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Dieter Kosslick: „Als Festivalchef muss man kaltblütig sein“

In zehn Tagen startet sein vorletztes Festival: Dieter Kosslick über die leidige Diskussion um seine Person und die #MeToo-Debatte.

Foto: Jens Kalaene / dpa

In elf Tagen startet die 68. Berlinale. Die vorletzte von Festivalchef Dieter Kosslick. Und es könnten Schicksalstage für ihn werden. Denn im November wurde ein Offener Brief von 79 Filmschaffenden publiziert, in dem es um seine Nachfolge ging. Das wurde für ein echtes Kosslick-Bashing instrumentalisiert, das nicht nur den langjährigen Leiter, sondern auch die Berlinale selbst angezählt hat. Außerdem wird das Festival dieses Jahr wohl auch von der #MeToo-Debatte bestimmt. Ist dies doch die erste Gelegenheit, seit die Diskussion um Dieter Wedel auch den deutschen Film erreicht hat, dass sich die Branche in Berlin trifft. Wir haben Dieter Kosslick dazu in seinem Büro am Potsdamer Platz befragt.

Herr Kosslick, bereuen Sie eigentlich, dass Sie Ihren Vertrag noch einmal verlängert haben? Wäre der letzte normal ausgelaufen, hätte man Sie in Ehren entlassen. Jetzt ist eine hässliche Diskussion um Sie als Festivalchef entbrannt.

Dieter Kosslick: Nein, „je ne regrette rien!“, um es mit Edith Piaf zu sagen. Ich habe jetzt noch mal einen alten „Spiegel“-Artikel gelesen aus der Zeit, als ich hier angetreten bin und Moritz de Hadeln „entlassen“ wurde. Das könnte man so wieder abdrucken. Offensichtlich gibt es immer dieselben Argumente und Vorbehalte gegen einen Festivalchef. Offenbar ist es auch nicht möglich, ihn „in Würde“ abtreten zu lassen. Das ist schade.

Hatte diese leidige Diskussion eigentlich Auswirkungen auf die Programmgestaltung des Festivals? Ist es schwieriger geworden, Filme zu bekommen? Weil die Berlinale plötzlich als unsicher gilt?

In der Tat, einige Filme gab es plötzlich nicht mehr. Ob man das wirklich darauf zurückführen kann, vermag ich nicht zu sagen. Aber wenn ein so großes Festival plötzlich als unsicher erscheint, zeigt man seine Filme vielleicht lieber anderswo. Der Vorgang jedenfalls wurde international wahrgenommen und hat enorme Irritationen verursacht. Inzwischen weiß man ja, dass viele der 79, die da unterschrieben haben, sich manipuliert und missbraucht fühlen und sich teils öffentlich distanziert haben. Aber der Fakt ist halt in der Welt, und im Nachhinein kann man sowas schwer wieder richtig stellen. Damit muss man leben.

In der „Süddeutschen Zeitung“ gab es jetzt sogar ein Interview mit dem langjährigen Cannes-Chef Gilles Jacob, was man bei der Berlinale anders machen müsste. Tut das weh, wenn man so etwas lesen muss?

Naja, wenn man wie Gilles Jacob 37 Jahre erst künstlerischer Leiter und später Festivalpräsident war, kann man leicht vorschlagen, dass die Amtszeit von Festivaldirektoren auf vier Jahre verkürzt werden sollte. Ansonsten wird jeder Rat gern angenommen. Gerade von Leuten, die noch nie auf der Berlinale waren. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Wenn man so angezählt wurde, sind Sie jetzt eine Art „lame duck“ für Ihre letzten beiden Berlinalen?

Na, ich hoffe nicht! Vor allem möchte ich das nicht beim Eröffnungsfilm sein, wenn so viele Hunde auf dem Roten Teppich sind bei „Isle of Dogs“.

Ich sehe, Sie haben Ihren Humor noch nicht verloren.

