Berlinale

Ab zur Berlinale: Dafür lohnt sich das Schlangestehen

An diesem Montag begann der Vorverkauf. Dann heißt es wieder anstehen, hoffen und bangen. Diese Filme sollten Sie nicht verpassen.

Cineasten, die auf Kassen starren: Die Berlinale-Schlange am frühen Montagmorgen

Cineasten, die auf Kassen starren: Die Berlinale-Schlange am frühen Montagmorgen

Foto: Reto Klar

Am Donnerstag beginnt die Berlinale. Dann ist wieder Kino-Ausnahmezustand, am Potsdamer Platz, am Zoo Palast, am Friedrichstadtpalast, in den Kiez-Kinos, in der ganzen Stadt. Da heißt es, schnell noch Vorrat für die nächsten zwei Wochen besorgen. Und rüsten für das Schlangestehen. Montagfrüh begann der Kartenvorverkauf - schon seit Sonntagabend campierten Menschen vor den Kassen, Montagfrüh standen mehr als Hundert Filmfans an.

>>> 10 Tipps, wie Sie an ein Berlinale-Ticket kommen <<<

Einige Filme sind dabei wieder heiß begehrt. 434 Filme sind in diesem Jahr zu sehen, das sind immerhin sieben weniger als im Vorjahr – aber dafür kommt einer, der Wettbewerbsbeitrag aus den Philippinen, schon allein auf acht Stunden. Und 434 Filme insgesamt, das macht immer noch einen Schnitt von 39,5 Filmen am Tag. Ein Pensum, das natürlich keiner bewältigen kann. Die wichtigste Frage, die sich aufdrängt, ist daher wie in jedem Jahr: In welchen Film soll man gehen? Wann lohnt sich überhaupt das Schlangestehen vor den Ticketcountern?

>>>Filmfans stehen stundenlang für Berlinale-Tickets an<<<

Unser Filmredakteur Peter Zander hat sich schon mal ein wenig umgesehen und eine kleine Vorauswahl getroffen. Selbstredend ist das eine völlig subjektive Wahl, und sie ist ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit. Manche Filme muss man einfach gesehen haben. Den neuen Clooney. Den Berlin-Film „Jeder stirbt für sich allein“. Aber auch andere Beiträge sollten nicht im Dickicht der großen Namen und zahllosen Sektionen untergehen. Eine Empfehlung in 20 Filmen.

Hail Caesar! (Außer Konkurrenz)

Die hohen Cs der Berlinale! George Clooney! Die Coen-Brüder! Und dann handelt ihr Film noch hochironisch vom Filmbusiness. Bei Dreharbeiten zu einem Monumentalschinken wird ausgerechnet der Star (Clooney, klar) entführt. Und ein Detektiv muss ihn aufspüren. Die Coen-Clooney-Connection hat schon schöne Früchte wie „Oh Brother, Where Art Thou“ getragen. Das verspricht einen triumphalen Auftakt.

Miles Ahead (Berlinale Special)

Man kennt Don Cheadle als Schauspieler aus den „Ocean’s“-Filmen und „Hotel Ruanda“. In Berlin stellt er nun sein Regiedebüt vor: eine Filmbiographie über Miles Davis. Kein klassisches Biopic: Der Film konzentriert sich auf zwei Tage am Abgrund im Leben der Jazzlegende, zwischen Drogen und cholerischen Ausbrüchen. Den Hauptpart spielt Cheadle selbst, als Ko-Autor hat er sie sich buchstäblich auf den Leib geschrieben.

Jeder stirbt für sich allein (Wettbewerb)

Ein älteres Ehepaar leistet Widerstand gegen die Nazis: Hans Falladas Roman wurde 1978 schon einmal mit Hildegard Knef verfilmt. Die Neuauflage des Buchs wurde unter dem internationalen Titel „Alone in Berlin“ zum Welthit, und wurde nun noch mal adaptiert. Natürlich auch in der Stadt: mit Stars wie Emma Thompson, Brendan Gleeson – und Daniel Brühl als Nazi. Nicht nur für jeden Berliner ein absolutes Muss.

Saint Amour (Außer Konkurrenz)

Gérard Depardieu ist das Letzte. Nein, wir sprechen jetzt nicht von seiner Flugzeugpinkelei oder Putin-Kumpanei. 2010 war sein „Mammuth“ der letzte Film vor der Bären-Vergabe, und auch diesmal kommt der XXL-Franzose ganz zum Schluss. Als Weinbauer, der mit seinem Sohn auf Verköstigungsreise geht. Da werden nicht nur edle Tropfen, sondern auch manch andere Freuden genossen. Na denn Prost!

