Jeder Drehbuchautor kennt die Heldenreise. Es ist das Grundgenre für viele große Filme: der Hobbit, der sich auf eine lange Reise begibt und viele Menschen kennenlernt. Dieser Hobbit im Film erlebt von der Struktur her ähnliche Dinge wie der kleine Fisch in „Findet Nemo“ oder Vivian Ward in „Pretty Woman“, gespielt von Julia Roberts. Das klassische Abenteuer, das Ins-kalte-Wasser-Springen, eine neue Welt kennenlernen und dann wieder lebenserfahrener heimkehren. Es gibt viele Filmbücher darüber, die erklären, wie eine gute Heldenreise aufgebaut sein muss. Manche Filmdozenten malen auch eine Uhr an die Wand, mit zwölf Zeigerpunkten. Sie erklärt dann: Bei der „1“ trifft der Held auf jemanden, der ihn auf Idee bringt zu gehen, und bei der „12“ kommt er wieder an – aber er ist ein anderer geworden.
Vielleicht ist es zynisch, die Geschichte von Nazif Mujić mit der von Nemo, dem Hobbit und Vivian zu vergleichen. Vor allem, weil es nicht Fiktion, sondern eine reale Geschichte ist. Trotzdem hatte Mujićs Reise zur Glitzerwelt der Berlinale alles, was eine Heldenreise ausmachte: die physische Reise von Bosnien nach Berlin, die Herausforderungen in der Fremde, in der Stadt, die im Februar nur an roten Teppich und Champagner denkt, dann die vielen neuen Menschen, die sein Leben beeinflussten und ihn am Ende doch nicht wollten – und schließlich die Rückkehr ins alte Leben, das kein altes Leben mehr sein will. Jetzt sieht es so aus, als sei die Geschichte zu Ende.
Zumindest lässt das die letzte Meldung vermuten, die aus dem Leben von Nazif Mujić nach Berlin gedrungen ist. Sie fand ihren Weg vor vier Wochen nach Deutschland, in keiner Zeitung war sie mehr als eine einspaltige Randmeldung. Die Überschrift lautete: „Nazif Mujić hat seinen Silbernen Bären verkauft.“ Doch wer sie liest, weiß auch, dass vielleicht alles von vorne beginnen kann.

Doch eins nach dem anderen: Bekommen hat der heute 47 Jahre alte Bosnier Nazif Mujić diesen Bären zunächst auf der großen Bühne im Berlinale-Palast. Es war im Februar 2013, ein sehr kalter Winter, Minusgrade die ganzen zehn Tage der Berlinale. Man muss sich sein Lachen genau anschauen, als er im Berlinale-Palast mit einem Anzug saß und erfuhr: Er ist der Gewinner – nicht Shia LaBeouf oder Jude Law, Matt Damon oder Til Schweiger, die auch alle in diesem Jahr im Wettbewerb des Filmfestes standen. Der Regisseur des Films „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“, der Bosnier Danis Tanović, saß schräg hinter ihm und klopfte ihm mit beiden Händen auf die Schultern. Mujić griff wie in Trance nach hinten und griff ins Leere. Er stand dann auf, ging auf die Bühne und hielt wie ein Fußballer die Trophäe nach oben.
Es gibt keine Einstellung, in der sie nicht zu sehen ist, die Zahnlücke, die mit jeder Sekunde des Betrachtens größer zu werden scheint. Oben links fehlen bei Nazif Mujić mindestens zwei Zähne. Wenn in Deutschland jemandem so viele Zähne fehlen, fällt das auf. Da stimmt etwas nicht. Vielleicht merkten jetzt erst in diesem Moment dank der Scheinwerfer einige im Saal, die ihn vorher auf der Leinwand gesehen hatten, dass Nazif Mujić, der Bosnier, wirklich dort keine Zähne hatte.
