Es ist 9.30 Uhr morgens in Los Angeles, und Paul Verhoeven wirkt erstaunlich entspannt. Der niederländische Regisseur verbringt hier die Award Season, die Phase zwischen den Herbstfestivals in Venedig, Toronto, San Sebastián und der Oscarverleihung Ende Februar, in der alle wichtigen Filmpreise entschieden werden und man sich im Mekka der Filmwelt zeigen muss, um die eigenen Gewinnchancen zu erhöhen. „La La Land“ und „Moonlight“ sind die Favoriten, klar. Aber Paul Verhoeven? War das nicht der Regisseur von „Total Recall“, „Basic Instinct“ und „Showgirls“? Ja! Den gibt’s noch? Und wie!
Mit 78 Jahren ist einer der umstrittensten Filmemacher des Weltkinos nach einer langen Pause, in der ihn Hollywood abgeschrieben hat, plötzlich noch einmal ein ganz heißes Eisen. Und das kommt für niemanden überraschender als für ihn selbst. Denn in den Vereinigten Staaten war Verhoeven nach Flops wie „Showgirls“ und „Starship Troopers“ schon lange nicht mehr gewollt. Und nun wird er, ausgerechnet für einen perfide mehrdeutigen Film wie „Elle“, der sich lustvoll allen Moralkonventionen und Genrezuweisungen entzieht, gefeiert und gar mit zwei Golden Globes ausgezeichnet. Eine späte Genugtuung für den oft gescholtenen Skandalregisseur.

Ein perfekter Augenblick für die Berlinale also, Paul Verhoeven zum diesjährigen Jurypräsidenten zu ernennen. Dem Festival ist damit, nach Meryl Streep im vergangenen Jahr, erneut ein veritabler Besetzungscoup gelungen. Über keinen europäischen Film, abgesehen vom Oscarfavoriten „Toni Erdmann“ der Berlinerin Maren Ade, wird derzeit mehr geredet und gibt es mehr Hymnen als für „Elle“, das höchst ambivalente Porträt einer Frau, die sich nach einer Vergewaltigung weigert, sich in die Opferrolle zurückzuziehen.
Auch Verhoeven selbst ist niemand, der sich versteckt, im Gegenteil. So sehr er in seinen Filmen die Provokation und Grenzgänge liebt, so umgänglich und freundlich ist er im persönlichen Kontakt. Er antwortet auf jede Frage ehrlich und mit einer augenzwinkernden Distanz zu sich und seinem Werk, die Hollywood die Haare zu Berge stehen lassen dürfte. Und wenn er sich wirklich mal aufregt, sagt er sehr charmant: „Wod sä fög.“
Nun sitzt er zehn Tage lang auf der anderen Seite und ist derjenige, der Filme bewertet, statt sich als Regisseur dem Urteil auszusetzen. Ein Wechsel, den er durchaus angenehm findet. „Ich wurde meine ganze Karriere immer wieder fertiggemacht, sehr oft auf die negativste Art. Ich würde nicht sagen, dass ich mich als Opfer fühlte, das gehört zum Beruf, manchen gefällt eben, was man macht, und anderen nicht. Aber lieber beurteilen als beurteilt werden!“ Und setzt gleich hinterher, dass das Verdikt einer Jury natürlich ein positives sei, „man lobt und zeichnet die guten Filme aus, statt die schlechten zu kritisieren. Wenn man selbst Filme macht, kann man sich das leider nicht aussuchen.“

