Vergangene Woche war an der Schaubühne die Premiere von der neuen Ostermeier-Inszenierung „Richard III.“, auf der Berlinale ist er im albanisch-italienischen Wettbewerbsbeitrag „Vergine Giurata“ zu sehen und im Panorama-Film „Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“. Vergangene Nacht hat er noch aufgelegt in der Autistic Disco, am Nachmittag sitzt Lars Eidinger in einem Café im Sony Center und sagt: „Ich habe keinen einzigen Tag frei bis zum 26. Juni. Ich kann das genießen, aber es ist gerade schon extrem. Extrem auch, zu was man in der Lage ist.“
Wozu er in der Lage ist, lässt sich in diesen Tagen umfassend bestaunen. In „Richard III.“ liefert Lars Eidinger eine so intensive, beeindruckende Schauspielleistung, dass sich manche Kritiker fragen, warum es nicht gleich als Solostück inszeniert worden ist. Er humpelt, hat einen Buckel, trägt eine Zahnklammer und am Kopf eine Art Fallschutz. Er geht körperlich an die Grenzen, spielt den Richard durchtrieben, ungläubig, rasend und komisch. Man mag diesen Kerl, der jeden aus dem Weg schaffen lässt, um den Thron zu besteigen.
Am Ende hängt Eidinger, fast vollständig entblößt, ruiniert, an sich selbst zugrunde gegangen und an einem Bein festgezurrt über der Bühne. Es ist eine fulminante, unvergessliche Schlussszene. Lars Eidinger hatte immer die Sehnsucht, diese Rolle zu spielen. Die Inkarnation des Bösen, eines Charakters, der sich zurückgesetzt fühlt und der sagt: Ich hole mir, was mir gebührt. „Ich war wahnsinnig aufgeregt bei der Premiere“, sagt er, „und ich hatte das Gefühl, die Leute waren es auch.“
Eidinger geht als Schauspieler körperlich an die Grenzen
Es ist diese Verbindung zum Publikum, die er sucht, die er braucht. „Richard III.“ ist eine Inszenierung, die dem Zuschauer auch physisch nahe kommt. Im Saal C der Schaubühne haben sie das berühmte Globe Theatre nachgebaut, dort stehen die Schauspieler im Zentrum, die Zuschauer sitzen drum herum. Diese Architektur verstärkt die Unmittelbarkeit, die Theater, im Vergleich zum Film, überhaupt auszeichnet. Für Eidinger sind Film und Theater zwei völlig unterschiedliche Berufe, die beide ihre Faszination haben.
Während er auf der Bühne zu explodieren scheint, ist sein Spiel vor der Kamera oft minimalistisch. „Wenn ich jetzt auf dieses expressive Spiel beim Theater verzichten müsste, würde es mir beim Film wahrscheinlich fehlen. Da ich das aber habe, habe ich kein Problem damit, mich zu reduzieren.“ Er spricht leise an diesem Nachmittag, nachdenklich. Dass „Vergine Giurata“ im Wettbewerb läuft, hatte er nicht erwartet. „Aber er passt ins Programm, ist im positiven Sinne arthousig, er funktioniert über die Bilder.“
Wenn Eidinger Charles Manson zitiert
Lars Eidinger zitiert einen Satz von Charles Manson, der für ihn eine Allgemeingültigkeit hat, auch was die Schauspielerei angeht: „Schau auf mich herab und du siehst einen Narren, schau zu mir auf und du siehst einen Gott, schau mich an und du siehst dich selbst.“ Ungebrochene Figuren reizen ihn nicht, sagt er. Wobei gebrochen eine fast verharmlosende Beschreibung ist für den Mann, den er in „Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ spielt. Stina Werenfels, die zuletzt 2006 auf der Berlinale eingeladen war, hat das Theaterstück von Lukas Bärfuss verfilmt.
Nach dem Absetzen der beruhigenden Medikamente stürzt sich die 18-jährige, geistig behinderte Dora ungebremst ins Leben. Sie entdeckt den attraktiven, undurchsichtigen Peter und mit ihm ihre Sexualität. Während ihre Mutter sich vergeblich ein zweites Kind wünscht, wird Dora schwanger. Es ist ein gnadenloser Film, der einem endlich einmal nichts erspart, der moralische Fragen nach Behinderung, Sex und Fortpflanzung stellt. „Dora“ gehört zu der Sorte Film, die man, im besten Sinne, nicht mehr los wird. Mit unerträglicher Härte spielt Lars Eidinger den Peter.
Eidinger und die Herausforderungen einer Rolle
„Ich finde es immer eine Herausforderung, jemanden, der einen auf den ersten Blick abstößt und Antipathie provoziert, so zu spielen, dass die Leute sich erstens nicht distanzieren und sich zweitens sogar wiedererkennen.“ Eidinger geht stets mit dem Anspruch an eine Rolle, diese Figur in sich selbst zu finden. Das ist nicht immer ein leichter Weg und auf die Frage, wie er einen Charakter wie Peter in sich findet, antwortet er: „Die eigenen Eltern gestehen diesem Mädchen keine Sexualität ein, weil sie geistig zurückgeblieben ist. Dann kommt jemand, der sie vergewaltigt, aber der sie körperlich und in ihrer Sexualität ernst nimmt. Das merkt das Mädchen und deswegen ist sie ihm verfallen und läuft ihm hinterher, nicht weil sie eine Masochistin ist, sondern weil sie sich von ihm ernst genommen fühlt.“
Getragen wird der herausfordernde Film von Victoria Schulz, die hier in ihrer ersten Rolle zu sehen ist und deren Leistung umwerfend ist. Es gibt zwischen beiden Schauspielern Momente, die kaum zu ertragen sind. Lars Eidinger erzählt, wie wichtig es dabei ist, „dass einem der Partner das Vertrauen gibt, so eine Szene wie eine Vergewaltigung zu spielen. Sie hat mir das Gefühl gegeben, ich kann mit ihr machen, was ich will, weil sie mir vertraut.“
Nur in einem Bild keimt so etwas wie Vertrauen zu ihm auch beim Zuschauer auf. Eine Szene, die sich durch die Vorstellung von Perversion einbrennt. In einem Hotelzimmer wartet nicht nur Peter auf die hochschwangere Dora, sondern auch ein Kollege von ihm. Dass Peter im letzten Moment eine Vergewaltigung verhindert, kann schon als positive Entwicklung gesehen werden. „Das war auch beim Spielen schrecklich“, erzählt Eidinger. „Diesen Horror habe ich auch körperlich gespürt. Es ist dann doch Teil meiner Realität, nicht nur reine Fiktion. Ich erlebe das dann.“ Mit ihm erlebt es der Zuschauer, bei allen seinen Rollen. Es ist die Unmittelbarkeit, das Ungeschützte, was sein Spiel zu einem Ereignis macht.





