Berlinale

In der ganzen Stadt ist der Bär los

Dieses Jahr ist alles anders: Statt Mustern und Buchstaben, ist ein Braunbär in Berlin als Fotomotiv auf den Berlinale-Plakaten zu sehen.

Die Bären sind da! Überall hängen sie, die neuen Plakate der Berlinale. Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit nimmt man sie wieder wahr, denn in diesem Jahr ist alles anders. Jahrzehntelang setzte das Filmfestival in ihrem Werbeauftritt auf die grafische Lösung: Muster, Buchstaben, Abstraktes. Oft war auf den Plakaten der Bär in seiner Trophäenform angedeutet, meistens war alles sehr rot, mal mehr, mal weniger gelungen, doch bald lösten sich die verschiedenen Jahrgänge auf, das Plakat war neu, aber irgendwie auch das alte.

Die letzten fünf Jahre gestaltete die Berliner Agentur Boros die Werbung und das sorgte einzig in Grafik-Foren noch für Gesprächsstoff. Und jetzt das: Fotos! Ein Braunbär im nächtlichen Berlin. Er tapst aus einer leeren U-Bahn, schlendert unter der Hochtrasse am Schlesischen Tor entlang oder die Treppe zur Neuen Nationalgalerie hinauf. Ein Nachtbär ist das, ein Flaneur. Anmutig, lässig, immer unterwegs und immer allein. „Gemeinsam mit den Künstlern der internationalen Filmwelt erobert der Bär das Berliner Stadtgebiet. Die sechs Plakatmotive erzählen von flüchtigen Begegnungen einzelner Nachtschwärmer mit den Bären in der Stadt, fotografisch festgehalten – eingeklemmt zwischen Realität und Fiktion“, erklärt Festivalleiter Dieter Kosslick die neuen Motive. Das klingt ein wenig gewollt, zumal inzwischen eigentlich alles eingeklemmt ist zwischen Realität und Fiktion, sogar das Leben selbst.

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Gestaltet hat diesen neuen Auftritt die Schweizer Werbeagentur Velvet, die auch schon Plakate für das Deutsche Theater entworfen hat. Die Farben sind hochgedreht, weit hinein ins Grüne, Rote, Blaue. Betrachtet man die Fotos aus der Nähe, fällt das Grobkörnige auf. Die Optik erinnert an den alten Röhrenfernseher, die Bilder sehen aus, wie vom Bildschirm abfotografiert. Das mag verwundern, ist doch auch die Berlinale schon längst mit neuester digitaler Technik ausgestattet, werden Filme mit hochauflösenden HD-Kameras gedreht und Klassiker neu digitalisiert. Von einer Retro-Optik könnte man sprechen, vielleicht sogar von Nostalgie. Vielleicht ist hier aber auch der Hinweis versteckt, dass der Film seine Bedeutung längst nicht mehr nur im Kino erlebt, sondern auch zu Hause, am Bildschirm, in allen verfügbaren Stream-Formaten, in Downloads, nicht selten illegal, in atemberaubend schlechter Qualität. Manchmal sogar mit der Handykamera von der Leinwand abgefilmt und ins Netz gestellt.

Das ist das Gegenteil von dem Kinogenuss, für den die Berlinale steht. Eine wohlwollende Interpretation dieser Optik zeigt also in Richtung Publikum, genauer: Massenpublikum. In die selbe Richtung deutet der auf den Plakaten aufgedruckte Hashtag #Berlinale. Es soll getwittert werden. Das passiert natürlich schon seit Jahren, doch hat bisher das Festival selbst dazu nicht aufgerufen. Das Allerwichtigste bei diesen neuen Plakaten: Sie sind wirklich schön. Wahrscheinlich werden sie in den Berlinale-Shops schon sehr bald ausverkauft sein, denn diese Plakate wollen alle haben. Wenn man die Logo-Leiste unten wegschneidet, ist es richtig schön. Zum an die Wand hängen schön. „‚Der Bär ist los‘, so könnte das Motto unserer diesjährigen Plakatmotive heißen. Auf ihnen schwärmt der Bär aus und ist, wie das Festival selbst, nicht nur am Potsdamer Platz“, so Dieter Kosslick, „sondern auch in den verschiedenen Kiezen unserer Stadt zu sehen.“