Eigentlich ist alles gesagt. Die Informationspolitik der Berlinale funktioniert nach dem Gießkannenprinzip: Jeden Tag ein, zwei Pressemitteilungen in die Welt setzen mit immer neuen Informationen. Dennoch hält das Festival auch an dem alten Ritual der Pressekonferenz fest, in der, immer neun Tage vor Start, alle Sektionschefs vom Wettbewerb bis zur Retrospektive noch mal ihr Programm umreißen.

Eine Art Elefantenrunde des Festivals. Wenn man einen solch alerten Chef hat wie Dieter Kosslick, hat das großen Unterhaltungswert. Der Mann ist sich ja nicht zu schade, mit Festivalsonnenbrille, Festivaltasche und anderen Festivalartikeln vor den Fotografen zu posieren. Nur der Neuigkeitswert, der ist halt ein geringer. Weil ja alles schon vermeldet, gedruckt und gepostet wurde.

Clive Owen und Lars Eidinger in der Internationalen Jury

Diesmal aber kann Kosslick doch noch ein paar Trümpfe aus dem Ärmel ziehen. Die Jury nämlich. Die Jury-Präsidentschaft ist ja diesmal früher denn je verkündet worden, und dass Meryl Streep übernimmt, die Filmikone schlechthin, die obendrein noch nie zuvor in einer Jury saß, das ist ein wahrer Scoop. Wer aber sonst noch über die Gold- und Silber-Bären entscheidet, blieb ein Geheimnis bis zuletzt.

Nun ist es heraus. Zur siebenköpfigen Truppe zählen: der britische Schauspieler Clive Owen, seine italienische Kollegin Alba Rohrwacher, die französische Fotografin Brigitte Lacombe, der britische Filmkritiker Nick James, die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska, und, aus Berlin, der Schauspieler Lars Eidinger, der in der Schaubühne als Hamlet oder Richard III. stets alles gibt, aber auch immer häufiger in Filmen mitwirkt.

Letztes Jahr etwa war er mit „Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ auf der Berlinale, und im Wettbewerbsbeitrag „Vergine giurata“, wo er überdies mit Alba Rohrwacher zusammenspielte. Die beiden kennen sich also schon mal. Und es verspricht eine illustre Runde zu werden. Dass er Meryl Streep gewinnen konnte, sei übrigens nicht sein Verdienst gewesen, sagt Kosslick, sondern das der Berliner. Die hätten sie 2012, als sie den Ehrenbär bekam, so frenetisch gefeiert, dass sie unbedingt wiederkommen wollte.

Für den Starauftrieb am Roten Teppich ist also reichlich gesorgt. Erwartet werden die Schauspieler George Clooney, Isabelle Huppert, Jude Law, Tilda Swinton, Colin Firth, Emma Thompson, Channing Tatum, Sandrine Kiberlain, Gérard Depardieu, Kirsten Dunst und Julianne Moore, die Regisseure Spike Lee, Thomas Vinterberg, die Coen-Brüder, Susanne Bier, André Téchiné, Michael Moore und Wayne Wang.

Tim Robbins erhält eine der Berlinale-Kameras. Das deutsche Kino, stark präsent auf dem Festival, wird unter anderen von Doris Dörrie, Daniel Brühl, Julia Jentsch und Hanns Zischler vertreten. Und ein großer Berliner, Michael Ballhaus, der Kameramann von Fassbinder und Scorsese, wird mit dem Ehrenbären gewürdigt.

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Sondervorführung von „Der Mann, der vom Himmel fiel“

Außerdem wird aus traurigem Anlass gleich drei Verstorbenen der jüngsten Zeit gedacht: David Bowie ist noch mal in einer Sondervorführung von „Der Mann, der vom Himmel fiel“ zu sehen, Alan Rickman in „Sinn und Sinnlichkeit“ und von Ettore Scola wird „Le Bal – Der Tanzpalast“ gezeigt, für den er 1984 einen Silbernen Bären gewann.

Insgesamt laufen 434 Filme im offiziellen Programm. 434 Filme in elf Tagen, das macht durchschnittlich 39,5 pro Tag. Ein Pensum, das keiner leisten kann. Obendrein kommen noch mal 772 Titel auf dem Europäischen Filmmarkt hinzu, macht also 1206 Filme oder 109,6 Filme am Tag. Da kann man, auch als versierter Cineast schon mal den Überblick verlieren, und sollte sich alsbald eine Strategie ausdenken. Das Programm des Festivals liegt der heutigen Ausgabe der Morgenpost bei, wo ab wann die Tickets zu kriegen sind, steht im Info-Kasten.

In der Hauptsektion des Wettbewerbs laufen 23 Beiträge, fünf davon außer Konkurrenz, die restlichen 18 buhlen um die Bären. Dabei hat es erstmals in der Kosslick-Ära nur ein deutscher Beitrag ins Rennen geschafft: „24 Wochen“. Auch wenn Kosslick etwas vollmundig die überwiegend mit britischen Geldern finanzierte Hans-Fallada-Verfilmung „Alone in Berlin“ und den in Mexiko spielenden Film „Soy nero“ des Iraners Rafi Pitts als deutsche Filme zählt.

Am meisten werden die Festivalbesucher dabei wohl durch den philippinischen Beitrag „A Lullaby to the Sorrowful Mystery“ gefordert, der ganze acht Stunden dauert. Der längste Film, der je auf einer Berlinale im Wettbewerb lief. Es brauchen wohl keine Wetten abgeschlossen werden, dass man für diesen Film eher Tickets bekommt als für den Eröffnungsfilm „Hail, Caesar!“ mit Clooney, „Genius“ mit Colin Firth und Jude Law oder Don Cheadles Miles-Davis-Bio „Miles Ahead“.

Das Motto des Festivals heißt „Recht auf Glück“

„Wir wollen es auf dem Teppich krachen lassen“, proklamiert Kosslick im Haus der Bundespressekonferenz. Stellt aber fest, dass auch ganz leise Töne angestimmt werden. „Viele Filmemacher“, so der Festivalchef, „suchen nach den Ursachen der Flüchtlingsströme.“ Ganz nah dran an den Schicksalen der Flüchtlinge war Gianfranco Rosi, der für seinen Wettbewerbsbeitrag „Fire at Sea“ mehrere Jahre auf Lampedusa verbrachte. Aber auch in Beiträgen aus den anderen Sektionen spiegelt sich das Flüchtlingsthema auf mannigfaltige Weise wieder.

Deshalb stellt Dieter Kosslick nicht nur den Wettbewerb, sondern gleich das ganze Festival unter ein Motto mit hohem Pathos: „Das Recht auf Glück.“ Da hat er glatt bei der US-amerikanischen Verfassung abgeschrieben.

Die Berlinale, von jeher das politischste Festival unter den großen Drei mit Cannes und Venedig, zeigt aber nicht nur Filme zum derzeit alles dominierenden Thema, es arbeitet auch mit mehreren Flüchtlingsinitiativen zusammen und ruft, erstmals in seiner Geschichte, zu Spenden auf. Die Berlinale zeigt nicht nur das Leid, es versucht auch aktiv zu helfen.