Berlinale

Streit über Netflix-Film trübt das Festival

Den Hut hat ja eigentlich Dieter Kosslick auf. Am Sonntagabend überlässt er ihn aber Juliette Binoche. Foto: Kalaene/dpa

Stein des Anstoßes: Isabel Coixets Wettbewerbsbeitrag „Elisa y Marcela“, der am Mittwoch laufen soll.

Stein des Anstoßes: Isabel Coixets Wettbewerbsbeitrag „Elisa y Marcela“, der am Mittwoch laufen soll.

Foto: Quim Vives / Netflix

Berlin. Bislang war alles doch so gut gelaufen. Und so reibungsfrei. Doch zur Halbzeit des Festivals steht die Berlinale plötzlich kopf. Einer der 17 Wettbewerbsbeiträge, „Yi miazo zhong“ (One Second) aus China, fällt aus, wie das Festival am Montag bekannt geben musste. Schuld sind angeblich technische Pro­bleme bei der Postproduktion. Wenn der Film noch gar nicht fertig war, fragt man sich, in welchem Zustand das Auswahlkomitee ihn überhaupt gesehen hat.

Da Zhang Yimou, der 1988 den ersten Goldenen Bären nach China geholt hat, immer mal wieder in der Gunst der Volksrepublik stand und sie dann wieder verloren hat, bleibt die Spekulation im Raum, ob es sich hier nicht um einen Fall von Zensur seitens der chinesischen Behörden handelt, die nach außen hin kaschiert wird. Immerhin handelt der Film, einmal mehr bei Zhang Yimou, von den brachialen Umerziehungsmethoden zur Zeit der sogenannten Kulturrevolution in den 70er-Jahren. „Yi miao zhong“ wäre am Freitag der einzige und auch der letzte Beitrag im Wettbewerb gewesen. Für diesen Tag steht das Festival nun irgendwie nackt da.

Für noch mehr Wirbel sorgt freilich der spanische Beitrag „Elisa y Marcela“ (Elisa und Marcela), der am Mittwoch laufen wird. Eine Netflix-Produktion im Wettbewerb, das hatte Berlinale-Chef Dieter Kosslick vorab noch ausgeschlossen. Dann wurde Isabel Coixets Drama, das von eben dieser Streamingplattform produziert wurde, dennoch eingeladen. Aber nur unter der Prämisse, wie Kosslick betont, dass es in Spanien wie auch in Deutschland eine Kinoauswertung geben werde. Mehrere Kinobetreiber bezweifeln dies aber. Deshalb haben sie am Montag einen offenen Brief an Kosslick und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) geschickt, in dem sie fordern, den Film zumindest außer Konkurrenz zu zeigen – damit er nicht noch einen Preis bekommen könnte.

„Wir wenden uns hier ausdrücklich nicht gegen den Film von Isabel Coixet“, heißt es in dem Brandbrief, „sondern gegen das aggressive Geschäftsgebaren des Internetgiganten Netflix, der wie schon in Venedig ein öffentlich gefördertes internationales Kinofilm-Festival als Werbeplattform für das eigene Angebot missbrauchen will.“ Der Brief vom Verband AG Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater wurde von rund 160 Kinobetreibern unterzeichnet. Die Berlinale bleibt aber bei ihrem Standpunkt: „Unser Stand ist, dass es einen Kinostart in Spanien geben wird“, sagte Frauke Greiner, die Pressesprecherin der Berlinale.

Beim Filmfestival von Venedig hatte der Netflix-Film „Roma“ den Hauptpreis, den Goldenen Löwen, gewonnen. Danach hat ihn Netflix aber nicht regulär gestartet, sondern nur an drei Aktionstagen in „ausgewählten“ Kinos gezeigt. Eine klare Gängelung der Kinobetreiber: Eine klassische Kinoauswertung beträgt in der Regel drei Monate. Gut möglich also, dass zur Premiere von „Elisa y Marcela“ auf der Berlinale Störmanöver geplant werden.

Derweil hat die Berlinale schon bekannt gegeben, dass die nächste Ausgabe, dann unter neuer Leitung, deutlich später als sonst, am 20. Februar 2020, eröffnet wird. Also erstmals nach der Oscarverleihung, die im Gegenzug bereits auf den 9. Februar vorverlegt wird.