Aber es stimmte: Nazif Mujić hatte den armen bosnischen Mann aus dem Film nicht nur gespielt. Er war wirklich ein Schrottsammler, er bekam pro Monat, wenn er viel arbeitete, vielleicht 100 Euro zusammen. Der Regisseur Danis Tanović hatte von Nazif Mujić in einer Zeitung gelesen, in einem Text über die armen Roma am Rande der großen Stadt. Dort stand wie Mujićs Frau Senada beinahe gestorben wäre, weil sie ein totes Baby im Bauch trug. Gift für den Körper, erklärten die Ärzte und weigerten sich trotzdem, die 500 Euro teure Operation ohne Vorkasse zu unternehmen. Doch der Schrottsammler hatte das Geld nicht. Die Jagd nach diesem Geld, sie ist die Heldenreise dieses Films. Der Stoff des Films ist echt, die Helden sind es auch. Jeder spielte sich und seine Geschichte selbst: Mujić, seine Frau Senada, die zwei Kinder.

Sie berührt, diese Geschichte im Kino, im kalten Februar 2013 in Berlin. Im Zuschauerraum sitzen Hunderte Kritiker aus aller Welt. Sie applaudieren am Ende, und sie schreiben dann von einem „kompromisslosen Werk“, mit „authentischen Darstellern“ und „emotionaler Nähe“. Nur ein paar Kritiker ärgern sich über die langen Einstellungen und die wackelnden Kameras. Tatsächlich wackelt es stark im Film, manche Bilder sind so unscharf, dass es störend ist, und einmal hat man sogar den Eindruck, die Kamera ist beim Filmen gegen eine Leiter oder etwas Ähnliches gestoßen. Doch das alles, diese Hemdsärmeligkeit, macht eben auch den Charme der Berlinale aus, dieser großen Geschichten aus der ganzen Welt, die hier erzählt werden.
Es werden rote Teppiche ausgelegt, auch für Nazif und Senada Mujić. Sie werden abgelichtet, in Schwarz-Weiß, und ihre Bilder werden in das Foyer gehangen, so wie das auch in diesem Jahr wieder mit den großen Stars gemacht wird. Sie werden auf Partys eingeladen, trinken Sekt, wohnen im Hotel „Hyatt“ direkt im Zentrum von Berlin. Nazif Mujić gibt Interviews, in denen herauszulesen ist, wie großartig diese Wendung in seinem Leben sich anfühlt. Er, der Schrottsammler, muss sich einer Jury stellen, die aus Leuten wie Regisseurlegende Wong Kar-Wai und Hollywoodstar Tim Robbins besteht.
Mujić beantragt Asyl in Deutschland
Auch der deutsche Regiestar Andreas Dresen ist Teil der Jury. Er ist der Einzige, der nach der Berlinale mit dem Juryergebnis immer wieder konfrontiert wird. Denn Nazif Mujić beantragt Asyl in Deutschland, für sich und seine Familie. Sie haben bei ihrer Rückkehr kein Glück. Die anderen Schrottsammler denken, Mujić ist jetzt ein Star, dabei wissen sie nicht, dass der Berlinale-Preis undotiert ist und Nazif Mujić sich auch sonst für den Bären buchstäblich „nichts kaufen kann“. Die Gage für seine Schauspielerarbeit von 1350 Euro ist längst aufgebraucht. Er hat zwar den Hauptpreis bekommen, weil er sich selbst gespielt hat. Doch der Film ist offenbar nicht gut genug für einen Teil zwei. Dabei hat Mujić Ideen für die Geschichte. „Besser als unsere langweiligen Telenovelas“, sagt er. Bei Filmstarts.de wird er mit drei von fünf Sternen bewertet. Es gibt längst neue Filme, neue Hypes, auch neue Filme über arme Menschen, aus Finnland, aus den USA, aus China. Noch trauriger, noch „authentischer“.