Geboren 1938 in Amsterdam als Sohn eines Gymnasialrektors und einer Hutmacherin, wuchs Verhoeven in einem Dorf auf, das die deutschen Besatzer als Basis für ihre V2-Raketen nutzten und das entsprechend oft bombardiert wurde. Diese ersten Kindheitserinnerungen an den Krieg prägten Verhoeven, immer wieder widmete er sich in Filmen diesem Thema.
Nach dem Abitur an dem von seinem Vater geleiteten Gymnasium ging er mit 17 zunächst für ein Jahr nach Frankreich und wollte dann Film studieren, doch sein Vater drängte ihn zu einem „ordentlichen“ Studium. Er promovierte schließlich in Mathematik und Physik mit einer Arbeit über Einsteins Relativitätstheorie und hatte damit nicht nur den väterlichen Wunsch übererfüllt, sondern hängte auch gleich die Naturwissenschaften an den Nagel.
Er ging zur Marine, wo er erste Filme drehte. Bereits seine Fernsehdokumentation über Anton Adriaan Mussert, den Anführer der niederländischen Nationalsozialisten, sorgte für Kontroversen und verschwand zwei Jahre im Giftschrank, bevor sie ausgestrahlt wurde. Der sehr freizügige Liebesfilm „Türkische Früchte“ wurde dann 1973 sein erster Erfolg, für den Auslands-Oscar nominiert und 1999 schließlich gar zum besten holländischen Film des Jahrhunderts gewählt. In den Achtzigern ging Verhoeven nach Hollywood, wo ihm immer wieder der Spagat zwischen amerikanischem Spektakelkino und einem europäischen Blick gelang, der Filme wie „RoboCop“ und den Erotikthriller „Basic Instinct“ mit Sharon Stones berühmtestem Beinüberschlag der Filmgeschichte zu bitterbösen Gesellschaftssatiren machte.
Er gilt als Skandalregisseur mit der Lust an der Provokation, politisch oft höchst unkorrekt. Seit fast fünf Jahrzehnten sorgt er immer wieder für Kontroversen, vor allem wegen der Sex- und Gewaltdarstellungen, die zu seinem Markenzeichen wurden. Dabei wurde oft verkannt, wie subversiv und satirisch seine Filme sind. Denn unmoralisch ist er keineswegs („Ich habe meine Moral, sie ist nur nicht dieselbe wie die des Publikums“, stellt er dazu trocken fest), und auch nicht unpolitisch. Wenn man sich in diesen Wochen seine Science- Fiction-Filme „RoboCop“, „Total Recall“ und „Starship Troopers“ noch einmal ansieht, nehmen sie beängstigend visionär den sich anbahnenden Totalitarismus in den Vereinigten Staaten vorweg. Erstaunlicherweise läuft keiner dieser Filme in der Berlinale-Retrospektive „Future Imperfect“, die sich dezidiert cineastischen Dystopien widmet.

Unerwähnt soll aber auch „Showgirls“ nicht bleiben, sein düster-glitzerndes Las-Vegas-Märchen über eine Stripperin, die Tänzerin werden will. Eine völlig exzessive „Alles über Eva“-Variante, die beim Kinostart 1995 von der Kritik so gnadenlos verrissen wurde wie wenig andere Filme und später auf DVD dank der ironischen Bad- Taste-Welle zum Kultfilm avancierte. Hier zeigt sich einmal mehr Verhoevens wunderbar selbstironischer Humor. Als der Film mit gleich acht Goldenen Himbeeren als schlechtester Film des Jahres bestraft wurde, ließ es sich Verhoeven nicht nehmen, als erster Regisseur überhaupt persönlich zur Verleihung zu kommen.
An den Kinokassen floppten danach auch die beiden Science-Fiction-Filme „Starship Troopers“ und „Hollow Man“, die Studios in L.A. verloren endgültig die Geduld. Verhoeven kehrte nach Europa zurück und drehte 2006 in Babelsberg das niederländische Widerstandsdrama „Black Book“ mit Sebastian Koch in der Hauptrolle. Danach wurde es ruhig um ihn. Bis er nun, nach zehn Jahren Pause, mit dem französischen Vergewaltigungsdrama „Elle“ wie Phoenix aus der Asche zurückkam, letztes Jahr damit prompt in den Wettbewerb von Cannes eingeladen wurde und Kritik und Publikum ebenso verstörte wie begeisterte.
Sein Image mag das des kompromisslosen Provokateurs sein, der sich um keine Konventionen schert. Das stimmt allerdings nur bedingt. Er weiß ganz genau, was er tut, nichts ist dem Zufall überlassen. Und auch privat scheint er wertkonservativer, als sein Werk vermuten lässt. Am 7. April wird er mit seiner Ehefrau Martine Tours goldene Hochzeit begehen. Nun freut er sich erst einmal auf eine „wunderbare, harmonische Zeit“ mit den anderen Juroren, sagt er, und setzt mit einem Grinsen hinterher: „Auch wenn das natürlich nicht immer automatisch der Fall ist.“ Es ist nicht Verhoevens erste Jury, aber seine erste als Präsident. Zumindest das Festival in Venedig vor zehn Jahren hat er in guter Erinnerung. Freundlich und konstruktiv sei man damals gewesen, mit gegenseitigem Respekt. Die andere Variante hat er aber auch schon erlebt. Höflich, wie er ist, nennt er keine Namen. „Einmal gab es richtig Ärger, weil Leute in der Jury saßen, die ihren absoluten Lieblingsfilm hatten und manisch dafür kämpften, dass der den Preis kriegt. “

