Berlinale 2016

Tilda Swinton: "Die Berlinale war mein Kindergarten"

Auch nach einer langen Fete gibt sie sich frisch: Festival-Dauergast Tilda Swinton über neue Filme, alte Hüte und David Bowie.

Die schauspielerin Tilda Swinton ist ein Dauergast auf der Berlinale

Die schauspielerin Tilda Swinton ist ein Dauergast auf der Berlinale

Sie ist ziemlich übernächtigt, warnt sie gleich. Am Donnerstag hat Tilda Swinton mit George Clooney und den ­Coen-Brüdern nicht nur die Premiere ihres Films „Hail, Caesar!“, sondern auch in den Geburtstag des Hauptdarstellers Josh Brolin hineingefeiert. Und es ist sehr spät geworden. „Eigentlich fühlt es sich immer noch wie Nacht an“, sagt Tilda Swinton am Freitagmittag im „Hotel de Rome“. Dabei wirkt der Berlinale-Dauerstar so frisch und gut gelaunt wie eigentlich immer.

Berliner Morgenpost: „Hail, Caesar!“ war ihr zweiter Film mit den magischen drei Cs: den Coens und Clooney. Stimmt es, dass Sie sofort zugesagt haben?

Tilda Swinton: Ja, es war nur ein kurzer Anruf. Bei den Coens sagt man sofort Ja. Beim ersten Mal, weil man mal in einem ihrer Filme dabei sein will. Und beim zweiten Mal, weil man wieder bei ihren Dreharbeiten dabei sein will. Weil man weiß, wie entspannt das ist, wie viel Spaß es macht. Weil man bei ihnen in den besten Händen ist.

„Hail“ ist eine Hommage an die alten Filme aus der Goldenen Ära von Hollywood. Lieben Sie die alten Klassiker?

Und wie. Ich gehöre zu der Generation, die mit denen aufgewachsen ist. Im Fernsehen natürlich. Das war die Welt, die meine Fantasie angeregt hat.

Sagt der Film auch etwas über das Filmbusiness heutzutage aus?

Das kann ich nicht sagen. Es ist definitiv ein Film über Hollywood, aber ich kenne mich dort nicht wirklich aus. Ich denke aber, dass Hollywood sich seither sehr verändert hat. Es ist ein noch viel größerer Zirkus geworden, aber die Studios haben definitiv nicht mehr eine solche Macht. Die haben damals ihre Stars ja nicht nur kontrolliert, sondern regelrecht dirigiert.

Jeder weiß, wie modebewusst Sie sind. Wie war das, all die klassischen 40er-Jahre-Kostüme und -Hüte zu tragen?

Einfach großartig. Ich sah aus wie Katharine Hepburn in einer dieser Screwball-Komödien. Es fühlte sich so an, als sei man selbst ein Star aus dieser Zeit.

Darf man solche Kostüme am Ende eigentlich mit nach Hause nehmen?

(lacht) Leider nein. Die werden danach gern versteigert. Diese kommen aber hoffentlich in ein Museum. Ich gucke aber immer, dass ich von jedem Film irgendwas mitnehme. Für meine Kinder. Wobei mir jetzt prompt nicht einfällt, was das bei „Hail, Caesar!“ war.

Sie haben noch einen Film auf der Berlinale, „The Seasons in Quincy“ im Forum. Da haben Sie mal Regie geführt

Darauf bin ich sehr stolz. Es ist ein Filmessay über meinen guten Freund John Berger, der ein großer, engagierter Schriftsteller ist, aber in Deutschland nicht so bekannt ist, wie er sollte. Es ist eine Huldigung in vier Kurzfilmen, ich habe einen davon gedreht. Und die Berlinale gibt uns die Chance, ihn hier zu zeigen.

Sie sind ein Berlinale-Dauergast, sie waren schon drei Mal in einer Jury. Sie können sogar 30-Jähriges feiern, 1986 zeigten Sie hier Ihren allerersten Film. Ist das Festival so was wie ein Zuhause für Sie?