Andreas Dresen unterstützt den Asylantrag, findet andere Menschen aus dem Filmbusiness, die das ebenfalls tun, per Brief, wie das heute üblich ist. Mujić lebt im Februar 2014 mit seiner fünfköpfigen Familie bei Potsdam in einem Flüchtlingsheim. Die 64. Berlinale beginnt gerade, und die Weltpresse sitzt wieder bei ihm auf der Couch, mit einer Übersetzerin, die kopfschüttelnd versucht, eine Brücke zu schlagen zwischen den Welten. An der Wand seiner Ein-Zimmer-Wohnung, in der sie alle fünf schlafen, steht mit Kuli-Handschrift in großen Buchstaben sein Name: Nazif Mujić und darunter 0152 1848 3480. Es ist seine Handynummer, die er sonst vergessen würde. Wenn man sie anruft, im Winter 2014, versteht er kein Wort und sucht immer schnell jemanden, der Englisch versteht. Wer diese Nummer heute anruft, kriegt nur ein hektisches Tuten zu hören.
Er erzählt noch einmal all jenen seine Geschichte, die sie hören wollen. Der Berlinale ist das alles ein bisschen unangenehm, aber sie stellen sich dem Thema, laden ihn ein weiteres Mal ein, schicken allen Ernstes eine Limousine in das Flüchtlingsheim. Nazif Mujić sagt damals – umringt von Afrikanern, Arabern und Tschetschenen – einen Satz, der einem das Herz bricht, weil er stimmt: „Ihr habt mich vorgeführt wie einen Tanzbär, aber das habe ich erst gemerkt, als ich auf dem Heimweg war.“
Die Heldenreise endet kurz darauf, weil die Welt das Interesse an diesem Helden verliert. Er fliegt wieder zurück nach Bosnien, die DVD-Box landet im Berlinale-Archiv und irgendwo in einem bosnischen Regal steht der Silberne Bär von dem Filmfest, Materialwert geschätzte 20.000 Euro – und hebt die Tatzen. Manchmal spielen die Kinder damit: Šemsa, 10 Jahre, Sandra, 8 Jahre, und Danis, 3 Jahre alt. Mujić hat seinen einzigen Sohn nach dem Regisseur des Films benannt, der ihn erst berühmt und dann unendlich traurig machte.
Mujić verkauft seinen Bären für 4000 Euro
Am Dienstag, den 27. Dezember 2016, verkauft Nazif Mujić den Silbernen Bären für 4000 Euro. „Ich musste das tun“, sagt er einer bosnischen Zeitung, „jeden Tag schaue ich auf die silberne Figur, während meine Kinder nichts zu essen haben.“ Alle wollten ihn und den Bären fotografieren – das berühmte Lächeln mit der Zahnlücke –, aber helfen wolle ihm niemand. Der neue Besitzer des Silbernen Bären heißt Senadin Ćosić, er hat sein Geld durch Pokerspielen verdient. Er will, dass der Bär in einem bosnischen Museum steht. Er soll im Lande bleiben.
Am Ende des Films „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ fährt Mujić in den serbisch besetzten Teil Bosniens, er borgt sich eine Versicherungskarte und rettet seine Frau. Doch der echte Nazif ist kein Nemo, keine Vivian und kein Hobbit. Er hat sich wieder in den Bus gesetzt, er will wieder auf die Berlinale, wieder ins Rampenlicht. Er gibt die Hoffnung einfach nicht auf. Die Berlinale beginnt bald, die Poster mit dem Bären sind gerade aufgehängt worden. Das kennt er alles.
Und was sagt man bei der Berlinale? Pressesprecherin Frauke Greiner antwortet auf Nachfrage: „Wir haben keinen Kontakt zu Nazif Mujić. Dass er seinen Silbernen Bären verkauft hat, haben wir aus den Medien erfahren. Wir bedauern sehr, dass er sich aufgrund seiner schwierigen wirtschaftlichen Situation dazu gezwungen sah.“
Der Uhrzeiger seiner Heldenreise – man weiß nicht, wo er gerade steht. Nicht mehr auf der „1“. Aber auch noch nicht auf der „12“.


