Einmal umsonst auf die Berlinale kommen, so viele Filme gucken, wie man schafft, und dafür noch nicht mal in der Schlange anstehen müssen: Für zwölf Leser der Berliner Morgenpost wird dieser Traum wahr. Sie schauen sich für unsere Zeitung alle Wettbewerbsbeiträge an, die auch um den Goldenen und die Silbernen Bären buhlen, um am Ende über den Publikumsfavoriten zu entscheiden. Und sie können darüber hinaus auch in allen anderen Festivalsektionen weiterschauen, so sie noch Kraft und Sitzfleisch haben.
Die zwölf Geschworenen sind aus über 150 Bewerbungen gekürt worden. Quer durch sechs Dekaden, die jüngste Teilnehmerin ist 19 Jahre alt, die älteste 70. Wobei es in diesem Jahr ein solches Übermaß an Bewerberinnen gab, dass am Ende doppelt so viele Frauen wie Männer in der Jury vertreten sind. Am 31. Januar, als Festivalchef Dieter Kosslick zur Berlinale-Pressekonferenz lud, haben wir uns mit den Zwölfen schon mal getroffen, um sie darauf vorzubereiten, was so auf sie zukommt.
Schon mal ein bisschen Kinoluft schnuppern
Und damit schon etwas Berlinale-Gefühl aufkommt, haben wir sie wie immer in ein Kino bestellt. Bislang war das immer der Berlinale-Palast, wo sie ja dann auch während des Festivals jeden Tag sitzen werden. Das Musicaltheater am Potsdamer Platz hat aber leider inzwischen geschlossen und wird erst in den letzten Tagen zum Berlinale-Kino umfunktioniert. Das Arsenal-Kino, das während des Festivals Forum-Filme zeigt, war aber so freundlich, uns seinen Saal auszuleihen. Und die Jury durfte schon mal Probe sitzen.
In diesem Jahr sind das (siehe Foto, von links nach rechts): Eva-Maria Bondy (Ärztin und sozialmedizinische Gutachterin, 70), Manuela Tischendorf (Beraterin für Organisationsentwicklung, 43), Elmar Kuhn (Sozialpädagoge, 35) Fabian Rischow (Schauspieler, 26), Fred Hüning (Kriminalkommissar und Fotograf, 50), Joelle Spinner (Kunsthistorikerin, 41), Dorothea Kreter (pensionierte Studienrätin für Englisch und Politik, 68), Uwe Picard (Staatsanwalt, 61), Fanni Stolz (Studentin Soziale Arbeit, 26), Annica Schamborra (Physiotherapeutin, 29) und Margit Pötzsch (Filmwissenschaftsstudentin, 19). Juror Nr. 12, Priscilla Berkouwer (Kneipenwirtin, 34) musste krankheitsbedingt das Bett hüten, will aber zur Berlinale wieder fit sein.
Stimmungsbarometer, ob ein Film im Kino ankommt
Den Leserpreis der Berliner Morgenpost gibt es seit 1974. Eingeführt wurde er zu einer Zeit, als die Bären-Vergabe drohte, immer elitärer zu werden drohte und ein Publikumserfolg fast schon als anrüchig galt. Da stellte der Leserpreis ein Gegengewicht dar. Inzwischen ist es aber wieder ganz selbstverständlich, dass Filme wie „Magnolia“ (2000) , „Nader und Simin“ (2011) oder „Seefeuer“ (2016) sowohl den Goldenen Bären als auch den Morgenpost-Leserpreis erhalten.
Der Publikumspreis ging an so unterschiedliche Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder (für „Die Ehe der Maria Braun“), Barry Levinson („Rain Man“) und Kevin Costner („Der mit dem Wolf tanzt“). Zu den letzten Siegerfilmen zählen unter anderen „Irina Palm“ (2007), „Barbara“ (2011), „Boyhood“ (2014) und der Berlin-Film „Victoria“ (2015). Der Preis wird am 19. Februar, wenige Stunden vor der Bären-Verleihung, in einer eigenen Zeremonie für alle Unabhängigen Preise im Hyatt-Hotel vergeben.