Hele sa hiwagang hapis (Wettbewerb)

Vor dem philippinischen Beitrag von Lav Diaz graut schon manchem: Sein Schwarzweißfilm über einen Nationalhelden und Revolutionär gegen die spanische Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert währt satte acht Stunden – am Stück, mit nur einer Pause. Da ist viel Sitzfleisch und Ausdauer gefragt. Aber wie wusste schon Fassbinder: Acht Stunden sind kein Tag. Und wer durchhält, kann später sagen: Ich war dabei.

Chi-raq (Außer Konkurrenz)

Beim derzeitigen Boykott-Aufruf gegen den Oscar ist der streitbare Regisseur Spike Lee ganz vorne. Auf der Berlinale überrascht er nun mit ungewohnt heiteren Tönen. Er überträgt „Lysistrata“ in das Chicaco von heute: Frauen treten in den Sexstreit, um das Morden zwischen den Straßengangs Trojans und Spartans zu verhindern. Der Filmemacher kämpft auf ganz eigene Weise gegen den Waffenwahn und die Waffenlobby der USA.

L’avenir (Wettbewerb)

Wüsste man es nicht besser, man wollte meinen, das Kino sei für Isabelle Huppert gemacht. So gern sehen wir ihr zu, wie all ihre Emotionen quasi von ganz innen durch ihre ätherische Gestalt hindurch leuchten. Diesmal spielt sie eine Philosophielehrerin, die ein geregeltes Leben mit ihrem Mann führt. Bis der sie eines Tages verlässt, sie plötzlich auf sich allein zurückgeworfen ist und sich eine ganz neue Lebensphilosophie ersinnen muss.

Genius (Wettbewerb)

Nur eins scheint noch langweiliger, als Menschen im Kino beim Schreiben zuzusehen: beim Lektorieren zuzuschauen. Nach diesem Film weiß man es besser. Der immer großartige Colin Firth spielt Max Perkins, den Mann, der Hemingway und F. Scott Fitzgerald unter Vertrag hatte und das Genie von Thomas Wolfe (Jude Law) erkannte. Eine Reanimation der Goldenen Zwanziger mit lauter Kinostars als berühmten Zeitgenossen.

Where to Invade next (Berlinale Special)

Wenn Michael More vor den Stars & Stripes posiert, weiß man, das kann nur ironisch sein. In seinem jüngsten Film bietet der Oscar-Preisträger („Bowling for Columbine“) dem Pentagon an, künftig den Einmarsch in ferne Länder selbst zu übernehmen – als Ein-Mann-Armee. Aber nur unter der Bedingung, keinen zu erschießen und kein Öl zu erbeuten. Eine gewohnt bissig-gallige Abrechnung mit den USA à la Moore.

Indignation (Panorama)

James Schamus, Berlinale-Jurypräsident des Jahres 2014, ist einer der wichtigsten unabhängigen US-Filmproduzenten und Drehbuchautor von Ang Lee. Jetzt legt der 56-Jährige sein spätes Regiedebüt vor und beweist erneut sein Gespür für Außenseiter, die sich gesellschaftlichen Zwängen nicht fügen wollen. Hier begehrt in der bedrückenden McCarthy-Ära Nachwuchsstar Logan Loman gegen sein erzreaktionäres College auf.

Grüße aus Fukushima (Panorama)

Erst kam der Tsunami, dann der Super-GAU. Noch immer wohnen die ehemaligen Anwohner von Fukushima in Containerhütten und warten vergebens auf Hilfe. Doris Dörrie hat sich nach „Kirschblüten“ erneut nach Japan aufgemacht und lässt in ihrem in strengem Schwarzweiß gedrehtem Film eine junge Deutsche auf eine alte Japanerin treffen, die unbedingt zurück will in das verbotene, verstrahlte Trümmerfeld.

24 Wochen (Wettbewerb)

Nachdem Julia Jentsch in „Monsoon Baby“ alles tat, um ein Kind zu bekommen, überlegt sie hier, ihre Schwangerschaft abzubrechen, nachdem sie erfährt, dass das Kind nicht gesund zur Welt kommen könnte. Das Recht auf Selbstbestimmung der Frau gegen das Recht des ungeborenen Kindes auf Leben, das wird ein kontroverses Thema. Anne Zohra Berraches Drama ist der einzige rein deutsche Beitrag im Bären-Rennen.

