Neuer Film

Karoline Herfurth - Die kleine Hexe aus Berlin

Die Berlinerin ist als „Kleine Hexe“ zu sehen. Das Buch hat sie als Kind geliebt. Ein Gespräch über falsche Nasen und falsche Debatten.

Hexen würde sie auch gern können: Dann würde Karoline Herfurth die Leute gern  von den Werten überzeugen, die ich für richtig hält

Hexen würde sie auch gern können: Dann würde Karoline Herfurth die Leute gern von den Werten überzeugen, die ich für richtig hält

Foto: Reto Klar

Berlin. Heute ist Hexentag. "Die kleine Hexe“, die Verfilmung des berühmten Kinderbuches von Otfried Preußler, kommt zwar erst am Donnerstag ins Kino, aber schon heute gibt es bundesweit 180 Kino-Previews, fünf davon allein in Berlin. Die Produzenten wollen dazu sogar einen Weltrekord versuchen mit der „größte Hexenpreview der Welt“ und hoffen, dass ganz viele kleine Zuschauer dafür als Hexe verkleidet erscheinen. Karoline Herfurth ist die Idealbesetzung für diese Rolle. Die Berliner Schauspielerin wird sich aber nicht mehr die Hexenklamotten anlegen. Dafür hat sie all die Drehtage über zu lange in der Maske gesessen. Ein Gespräch über Wohl und Wehe einer Kultrolle.

Bevor wir auf „Die kleine Hexe“ kommen: Warum waren Sie eigentlich bei „Fack ju Göhte 3“ nicht mehr dabei? Wollten Sie nicht mehr oder wussten die Macher des Films nichts mehr mit Ihnen anzufangen?

Karoline Herfurth: Ja, dieses Nein war zwar nicht einfach, aber wichtig für mich. Auch wenn mir diese Entscheidung nicht leicht gefallen ist. Es war sehr verführerisch an so einem erfolgreichen Projekt weiterhin beteiligt zu sein. Aber ich habe mich für einen anderen Weg entschieden. Und wenn man zu etwas nein sagt, sagt man zu vielem anderen ja. Wofür wird sich in der Zukunft noch zeigen.

Ihr letzter Film war Ihr Regie-Debüt „SMS für Dich“. Guckt man jetzt anders auf den Regisseur? Will man plötzlich mitreden, wenn der Regisseur Anweisungen gibt?

Das geht natürlich nicht. Ich nehme meine Bühne ein und nicht die von anderen. Wenn du nicht selbst Regie führst, hast du ja keinen Überblick über die vielen kleinen Puzzleteile. Ich muss als Schauspieler schon darauf vertrauen, dass all diese Puzzleteile am Ende zusammenpassen. Gerade bei einem Film wie diesem, wo im Nachhinein noch ganz viele Effekte dazukamen. Was meine eigene Leistung angeht, dafür habe ich vorher schon genauso am Set gekämpft.

Haben Sie „Die kleine Hexe“ als Kind selbst gelesen? Und war das für Sie auch Kult?

Ja, unbedingt. Ich habe extra noch mal meine Mutter gefragt. Ich habe nämlich immer so schöne Kinderbücher vorgelesen bekommen. All die Bücher von Astrid Lindgren, Erich Kästner und Otfried Preußler, die gab es auch in der DDR. „Die kleine Hexe“ habe ich schon ganz früh vorgelesen bekommen, da war ich drei, höchstens vier. Die hat mich stark geprägt, damit bin ich groß geworden. Für mich ist das ein Stück Kulturgeschichte.

Wie war Ihre Reaktion, als das Angebot kam, die kleine Hexe zu spielen?

Ich habe mich total gefreut. So eine Rolle kommt nicht so oft, so was darf man nicht oft spielen. Ich war sogar ein bisschen stolz. Aber natürlich ist das auch ein Wagnis. Da ist ein enormer Erwartungsdruck. Weil ganze Generationen von Kindern damit aufgewachsen sind. Wenn da was schief geht, wird dir das nicht verziehen. Das musste man sensibel und fein anfassen.

„Krabat“ und „Das kleine Gespenst“ sind schon verfilmt worden, „Der Räuber Hotzenplotz“ sogar schon mehrfach. Warum hat es bei „Die kleine Hexe“ so lange gedauert?

Gute Frage. Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Aber „Krabat“ und „Das kleine Gespenst“ wurden ja von derselben Produktionsfirma wie unsere „Kleine Hexe“ gemacht. Vielleicht nehmen die sich einfach einen Titel nach dem anderen vor. Aber sie haben damit schon mal ein gewisses Feingefühl.

Wie lange haben Sie täglich in der Maske sitzen müssen, allein um diese Nase zu bekommen?

Anfangs zweieinhalb Stunden, am Ende anderthalb Stunden. Und das 35 Tage lang hintereinander. Ich habe, muss ich gestehen, dabei die meiste Zeit geschlafen, habe dabei aber, fürchte ich, sehr viel Chemie eingeatmet. Ich habe auch das Gefühl, dass meine Nase seither ein bisschen breiter ist, irgendwas ist da passiert. Das Lustige an einer fremden Nase: Die ist ja letztlich nur drei Millimeter länger, aber trotzdem bin ich immer damit angestoßen. Offenbar kennt man seine Proportionen ganz genau. Aber ich mochte die Nase. Ich hab‘ auch sehr um sie gekämpft. Sie stand anfangs zur Diskussion, ich fand es aber ganz wichtig, weil sie ein so klares Merkmal für die Hexe im Buch ist. Und auch mir hilft die Nase extrem. Weil sie sofort Gestik und Mimik verändert. Und weil sie gleich von mir als Person ablenkt und den Fokus auf die Figur erleichtert.

