Berlinale

Wie die zwölf Geschworenen die Berlinale erleben

Kino, Luftschnappen und wieder Kino: Die Leserjuroren der Berliner Morgenpost sind ganz im Festivalfieber. Nur die Familie leidet darunter.

Elf Tage ist das ihr zweites Zuhause: Die Leserjury der Berliner Morgenpost im Berlinale Palast

Elf Tage ist das ihr zweites Zuhause: Die Leserjury der Berliner Morgenpost im Berlinale Palast

Foto: Reto Klar

Was für ein Wechselbad der Gefühle. Gerade erst ist ein Hotel in Sarajewo stellvertretend für ganz Bosnien-Herzegowina aus dem Lot geraten. Und gleich wird Emma Thompson in „Alone in Berlin“ Widerstand gegen die Nazis leisten. Dazwischen ist gerade mal eine Stunde Pause.

Die wird gewöhnlich zum Luftschnappen genutzt. Oder, um vom Berlinale Palast ins Hyatt Hotel zu flitzen, wo die Pressekonferenz zum eben gezeigten Film beginnt. Am Montagmorgen aber geht es einmal in die erlesene Tesiro-Lounge. Auf einen Kaffee, bei dem die Leserjury der Berliner Morgenpost über ihre Erfahrungen auf der Berlinale berichten soll.

Drei Filme Pflicht, dann fremdgehen

Sie sind auserwählt. Sie gehen in den Wettbewerb, um am Ende über den Publikumsliebling zu entscheiden. Und sie tragen einen Ausweis auf der Brust, der wie ein Sesam-öffne-Dich ist. Weil man damit fast überall reinkommt. Zwei bis drei Filme pro Tag sind Pflicht.

Danach kann man, wenn man noch wach ist und genügend Sitzfleisch hat, noch in alle anderen Sektionen „fremdgehen“. Drei Juroren haben es schon auf fünf Filme am Tag gebracht, zwei gar auf sechs. Mehr geht nicht. Tage im Ausnahmezustand.

Die Kinder freuen sich auch, wenn Mama im Kino ist

Das geht natürlich nur, wenn man ein verständnisvolles Umfeld hat. Denn Familie und Freunde kriegt man kaum zu Gesicht. Es ist irgendwie auch eine asoziale Zeit. „Man hat gar keine Lust, auch keinen Sinn, sich mit Leuten auseinanderzusetzen, die das nicht mitmachen“, meint Florian Weidl. Man hat auch keine Zeit. Schon morgens um neun muss man im Kino sitzen, vor abends kommt man nicht heim. Ein Fulltime-Job.

Steffi Falk ist Familienmutter. Aber ihre Kinder nehmen es geduldig hin, dass sie die Mama gerade nie da ist. „Die freuen sich eher, dass ich ihnen nicht auf die Nerven gehe.“ Auch Gabriele Schütze nimmt es sportlich: „Solange mein Mann mich abends noch im Halbdunkel erkennt und sagt: ,Gabi, schön, dass du da bist’, ist alles gut.“

Das ging schon mal süß los: Zur Eröffnung einen Muffin

Der Lebensgefährte von Bastian Peters klagt dagegen schon. „Aber der sieht mich nur, wenn er sich auch Karten für einen Film besorgen kann.“ Das Kino ist zurzeit der einzige Ort, wo man sich begegnet. Laurie Andraschko, die jüngste der zwölf Geschworenen, hatte am Eröffnungstag Geburtstag. Statt mit Freunden zu feiern, musste sie erst mal ihre Akkreditierung abholen, die sich aber als irres Präsent erweist. Für den ersten Film hat sie extra Muffins gebacken. Für jeden Juror einen. Das ging schon mal süß los.

Sie sitzen jetzt immer zwei, drei Reihen hinter der anderen, der Internationalen Jury. Irgendwie hat man ja den gleichen Job. Wobei: „Das erste Mal, als ich Meryl Streep vor mir hatte, hab’ ich mich eine halbe Stunde nicht konzentrieren können“, gesteht Alexander Masche. Das ging ihr ähnlich, bestätigt Anja Scharer: „Aber wegen Clive Owen.“

Meryl Streep das Wasser reichen

Jetzt beäugt man die „großen“ Kollegen immer noch ab und an. Dem Lars Eidinger etwa, dem muss ganz schön kalt sein. Weil er nie die Jacke auszieht. Hat vielleicht auch mit dem eisigen Wind zu tun, der ihm seit seinem Barebackgate entgegenweht. Frau Streep dagegen trinkt immer ganz viel Wasser, flaschenweise. Vielleicht, schmunzelt Alexander Masche, müsste man sich danach die leeren Flaschen schnappen und bei Ebay verkloppen.

Überhaupt die Verpflegung. Das ist natürlich so eine Sache. Zwischen den Filmen ist kaum Zeit für Nahrungsaufnahme. Laurie Andraschko kocht deshalb spätabends, wenn sie heimkommt, immer noch was. Für die Lunchbox am nächsten Tag. Das sei auch eine gute Möglichkeit, runterzukommen. Auch Tarja Wündrich hat eine „Brataktion“ hinter sich. Aber sie hat nur für vier Tage vorgesorgt. Jetzt musste der Katzensitter auch sie sitten. Und erst mal den Kühlschrank füllen.

Manchmal verschwimmen die Themen

Schwierig ist bei alldem nur diese Berg- und Tal-Fahrt der Gefühle. An einem Tag tote Flüchtlinge auf dem Meer, am anderen eine Spätabtreibung, das geht nicht immer spurlos an einem vorbei. „,24 Wochen’ habe ich nicht gut weggesteckt“, sagt Steffi Falk, „ich war total aufgewühlt.“

Tarja Wündrich ging es ähnlich nach „Fuocoammare“: „Ich war froh, als dann Isabelle Huppert kam, die hat mich mit ihrem Spiel zurückgeholt.“ Und Sandra Schneider findet, dass bei so vielen Filmen manchmal die Themen verschwimmen. Aber keiner will diesen Marathon missen. Die Berlinale einmal so zu erleben, ist ein Geschenk für alle. Auch für die, die gerade nicht Geburtstag hatten.

Kurz danach läuft uns wie zufällig Gerd Bocher über den Weg. Er war vor sechs Jahren auch in der Leserjury. Er ist immer auf der Berlinale unterwegs, aber nie sei das so schön gewesen wie damals, schwärmt er noch heute. Und berichtet, dass er mit drei Kojuroren von damals noch immer Kontakt hat und ab und an ins Kino geht. So eine Leserjury schweißt also weit länger zusammen als nur für elf Tage.