Berlinale 2016

"Genius": Szenen einer Ehe mit Jude Law und Colin Firth

Mit Genies ist es nicht einfach. Das wussten wir schon immer. „Genius“ zeigt das aber sehr schön. Mit einem grandiosen Colin Firth.

Schreiben und dann wieder streichen: Max Perkins (Colin Firth, l.) und Thomas Wolfe (Jude Law)

Schreiben und dann wieder streichen: Max Perkins (Colin Firth, l.) und Thomas Wolfe (Jude Law)

Foto: Marc Brenner/Pinewood Films / dpa

Es gibt nichts Langweiligeres im Kino, als Dichtern beim Schreiben zuzusehen. Man muss schon sehr viel Tinte verspritzen und Seiten zerknüllen, um den blanken Akt irgendwie sinnlich zu machen. Das Einzige, was vielleicht noch langweiliger ist, ist, Lektoren bei der Arbeit zuzusehen. Denn da werden die Worte nicht mit Feder aufs Papier gekratzt oder in die Maschine gehackt, da wird der rote Stift gezückt und kräftig durchgestrichen.

Genius-Premiere mit Colin Firth und Jude Law

Der Film "Genius" mit Jude Law und Colin Firth hat Premiere gefeiert. Wir waren live am Roten Teppich.
Genius-Premiere mit Colin Firth und Jude Law
Video: BM-Video

Und dann kommt dieser Film. Und alles ist ganz anders. Michael Grandages Beitrag im Wettbewerb handelt nicht nur von Literatur, dickleibigen Schmökern und endlosen Diskussionen darüber. Er ist auch selbst eine Buchverfilmung, und zwar, herrje, von einem Sachbuch: „Max Perkins: Editor of Genius“ von A. Scott Berg. Und doch haben wir damit einen überaus starken Beitrag in diesem an starken Beiträgen durchaus nicht armen Wettbewerb.

Der eine Bürger, der andere Bohemien

Es ist die Geschichte zweier Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Stellen wir den einen in den Regen, geben wir ihm keinen Schirm und keinen Hut, um ihn noch abgerissener wirken zu lassen. Und lassen wir ihn dazu ruhig unruhig mit den Schuhen in der Pfütze patschen.

Den anderen stellen wir ins Trockene, an einen Schreibtisch. Setzen ihm einen Hut auf, auch in der Stube, den er, als Running Gag, nie abziehen wird, auch nicht beim Dinner daheim oder wenn er im Pyjama liest. Nun raten Sie mal, wer der Dichter und wer der Lektor ist.

Der Mann für die großen Dichter

Colin Firth ist der, der den Hut auf hat. Er hat auf der Berlinale schon einem König das Stottern abgewöhnt. Ihm glauben wir alles, auch dass er Max Perkins ist, also der Lektor von F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway.

Eines Morgens wird ihm ein dicker Pack dicht beschriebener Seiten auf den Tisch geworfen. Er soll mal rübergehen. Er beginnt zu lesen, er hört nicht mehr auf, er weiß, dass es ein Meisterwerk ist. Nur halt viel zu lang.

Dann steht der verhaltensauffällige Mann von der Straße vor ihm. Er stellt sich als Thomas Wolfe vor, und das glauben wir erst mal nicht so ohne Weiteres, denn Thomas Wolfe war doch ein wenig beleibter und auch sonst nicht im Entferntesten so attraktiv wie Jude Law.

Laws Wolfe will das Bündel eigentlich gleich wieder mitnehmen. Alle anderen Verlage haben ja schon abgelehnt. Er kann erst gar nicht glauben, als er hört, dass es gedruckt werden soll. Aber dann geht es um die Details. Und um 300 Seiten, die gekürzt werden müssen.

Mentor, Stütze, Seelenklempner

Es gibt eine sehr lange Sequenz, in der nichts anderes gemacht wird, als auf einer Manuskriptseite so viele Worte mit einem Rotstift zu streichen, bis am Ende nichts übrig bleibt. Und das ist große Kunst, vom Dialog her wie von der Darstellung, was im Berlinale-Palast immer wieder zu wahren Lachsalven führt.

Wir lernen noch andere Geistesgrößen kennen, F. Scott Fitzgerald, der wegen seiner Schreibblockade schon ziemlich am Ende ist und von Guy Pearce in wenigen Szenen scharf konturiert wird, und Hemingway, den es wieder nach Spanien zieht, diesmal nicht wegen der Stierkämpfe, sondern wegen des Krieges, der aber mit Dominic Wiest leider ein wenig blass besetzt ist.

Aber das ist nur Beiwerk. Im Grunde geht es um diese Männerfreundschaft, bei der Perkins nicht nur Lektor ist, sondern Mentor, Stütze, Bollwerk, Seelenklempner. Letztlich ist das wie eine Beziehung. Szenen einer Ehe.

Thomas Wolfe hat nie so gut ausgesehen wie Jude Law

Das sehen die Frauen auch so. Und sie sind not amused. Hier Laura Linney, die Ehefrau des gutbürgerlichen Lektoren, die eifersüchtig verfolgt, wie ihr Mann monatelang nur mit dem Autor durch sein Werk streicht. Und da Nicole Kidman, die sich als Geliebte des Künstlers abgeschoben fühlt, „edited“, wie sie sagt, „herausgeschrieben“, wie im Untertitel steht, „gestrichen“, wie man denkt.

Und wir lernen sehr viel über das Schreiben und über die Schreiber. Dass Genie eben immer auch Wahnsinn heißt. Das Genies aber auch immer jemanden brauchen, der den Wahnsinn zügelt. Der Autor kämpft um jede Zeile. Und schimpft einmal, wie gut, dass Perkins Tolstoi nicht lektoriert hat, sonst hätte man nur „Krieg und Nichts“. Und der Lektor ist gar nicht so sicher, ob er die Bücher wirklich besser macht. Und nicht nur anders.

Dann aber kommt die große Schlange Erfolg. Und mit ihr die Versuchung. Braucht der Autor noch den, der sein Werk verkürzt, jetzt, da alle Verlage Schlange stehen? Das erste Buch war der Geliebten gewidmet, danach wurde sie abserviert. Das zweite Buch ist Max Perkins gewidmet. Und alle sagen ihm, dass das wie eine Grabinschrift klingt.

Aber dazu kommt es nicht mehr. Denn ein Hirntumor lässt Thomas Wolfe am Strand zusammenbrechen. Noch einmal macht er in diesem Film die Augen auf, um nach einem Stift zu verlangen. Und schreibt seinem Verleger ein paar letzte Zeilen. Als der sie später liest, geschieht das Unfassbare. Er nimmt seinen Hut ab. Alle Erschütterung liegt in dieser Geste.

Hut ab!

Wir müssen uns an dieser Stelle anschließen. Auch wir ziehen den Hut. Was am Tag zuvor die Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“ nicht schaffte, das gelingt hier sofort. Hier wird Lust auf Lesen gemacht. Sofort möchte man danach einen Thomas Wolfe lesen. Vor so viel Können, aus einem Stoff, aus dem man schier das Papier rascheln zu hören glaubt, ein so köstliches Kinokleinod zu machen. Chapeau.

Wenn das Kino nur endlich begänne, nicht nur den großen Autoren mit solchem Ernst zu begegnen, sondern auch jenen, die die Drehbücher schreiben. Aber das ist eine andere Geschichte.