftet, da hält Berger mit der Kamera schmerzhaft drauf. Das geht hier auf. Deswegen drückt man sich immer tiefer hinein in den Kinosessel. Und kann sich dem Leid trotzdem nicht entziehen.

Im Leben des dritten Geschwisterkinds sind die Risse nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Tobias (Hans Löw) hat drei gesunde Kinder, eine Frau, die ihm Geld zusteckt, und ein Haus, das so viel Chaos beherbergt wie Glück. Könnte also alles okay sein. Doch da er sich um die Kinder kümmert, kommt er mit seiner Diplomarbeit nicht zurande – etwas, das man sonst ja nicht häufig von Vätern sieht. Es zeigt, wie viel auf der Strecke bleibt, wenn man Heimarbeit verrichtet. Und wie wenig davon gesehen wird.

So soll er bei den Eltern im Süden nachsehen, ob sie noch allein zurechtkommen. Kommen sie nicht. Schmutziges Geschirr stapelt sich, dreckige Bettwäsche auch. Die Eltern haben sich entfremdet, von den Kindern, aber auch von sich selbst. Dass sich jetzt die Rollen vertauschen und die Kinder sich um sie kümmern – und nicht umgekehrt –, können sie nur schwer ertragen. Wie die Zuschauer. Vielleicht, weil man das kennt. Vielleicht, weil die Autoren Mueller-Stöfen, Berger und Harant die Realität so ungekünstelt aufgeschrieben haben, dass es wehtut.

Dabei ist eigentlich keiner dieser Konflikte neu, keiner im Kino unterrepräsentiert. Doch so brillant gespielt sieht man sie selten. Und nicht mit so viel Empathie gefilmt. Dass Berger das kann, das hat er schon vor fünf Jahren, damals im Wettbewerb, schon mit „Jack“ gezeigt – auch so eine Teamarbeit mit Harant und Mueller-Stöfen. Dass das Drama über die zwei Jungs, die sich gegenseitig großziehen, damals keinen Bären bekamen, war schade. Später erhielt er immerhin einen Deutschen Filmpreis in Silber.

Leider hat Berger auch dieses Mal keine Chance auf eine Festivalauszeichnung. Das ist traurig, weil der Film dem Wettbewerb gut gestanden hätte, steht in dessen Zentrum doch prominent der Familienkonflikt. Und es ist auch traurig, weil man dem Film mehr Aufmerksamkeit gegönnt hätte. Nach dessen Abspann ist man irgendwie netter zu seinen Mitmenschen. Und das kann jetzt, da der raue Ton der sozialen Netzwerke in den Alltag sickert, jeder gut gebrauchen.

Termine: Heute., 14 Uhr Cubix 9; 15.2., 19 Uhr Zoo Palast 1; 17.2., 20 Uhr International.