Es ist viel mehr. Es ist wie zurück in der Schule, aber in einer schönen Schule! Eigentlich ist es sogar wie Kindergarten. Ich betrachte mich wirklich als ein Baby der Berlinale. Als ich 1986 mit Derek Jarman hier her kam, um „Caravaggio“ zu zeigen, hatte ich erste Kontakte zu anderen Filmemachern wie Christoph Schlingensief und Cynthia Beatt, mit denen ich dann auch die nächsten Filme gemacht habe. Das Festival hat also wirklich meine Karriere gestartet. Das ist für mich, als wäre ich hier als Filmschaffende geboren. Und ich komme immer wieder, weil ich hier so viele Freunde gewonnen habe.

Als Sie hier Jurypräsidentin waren, haben Sie mir gesagt, Sie würden überlegen, die Schauspielerei aufzugeben. Sie haben das glücklicherweise nicht getan. Oder erwägen Sie das doch noch ab und an?

Immer wieder! Ich gebe ständig auf. Und werde wieder rückfällig. Kennen Sie diese Raucher, die sagen: „Ich höre auf“ und dann schaffen sie es nur einen Tag? Ich denke nach jedem Film, ich lass’ es jetzt. Und dann kommt wieder so ein Angebot, das man nicht ablehnen kann. Wissen Sie, ich wollte ja nie Schauspielerin werden. Ich bin da so reingerutscht. Ich war nie darauf vorbereitet, habe das nie gelernt.

Filmen ist also wie Rauchen – eine Sucht?

(lacht) Es überrascht mich immer wieder, wenn ich zusage. Ich tue es aber immer wieder, wenn mich etwas neugierig macht. Ich hätte genug anderes zu tun. Aber Drehen ist wie die Glasur auf dem Kuchen.

Könnten Sie sich vorstellen, öfter Regie zu führen?

Auch da bin ich so reingerutscht. Mein erster Regiefilm war eine Hommage auf Derek Jarman, auch den habe ich mit einem Freund gemacht. Vielleicht kann ich das nur in Projekten für Menschen, die mir am Herzen liegen. Aber ich schreibe gerne Essays, das ist die Form, die ich für mich gefunden habe.

Verzeihen Sie die Frage. Aber wir alle waren schockiert, als wir vom Tode David Bowies hörten. Sie waren enge Freunde. Wie haben Sie das verarbeitet?

Ich wusste, dass er krank war. (überlegt lange) Es ist immer ein Schock, wenn jemand dann tatsächlich geht. Aber es ist ein Trost, zu wissen, dass er glücklich war. Klar, er hätte gern noch länger gelebt, aber er war, so wie ich das verstanden habe, so gut darauf vorbereitet, wie man nur sein kann. Er hat uns so viel geschenkt. Und das bleibt. Und das Unglaubliche ist ja, dass wir hier ständig an ihn erinnert werden. Es ist ja eine richtige „Bowienale“.

Es gibt Gerüchte, es soll eine Filmbiografie über David Bowie geben. Und es gibt Gerüchte, Sie sollten ihn spielen.

Ja, die habe ich auch gehört! Keine Ahnung, wo die herkommen.

Es gibt dieses wunderbare Foto von Bowie als Tilda Swinton und Ihnen als David Bowie. Vielleicht hat das angespornt?

Ich habe keine Ahnung. Bislang ist noch niemand mit so einem Angebot bis an meine Tür gekommen.

Und wenn jemand käme, würden Sie annehmen?

Kann ich mir nicht vorstellen.

Weil es Ihnen zu nahe ginge?

Ich bin erst mal kein Fan von Biopics. Und dann gibt es wohl keinen, der sowas weniger bräuchte als David Bowie. Er hat seine eigene Filmbiografie gemacht, konstant, sein Leben lang. Wer immer das spielen will: Viel Glück.