Bewahrt man sich so eine Nase auf? Gibt es bei Ihnen einen Schrein mit alten Filmrequisiten?

Wenn man die Nase am Ende des Tages abgenommen hat, war die Matsch. Wir hatten aber für die 36 Drehtage zur Sicherheit 40 Nasen. Eine hab ich tatsächlich noch zuhause, die könnte ich mir zum Spaß aufsetzen. Ich weiß nur nicht, ob ich das so gut könnte wie meine Maskenbildnerin.

Sie müssen den Großteil Ihrer Szenen nicht nur mit einer falschen Nase spielen, sondern auch mit einem Raben, der erst später am Rechner animiert wurde. Wie spielt man das?

Wie immer, mit viel Fantasie. Das gehört zu meinem Beruf einfach dazu, sich Sachen weg zu denken, die da sind, und andere dazu zu denken, die fehlen. Es gab aber auch einen richtigen Roboter als Ersatz, den ich anspielen konnte. Es war dann eher eine technische Herausforderung, dass man dem nicht aus Versehen auf die Brust statt in die Augen guckt. Ich mag solche Herausforderungen aber. So zu tun als ob, das ist täglich Brot. Ob man sich einen Raben imaginiert oder ob man sich die 40 Leute, die um einen herum stehen, ausblendet.

Bei dem Projekt war von Anfang an auch Susanne Preußler-Bitsch, die Tochter von Otfried Preußler, beteiligt. Ist das schwierig, wenn die Nachlassverwalterin hinter der Kamera steht?

Sie war nicht ständig da, sie hat uns nur ein paar Mal besucht. Aber sie war ja in den ganzen Prozess involviert, es ging also nie darum, dass sie aufpassen musste, dass wir etwas anders machen. Ich war allerdings schon etwas aufgeregt. Für sie und ihre Geschwister hat Otfried Preußler ja „Die kleine Hexe“ geschrieben. Keiner kennt sie also besser. Da bestehen zu können, dieses Bild zu erfüllen, das war natürlich auch meine Hoffnung.

Die Produktion nennt Sie eine Idealbesetzung, sie schwärmt sogar von Ihrem „Hexentemperament“. Was ist damit wohl gemeint?

Das frage ich mich auch. Aber ich mag die kleine Hexe sehr, ich nehm‘ das mal als Kompliment. Sie ist noch sehr jung, will unbedingt zu den großen Hexen dazugehören und entscheidet sich dann doch für ihre Werte und gegen die Gruppe. Das finde ich sehr mutig. Und eine sehr richtige Geschichte. Wir alle haben ja Phasen im Leben, wo wir ein Richtig und Falsch erst entwickeln und uns innerhalb von Gruppen definieren müssen. Hexentemperament – vielleicht haben die das aber auch einfach so gemeint, dass ich selbst gern Schabernack betreibe.

Würden Sie gern selbst hexen können?

Ich habe nichts gegen Hexen. Ich würde es lieben, wenn ich einfach schnipsen könnte und an einem anderen Ort wäre. Ich würde ja gern andere Länder erkunden, aber ich habe nun mal solche Angst vor dem Fliegen. Auch dieser Film war eine große Reiseproduktion, ich habe viele viele Stunden im Auto verbracht. Ich würde auch sonst gern hexen könnten. Ich würde viele Leute von den Werten, die ich für richtig halte, überzeugen können.

Sagt der Film auch etwas über das Filmbusiness aus? Sie sind recht früh zum Film gekommen. Mussten Sie sich auch erst mal durchsetzen wie die kleine Hexe gegen die anderen, bis Sie zur Walpurgisnacht durften?

Nein, das habe ich nie so empfunden. Es war eher so, dass sich für mich schon sehr früh viele Türen geöffnet haben, auch solche, die ich noch gar nicht kannte. Ich war schon in frühem Alter auf vielen Walpurgisnächten, wenn ich das mal so vergleichen darf. Ich war mit 16 schon auf dem Deutschen Filmpreis und hatte noch keine Ahnung, was da so los ist. Dass man sich bestimmte Werte bildet und sich für sie entscheidet, das hat meinen Weg aber sicher begleitet.

Ich finde jetzt keine galante Überleitung. Aber die Debatte um sexuelle Übergriffe in der Filmwelt ist ja mit der Diskussion um Dieter Wedel auch bei uns angekommen. Gibt es solche Übergriffe auch bei uns, oder wird das eine Hexenjagd?

Ich finde es sehr gut, dass Männer, die Gewalt ausüben, gesellschaftlich an den Pranger gestellt werden. Ich finde es wichtig, dass es da jetzt eine sehr scharfe öffentliche Wahrnehmung gibt. Ich muss aber gestehen, dass mich die Diskussion dann stört, wenn es darum geht, klatschmäßig Geschichten auszugraben. Für mich geht es da um ganz grundsätzliche Fragen, um strukturelle Machtungleichheiten, Geschlechterrollen und Gleichberechtigung. Das sind Diskussionen, die geführt werden müssen. Auf dieser Ebene unbedingt.

Hexen-Previews in Berlin: Am 28. Januar in den Kinos Astra Filmpalast, Blauer Stern, CineMotion Hohenschönhausen, UCI Kinowelt Friedrichshain und UCI Gropius Passagen