Kultur

Meryl Streep erteilt eine Lektion

Die Jury-Präsidentin gewährt Filmstudenten eine Audienz – und gibt Einblicke in ihre Karriere

Mit Meryl Streep als Jury-Präsidentin ist der Berlinale ein echter Coup gelungen. Seit Mittwoch ist Berlin nun im Meryl-Fieber, allein bei der Eröffnung erhielt sie zwei Mal stehende Ovationen. Doch der Hollywoodstar gibt sich scheu, Interviewanfragen werden allesamt abgelehnt. Die einzige Audienz gewährt sie dem Nachwuchs, den Filmstudenten bei den Berlinale Talents im Hebbel Theater am Ufer. Dort stellt sie sich am Sonntagmittag über eine Stunde den Fragen und plaudert bestens gelaunt und mit charmanter Selbstironie über ihre langjährige Karriere.

Mit der Schauspielerei hat sie sich selbst erschaffen

Die Karten dafür waren entsprechend begehrt, der Saal ist bis zum letzten Platz besetzt. Von Moderator Peter Cowie als „größte lebende Filmschauspielerin“ angekündigt, wird Meryl Streep mit frenetischem Jubel und schon wieder stehenden Ovationen begrüßt. Und gleich mit ihren ersten Sätzen hat sie die Studenten um den Finger gewickelt. Sie erzählt, wie unverstanden und unbeliebt sie sich als Teenager fühlte und wie wenig Karrierechancen Frauen damals hatten. „Daran waren nicht allein die Männer schuld, die ganze Kultur war so geprägt.“ Das hat sie schließlich zur Schauspielerei gebracht, „damit wollte ich mich selbst erschaffen“.

Ihre ersten beiden Kinorollen in „Die durch die Hölle gehen“ und „Kramer gegen Kramer“ beruhten auf unfertigen Drehbüchern, verrät sie, viele Dialoge hätte sie improvisiert. „Ich dachte: Toll, ich kann ja sagen, was ich will!“ Den Kopf hat ihr gleich beim nächsten Dreh der Dramatiker Harold Pinter zurechtgerückt. „Er bestand darauf, dass ich jedes Wort genau so spreche, wie er es geschrieben hatte: ,Sie setzen ein Komma, wo gar kein Komma ist.‘“

Streep hat sichtlich Freude an diesen Anekdoten, erzählt vom autoritären Regiestil Clint Eastwoods („Er hatte seine Crew so gedrillt, dass sie immer genau machten, was er wollte.“) und schwärmt vom verstorbenen Mike Nichols („Einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben“). Einmal bringt sie sogar den Moderator aus der Fassung. Er fragt, wie es war, in „Die Eiserne Lady“ als alte Margaret Thatcher unter all dem Make-up zu spielen. „Ich muss sie enttäuschen, das war keine Maske, das war das Licht.“ Auf seinen ungläubigen Blick reagiert sie souverän. „Als Schauspielerin muss man sich von dieser Hochglanz-Eitelkeit lösen. Das ist dumm und eitel. Und wen interessiert’s?“

Meryl Streep ist mit 66 Jahren gefragter denn je, die Altersgrenze für Schauspielerinnen hat sich in Hollywood verändert, daran hat auch sie ihren Anteil. „Früher hatte ich Angst, mit 38 arbeitslos zu sein. Deshalb freue ich mich über jedes Drehbuch.“ Auf jede Rolle bereitet sie sich anders vor, sagt sie. „Schauspielerei ist ein Schwindel. Man macht sich zuerst selbst etwas vor, um damit andere etwas glauben zu lassen.“

Als sie gefragt wird, ob sie selbst einmal Regie führen will, reagiert sie mit einem hellen Lachen. „So mancher meiner Regisseure würde wohl sagen, dass habe ich bereits.“ Das ist natürlich nicht ernst gemeint, sie könne sich kaum etwas Langweiligeres vorstellen. „Um vier Uhr morgens im Anorak raus und Dreh-Locations anschauen? Da würde ich lieber sterben.“ Man kann sich gut vorstellen, dass es Filmemacher unter ihr nicht immer leicht haben.

Bei Dreharbeiten werden Regisseure oft ehrfurchtsvoll mit „Governor“ angesprochen, verrät Streep mit einem Grinsen. Als beim Musical „Mamma Mia!“ die Britin Phyllida Lloyd Regie führte, wusste das fast ausschließlich männliche Filmteam nicht, wie sie sich verhalten sollen. „Da geriet plötzlich die ganze Hierarchie ins Wanken. Am Ende nannten sie sie einfach ,Mom‘.“

Das Problem der Filmbranche sei aber vor allem, dass kaum Frauen in den Führungsetagen sitzen, „dort, wo das Geld ist und die Entscheidungen getroffen werden“. Sie setzt sich für die Förderung von Drehbuchautorinnen jenseits der 40 ein. „Diese Männer in leitenden Positionen interessieren sich einfach nicht für Geschichten von ihren ersten Ehefrauen oder ihren Müttern.“ Aber da ändere sich gerade etwas, glaubt Streep. „Man muss Lärm machen, um einen Platz am Tisch zu bekommen und Teil der Konversation zu werden. Das ist ein tagtäglicher Kampf.“

Am Ende gibt sie noch einen mütterlichen Rat

Weitere ihrer unzähligen Kinoerfolge werden angeschnitten, „Jenseits von Afrika“ etwa oder das Holocaustdrama „Sophies Wahl“, in dem sie auch Deutsch sprach. Als sie der Moderator für ihre Aussprache lobt, antwortet sie charmant in akzentfreiem Deutsch: „Dankeschön“. Das tollste Kompliment aber macht Streep ihrer Mutter, die sie und ihre Brüder aufgezogen hat und mit ihrer Lebensfreude, Neugier und ihrer weltoffenen Einstellung immer ein Vorbild für sie gewesen sei. „Ich bin längst selbst Mutter, und dieser Job ist ein so, so zentraler Teil meines Lebens, wichtiger als meine Karriere.“

Am Ende hat sie noch einen mütterlichen Rat an den Nachwuchs, bevor sie unter tosendem Applaus wieder von der Bühne geht. „Nur Filme zu machen, ist ein sehr ödes Leben. Suchen Sie sich etwas, das Sie mit der Welt verbindet.“