Soy Nero (Wettbewerb)

Das Flüchtlingsproblem zeichnet sich in vielen Filmen der Berlinale ab. Der Iraner Rafi Pitts erzählt von einem Mexikaner, dem die Flucht in die USA gelingt. Doch die einzige Chance, eine Green Card zu erlangen, ist der Militärdienst. Schon ist er auf dem Weg in den Mittleren Osten – eine Krisenregion, aus der die Leute erst recht fliehen. Was für ein Bild: Ein 19-Jähriger, der mit MG in der Hand für seine Staatsbürgerschaft kämpft.

Abschied von gestern (Retrospektive)

Es war ein Schlüsseljahr des deutschen Films. Die 66. Berlinale widmet dem Filmjahr ‘66 seine Retro: Im Osten wurde eine ganze Jahresproduktion in den Giftschrank gesperrt, im Westen wurde Papas Kino für tot erklärt – und der Autorenfilm formierte sich. Alexander Kluges Erstlingsfilm klingt schon im Titel wie eine Kampfansage und Neuorientierung – und ist auch nach 50 Jahren noch frisch und kraftvoll.

Chamissos Schatten (Forum)

Wer glaubte, der philippinische Achtstünder sei der Längst-Rekord des Festivals, irrt. Den hält die Berliner Regisseurin Ulrike Ottinger mit sage und schreibe 12 Stunden. Sie folgt filmisch dem Dichter Chamisso auf seiner Entdeckungsexpedition vor 200 Jahren quer durch Russland, studiert dabei auch die Logbücher der anderen Nordwestpassagenforscher Bering und Cook – und stellt dem ihre eigenen gewaltigen Bilder entgegen.

Verfluchte Liebe deutscher Film (Forum)

Dominik Graf leidet. Er ist einer der wichtigsten Regisseure des Landes, er lotet wie kein zweiter Genres aus. Und kann das doch fast nur noch im Fernsehen tun, weil ihm das Kino keine Chance lässt. Wo ist er hin, der schmutzige, abgründige, andere Film? Graf spürt ihn in dieser Doku auf. Und erzählt damit nicht nur Filmgeschichte: Mit diesen Filmen lässt sich auch deutsche Geschichte rekapitulieren.

Der müde Tod (Berlinale Classics)

Es ist schon eine schöne Tradition, dass auf dem Festival ein frisch restaurierter Stummfilm feierlich aufgeführt wird. Nach „Metropolis“ und „Caligari“ erlebt diesmal Fritz Langs „Der müde Tod“ von 1921 seine digitale Erweckung. Eine Zeitreise durch fünf Epochen, bei denen Freund Hein fünfmal ein Schnippchen geschlagen werden soll. Cornelius Schwehr komponierte eine neue Musik, die der RSB unter Frank Strobel spielt.

Das Tagebuch der Anne Frank (Generation)

Es gibt schon viele Verfilmungen des berühmten Tagebuchs. Hans Steinbichlers Version muss sich schon gegen den starken TV-Film vom Vorjahr behaupten. Er lässt seine Anne, ein Konventionsbruch, immer wieder in die Kamera blicken und den Zuschauer direkt ansprechen. Erneut eine Hammerrolle für die junge Lea van Acken, die erst vor zwei Jahren im Wettbewerb mit „Kreuzweg“ überraschte.

Meteorstraße (Perspektive Deutsches Kino)

Alle reden von Flüchtlingen, keiner von Integration. Ein 18-jähriger Palästinenser lebt in Berlin-Tegel. Die Eltern wurden ausgewiesen, der Bruder übt einen schlechten Einfluss aus, die versprochene Lehre kriegt er nie, und über ihm donnern die Flieger. Ein junger Mann sucht Anschluss in einer Welt, die ihn nicht will. Regisseurin Aline Fischer stammt aus Frankreich: ein interessanter Blick von außen.

Martha (Hommage)

In der Filmreihe für Michael Ballhaus, der dieses Jahr den Ehrenbären fürs Lebenswerk erhält, könnte man natürlich auch anhand von „Die fabelhaften Baker Boys“ studieren, wie der Meister seine Kamera um die sich auf dem Klavier räkelnde Michelle Pfeiffer kreisen ließ. Aber das erste Mal wandte der Kameramann seine 360-Grad-Fahrt bei diesem frühen Fassbinder-Film an. Der „Ballhaus-Kreisel“ sollte sein Markenzeichen werden.