Warum sollte ich? Ich gebe zu, ich war anfangs sehr aufgebracht. Aber das hat sich gelegt. Ich würde mich freuen, wenn man jemanden findet, der oder die ohne Angst hier anfangen will. Was ich noch gelernt habe durch den pensionierten Präsidenten aus Cannes, ist, dass man auch kaltblütig sein müsse. Wenn man nicht kaltblütig ist, überlebt man den Job hier offensichtlich nicht.

Diese Woche tagte Monika Grütters wegen der Nachfolge mit dem Aufsichtsrat der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB). Was ist denn aus der Transparenz geworden, die alle gefordert haben?

Ich bin, wie sich das gehört, nicht Mitglied dieser Auswahlgruppe. Ich denke, dass da viele Rat geben können. Einfach ist das alles nicht. Nicht weil es keinen gibt, der mich ersetzen könnte. Aber wir brauchen erst mal eine Regierungsbildung, auch um zu wissen, wer künftig Kulturstaatsministerin oder - minister wird. Und wenn man Leute auf internationalem Niveau sucht, müssen die auch können. Das braucht alles seine Zeit. Auch bei mir brauchte es damals ein halbes Jahr, bis ich antreten konnte, weil ich meinen Arbeitsvertrag bei der Filmstiftung NRW beenden musste. Aber ich bin überzeugt, dass Frau Grütters, der Aufsichtsrat und die Auswahlkommission sich für eine gute Lösung engagieren.

Wer immer Ihnen nachfolgen wird, muss 2020 auch gleich die 70. Berlinale stemmen. Stünden Sie für das Jubiläum in irgendeiner Weise zur Verfügung?

Ich denke, es geht jetzt erst mal um meine Nachfolge.

Kommen wir zum diesjährigen Programm. Im Wettbewerb sind diesmal gleich vier deutsche Filme vertreten, ein Fünftel der Beiträge. Haben Sie den Wettbewerb nicht voll bekommen? Oder ist das ein Zugeständnis an die Filmemacher, die den Offenen Brief gegen Sie unterschrieben haben?

Soweit kommt’s noch. Nein, das hat sich einfach so ergeben. Wir erleben mal wieder ein richtig gutes Jahr des deutschen Films. Die Filme sind thematisch und formal sehr unterschiedlich. „Transit“ etwa, Christian Petzolds Adaption des Anna-Seghers-Romans, behandelt das Thema Flucht, das uns sowieso in mannigfaltiger Weise beschäftigen wird. Ein anderes großes Thema sind Künstlerschicksale. In „3 Tage in Quibéron“ geht es um Romy Schneider und die Tatsache, dass die Deutschen sich nie damit abfinden konnten, dass Sissy nach Frankreich ging und dort als Romy eine große Karriere machte. Dieser Film ist deutsche Filmgeschichte, im wahrsten Sinn des Wortes.

Diese Woche lief „Der seidene Faden“ des Bären-Gewinners Paul Thomas Anderson an. Und während der Berlinale startet Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ mit Meryl Streep, Ihrer Jurypräsidentin 2016. Warum laufen diese Filme nicht auf der Berlinale?

Diese Filme hätten wir auch gern auf der Berlinale gehabt. Wir haben uns sehr darum bemüht. Aber es hat sich nicht ergeben. Das ist sehr bedauerlich. Aber da hat in diesem Jahr die Oscar-Klappe richtig zugeschlagen. Um sich für den Oscar zu qualifizieren, müssen die Filme vor der Berlinale ins Kino kommen. Wir starten sehr spät in diesem Jahr, die Oscar-Verleihung ist direkt eine Woche später.

Cannes hatte letztes Jahr mal wieder keine einzige Regisseurin im Wettbewerb. Sie als ehemaliger Frauenbeauftragter können gleich vier aufweisen. Spielt in Ihrem Auswahlgremium die Frauenquote eine Rolle?

