Berlinale

Jeder gähnt für sich allein: „Alone in Berlin“

Wie schade: Ausgerechnet der Berlin-Film „Jeder stirbt für sich allein“ ist die Kröte im Wettbewerb. Daran können auch die Stars nichts ändern.

Foto: Marcel Hartmann © X Filme Creative Pool

Anfangs ist es nur ein stiller Akt von Wut und Trotz. Am Morgen erst hat der Werkmeister Otto Quangel erfahren, dass sein Sohn im Krieg gefallen ist. Seine Frau hat ihn nur angesehen und gesagt: „Du und dein Führer.“ Und während die ganze Stadt den Sieg über Frankreich feiert, sitzen sie still zu Hause. Jeder für sich.

Quangel blättert in seiner „Bibel“, einem Handbuch für Mechanik. Darin findet er eine Hitler-Postkarte als Lesezeichen. Quangel nimmt seine Feder und malt die Buchstaben um, bis dort statt „Der Führer“ „Der Lügner“ steht.

Berlin sieht hier verdächtig oft nach Görlitz aus

Damit aber ist eine Idee geboren. Otto Quangel wird immer neue Karten schreiben. Mit ungelenker Krakelschrift und fehlerhafter Rechtschreibung. Mahnsätze wie: „Der Führer hat mein Sohn gemordet. Er wird auch deine Söhne ermorden.“ Später auch: „Tötet sie, tötet Hitler.“ Und er wird die Karten auf die Straße fallen lassen und in fremde Treppenhäuser legen. Um die Mitmenschen aufzurütteln.

Sie haben lange stillgehalten, die Quangels. Man könnte sie Mitläufer nennen. Sie waren nie in der Partei. Aber sie haben stets geschwiegen. Jetzt schweigen sie nicht mehr. Als Anna ihren Mann beim Kartenschreiben erwischt, beschließt sie sofort, mitzumachen. Ein mutiger Akt des Widerstands.

Aus dem authentischen Fall von Otto und Elise Hampel, die 1943 in Plötzensee hingerichtet wurden, hat der Berliner Schriftsteller Hans Fallada Ende 1946 sein letztes Buch gemacht. „Jeder stirbt für sich allein“. Den ersten Roman eines nicht Emigrierten über den deutschen Widerstand. Kurz darauf ist er gestorben. Den Erfolg des Buchs hat er nicht mehr erlebt. Dreimal ist es verfilmt worden. Dann hat es vor fünf Jahren ein fulminantes Comeback erlebt. Die Neuauflage, die erstmals ohne Schönungen und Glättungen erschien, wurde noch mal zum Bestseller, auch international.

Nur folgerichtig, dass dieser Überraschungserfolg nun noch eine weitere, diesmal internationale Verfilmung nach sich zog. Eine, die, zumindest teils, in Berlin gedreht wurde. Und nun hier auf der Berlinale uraufgeführt wurde. Ein ideales Forum für eine solche Produktion. Ein Selbstläufer, könnte man meinen. Von wegen. Ausgerechnet dieser Berlin-Film erweist sich als die Kröte im Wettbewerb. Es stimmt fast nichts in diesem Machwerk. Ein klassicher Euro-Pudding, bei der zu viele Kulturen aufeinanderprallen und nicht wirklich harmonieren.

Das fängt bei den Darstellern an. Emma Thompson, eigentlich eine große Mimin, trägt hier von Anfang an eine Leidensmiene, als müsste sie in einem großen Theater die großen Gefühle bis in den hintersten Rang spielen. Brendan Gleeson gibt seinen Otto vielschichtiger, er zerbricht leise, implodiert geradezu. Aber beide sind Engländer, die sichtlich spielen, was im Drehbuch steht. Die Nebenrollen immerhin werden von Deutschen übernommen, wenngleich auf Englisch, aber sie müssen groteske Schnauzbärte tragen (wie Daniel Brühl, der als Kommissar das Paar aufspüren muss) und grotesk eingleisig spielen.

Das geht bei den Stadtansichten weiter. Berlin sieht hier verdächtig oft nach Görlitz aus. Ein Panoramablick auf Berlin ist deutlich am Computer entstanden und wirkt mega-künstlich. Ein paar wenige Außenaufnahmen wurden zwar vor Ort gedreht, auf der Museumsinsel oder an der Schloßbrücke, sehen aber wie künstliche Kulissen aus.

Kein Gespür für die Stadt, die Zeit und die Figuren

Und dann die Regie! Vincent Perez ist einer dieser Schauspieler, der weniger wegen seiner tiefen Darstellung als wegen seines attraktiven Äußeren zu seinem Beruf kam. Seit die Haare etwas schütter sind, wechselt der Schweizer zuweilen auch hinter die Kamera. Doch bei seinem dritten Regie-Film hat er sichtlich kein Gespür. Nicht für die Stadt, nicht für die Zeit, erst recht nicht für die Figuren.

Eigentlich macht Vincent Perez dasselbe wie Otto Quangel zu Beginn. Er blättert in einem Handbuch für Mechanik. Er inszeniert routiniert und bedient sehr erwart-, sehr vorhersehbar alle Mechanismen des Betroffenheitskinos wie aus dem Lehrbuch. Die erdbraunen Farbtöne. Die schmachtende Musik.

Was ihm nicht gelingt, ist, aus dem Nebenstrang mit Kommissar Brühl spannende Thrillermomente zu erzeugen. Was ihm auch nicht gelingt, und das wiegt weit schwerer, ist, dass man wirklich Angst hat um diese Quangels, die einem doch zu Herzen gehen müssten. Nein, man bleibt, auch wenn man sich fast dafür schämt, seltsam unberührt, ja sogar gelangweilt. Jeder gähnt für sich allein.

Fast schmerzhaft erinnert man sich da an Alfred Vohrers Verfilmung von 1976. Die hat natürlich auch schon Staub angesetzt. Aber da spielten Hilde Knef und Carl Raddatz mit, die die Nazizeit noch selbst erlebt haben. Und wussten, was sie spielten. Bei ihnen hat man gebangt, ob sie erwischt werden. Bei ihnen hat man auch gebangt, wie sie wieder und wieder verhört werden.

Diesen Schluss blendet Perez fast völlig aus. Und erfindet stattdessen ein pathetisches Ende, bei dem sich Fallada im Grab umdrehen muss. Vielleicht muss das so sein bei einem internationalen Film, könnte man denken. Aber auch da belehrt uns das internationale Festival eines Besseren. Nach der ersten Vorführung gibt es ein entrüstetes Buh, einen knappen Verlegenheitsapplaus. Und sonst nur große Enttäuschung.