Beides hält er in Berlin für möglich, schlicht weil er die meisten Mitjuroren bislang nur vom Namen kennt. „Ich weiß nicht, wofür sie stehen, aber das werde ich ja schnell herausfinden. Ich lasse mich überraschen.“ Neben der Arbeit freut er sich auf „viele gemeinsame Abendessen und tolle Gespräche“. Da ist er optimistisch, aus früheren Jurykollegen seien gute Freunde geworden. Überhaupt sieht er seinen Juryvorsitz nicht als Machtposition. „In all meinen bisherigen Jurys gab es nie einen Grund, undemokratisch zu sein. Ich werde ein Präsident sein, der sich nicht als solcher benimmt. Ich werde sagen, wie ich einen Film finde, und die anderen nach ihrer Meinung fragen. Es wird alles demokratisch und freundschaftlich ablaufen. Ich werde mich nicht wie ein Despot aufführen, davon haben wir schon genug auf der Welt.“
Eines wird es allerdings mit Verhoeven nicht geben: eine dezidiert politische Preisvergabe. „Ich sehe mir erst das Stilistische an, wie gut das Drehbuch ist. Politische Ideen innerhalb einer Handlung sind schön und gut, aber kein Maßstab, um einen Film zu beurteilen.“ Ein Gut-Gemeint-Preis ist von ihm also nicht zu erwarten. Für ihn ist wichtiger, „dass ich den Film nicht mehr aus dem Kopf kriege, dass er mich für den Rest meines Lebens begleitet. Das ist das Ideal, auf das ich hoffe, passiert natürlich selten, meistens komme ich aus dem Kino und habe den Film schon in fünf Minuten wieder vergessen.“

Sein Rennen um die Oscars ist für Verhoeven selbst vorzeitig beendet. „Elle“ war den Academy-Mitgliedern wohl doch zu radikal, auch wenn Hauptdarstellerin Isabelle Huppert die erste Nominierung ihrer Karriere erhielt. Er nimmt’s gelassen und hofft nun auf einen Sieg von „Toni Erdmann“. „Ich habe Sandra Hüller und Maren Ade in Los Angeles getroffen, und sie waren beide unglaublich nett. Es wäre toll, wenn der Film gewinnt.“ Er selbst kann sich so ganz entspannt auf die Juryarbeit konzentrieren. „Jetzt brauche ich kein schlechtes Gewissen mehr haben. Ich werde die Zeit genießen und versuchen, so objektiv wie möglich zu sein.“
Der Niederländer Paul Verhoeven bleibt, und das ist die eigentliche Konstante, unberechenbar. Das ist gut fürs Kino und vor allem ein Segen für die kommenden zehn Festivaltage. Welkom in Berlijn, Mr. Verhoeven!