Nein. Aber das ist doch gut so, dass da mehr Frauen zum Zuge kommen. Das ist vielleicht auch ein großer Erfolg der Debatte. Ich glaube, dass der Prozess im Unterbewusstsein an Schwung erheblich zugenommen hat. Und die Debatte geht auch weiter. Auch auf der Berlinale.

Womit wir bei der #MeToo-Bewegung wären. Die hat schon die Golden-Globe-Verleihung bestimmt. Wird das auch die Berlinale erreichen? Auf dem roten Teppich? Oder gar mit eigenen Veranstaltungen?

Ob die Damen in Schwarz auf den roten Teppich kommen, kann ich nicht vorhersagen. Wir haben keine Kleiderordnung. Aber wir planen einiges zum Thema #MeToo und Diversität. Einen Fokus darauf werfen wir im Europäischen Filmmarkt. Es geht ja nicht darum, nur etwas zu kommentieren. Es geht darum, wirklich zu diskutieren, welche Strukturen in der Industrie vorherrschen und wo man etwas verändern könnte. Die Antidiskriminierungsbeauftrage Christine Lüders wird bei uns ebenfalls aktiv sein. Daniela Elstner, Chefin einer World-Sales-Firma, die öffentlich gemacht hat, dass sie selbst vor 20 Jahren Opfer war, wird eine Speak-up-Website starten. Und es wird eine Diskussion über ‚Diversity‘ geben. Diese Veranstaltungen organisieren wir nicht alle selbst, aber wir unterstützen sie. Warum sonst haben wir vor 16 Jahren auf unseren Berlinale-Plakaten „Accept Diversity“ geschrieben? Wenn ein Festival eine DNA dafür hat, dann die Berlinale. Wir werden zwar auch dafür kritisiert, dass wir politisch sind, aber wir engagieren uns auf dem Sektor eben seit Jahren.

Glauben Sie eigentlich noch an eine Zukunft von klassischen Filmfestivals in Zeiten von Amazon und Streamingdiensten?

Natürlich. Nicht nur, solange ich Festivalleiter bin. Ich glaube nicht, dass die Menschen Filme nur noch auf kleinen Displays gucken. Ich glaube an den sozialen Moment, gemeinsam einen Film auf großer Leinwand zu schauen. Aber die Veränderung des Marktes beschäftigt uns schon seit Jahren. In den großen Studios verändern sich die Dinge extrem. Diese Fragen beschäftigen uns als Festival: Wie wird demnächst ein audiovisuelles Produkt präsentiert und vertrieben, wie wird es sein Publikum finden? Ist ein roter Teppich noch wichtig? Oder kann man das in einem Studio inszenieren und weltweit streamen? Ich gehe davon aus, dass das noch etwas dauert, aber dass sich das radikal ändern wird, ist klar. Wir bemühen uns, dass es auch noch in Zukunft einen ordentlichen roten Teppich in Berlin gibt. Mit Streamingplattformen haben wir dennoch eine Verbindung. Seit 2015 haben wir das ­Serienformat Berlinale Series im Programm. Inzwischen machen das alle anderen Festivals auch, aber wir waren da Pioniere. Im Berliner Zoo Palast bekommen die Berlinale Series dieses Jahr ihre eigene Spielstätte.

Was wird aus dem Berlinale-Standort Potsdamer Platz, wenn der Vertrag mit dem Berlinale-Palast ausläuft? Die Berlinale kann ja nicht geschlossen an ein Medienhaus am Martin-Gropius-Bau ziehen. Aber zurück in den Westen geht auch nicht, dafür ist das Festival längst zu groß.

Wir haben einen gültigen Mietvertrag bis einschließlich 2022 und mit dem Eigentümer wird bereits über den Zeitraum darüber hinaus verhandelt. Die Gespräche verlaufen sehr konstruktiv. Der rote Teppich kann jetzt ausgerollt werden.

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