Den Bambi fürs Lebenswerk, den er am 12. November bekommen sollte, konnte er schon nicht mehr persönlich entgegennehmen. Das tat an seiner Stelle, in einem bewegenden Moment, die Schauspielerin Ruth-Maria Kubitschek, mit der er seit 1976 liiert war. Wolfgang Rademann saß daheim im Rollstuhl und sah sich das im Fernsehen an. Spätfolgen eines Sturzes.
„Es geht mir jeden Tag besser“, hat er danach beschwichtigt. „Ich kann zwar immer noch nicht laufen. Aber in ein paar Wochen bin ich wieder fit und es spricht kein Mensch mehr davon.“ Diese Selbstdiagnose sollte sich leider nicht bewahrheiten. Am Montag ist Rademann in seiner Heimatstadt Berlin im Alter von 81 Jahren gestorben.
„Der Zuschauer hat ein Recht auf Träume“, war seine Devise
Er war der König der Unterhaltung. Und einer der mächtigsten Menschen im deutschen Fernsehen. An ihm kam keiner vorbei. Mit ihm stellte man sich besser gut. Denn er hatte einen untrüglichen Riecher, eine Nase für das, was beim Publikum ankam. Und er war stolz auf dieses Gespür. Während Mainstream sonst immer ein gewisser Ruch anhaftet hierzulande, hat der Fernsehproduzent nie einen Hehl daraus gemacht, dass er keine „Message“ rüberbringen, keine Sozialkritik leisten und schon gar nicht belehren wolle.

Rademann wollte „nur“ unterhalten. „Der Zuschauer hat für sein Geld ein Recht auf Träume“, war sein Diktum. Die Realität bekomme er ja täglich kostenlos. Und er propagierte diese Einstellung mit Nachdruck: „Ich bin nicht scharf auf einen Grimme-Preis. Mein alter Spruch – Wenn ich eine gute Kritik in der ,Süddeutschen‘ kriege, habe ich was falsch gemacht – gilt immer noch.“ Das war einer dieser markigen Sprüche, die er mit seiner kernigen Berliner Schnauze von sich gab.
Zwei Erfolgsmarken gaben ihm Recht. Da war zum einen „Die Schwarzwaldklinik“. Mitten in die politische Wende mit Helmut Kohl als neuem Kanzler, mit dem viele auch einen neuen Werte-Konservatismus in der deutschen Gesellschaft aufkommen sahen, kam Rademann 1985 mit dieser Götter-in-Weiß-Serie. Herz & Schmerz & weiße Kittel, das gab es damals nur in Groschenromanen.
Oder im „General Hospital“ in den USA. Rademann aber backte daraus eine höchst eigene, höchst deutsche Variante. Und kombinierte sie mit der Heimatfilm-Seligkeit der fünfziger Jahre. Willkommen im Glottertal! Das denn auch tatsächlich zur Tourismusattraktion und zum Hintergrund zahlloser Hochzeitsfotos wurde.

Und da war zum anderen „Das Traumschiff“, das Rademann schon vier Jahre vor der „Schwarzwaldklinik“ vom Stapel ließ und das, im Gegensatz zu jener, wenngleich mit erneuerter Crew, auch nach 35 Jahren noch immer läuft. Die erfolgreichste deutsche Fernsehreihe, gleich nach dem „Tatort“. Ein Verschnitt aus dem amerikanischen „Love Boat“ und der DDR-Serie „Zur See“.
Die einfache Mixtur: heimische Stars, exotische Kulissen und das ewige Süppchen aus Amouren und Intrigen. Warum das Erfolgsformat so gut funktionierte, orakelte er kokett, „det weeß keener“. Er erklärte es natürlich trotzdem: Weil das „Traumschiff“ nur zwei Mal im Jahr ausgestrahlt werde, also einen gewissen Eventcharakter habe. Weil man jedes Mal neues Land zu sehen bekomme, Traumurlaub im Wohnzimmer quasi. Und weil der Zuschauer eben wisse, was ihn erwarte: „Schiff fährt ab, Land, Schiff kommt an, Kapitänsdinner, Happy End, Schluss.“ So lapidar brachte er das selbst auf den Punkt.

Mit diesen Marken wurde Rademann, der sich selbst als „Unterhaltungsfuzzi“ bezeichnete, ein Quotengarant. In Zeiten, als die privaten Sender noch keine Zahlen verdarben, kam er damit schon mal auf 25, mit der „Schwarzwaldklinik“ sogar auf 30 Millionen Zuschauer. Das schafft sonst nur König Fußball.
Dass Rademann so an der Unterhaltung festhielt, hat wohl mit seiner eigenen Biografie zu tun. 1934 in Neuenhagen bei Berlin geboren, bekam er die harte Kriegs- und Nachkriegszeit am eigenen Leibe zu spüren. Sein Vater starb an Unterernährung, da war er gerade mal 12. Es war der erste Tote, den er gesehen habe, erzählte er oft. Das hat ihn geprägt.
Flucht in den Westen
Ebenso wie die Flucht nach West-Berlin. Ab 1953 hatte er als Lokalreporter im Osten der Stadt gearbeitet, bis der Filmkomponist Martin Böttcher (der Mann, der später die „Winnetou“-Melodie komponieren sollte) ihn 1958 zur Flucht überredete.
Im Westen hat er seine journalistische Tätigkeit erst mal fortgesetzt, für den „Stern“ und die „B.Z.“. Bis er die Seiten wechselte und zum Pressechef von Caterina Valente, Pierre Brice und Peter Alexander wurde. „Das Leben ist die größte Show“ wurde 1964 sein erstes großes Showformat im ZDF, seinen Durchbruch erlebte er mit der „Peter Alexander Show“, die 26 Fortsetzungen erlebte.
Nur im Großen denken
Von da an dachte Rademann nur noch im Großen: mit Musikshows wie „Anneliese Rothenberger gibt sich die Ehre“. Mit sogenannten Fernseh-Specials wie „Lilli Palmer: Eine Frau bleibt eine Frau“. Und mit der Comedy-Serie „Ein verrücktes Paar“ mit Harald Juhnke und Grit Böttcher. Und immer wurden seine Stars zu Lieblingen der Nation. Wie Klausjürgen Wussow, der seinen Durchbruch erst im reifen Alter erlebte, als er sich das Stethoskop umhängte.

Rademann machte sich nicht gemein. Aber er fühlte sich eins mit dem Publikum, begriff sich als einer der ihren. Das war wohl schon sein ganzes Erfolgsgeheimnis. Das andere war: Treue. Rademann war ein treuer Mensch. Gegenüber seinen Zuschauern, die er nie vor den Kopf stieß. Gegenüber Ruth Maria Kubitschek, seiner „Kubi“, mit der er fast 40 Jahre zusammen war, trotz oder gerade wegen der großen Entfernung – er in Berlin, sie in der Schweiz.
Und gegenüber dem ZDF, seinem Leib- und Magensender. Auch wenn alle Privaten versuchten, ihn abzuwerben, blieb er dem Öffentlich-Rechtlichen verbunden. Auch weil er wusste, hier und nur hier konnte er schalten und walten, ohne dass ihm reingeredet wurde.
Bis fast zuletzt hat Wolfgang Rademann gearbeitet. Wozu auch in Rente gehen, wenn man unter Palmen und auf hoher See arbeiten kann? Zur Ehrung seines großen alten Mannes macht das ZDF nun etwas, was schon völlig aus der Mode gekommen ist: Es ändert sein Programm. Und zeigt am Mittwoch zur besten Sendezeit noch einmal eine Folge „Traumschiff“.




