Wenn Richard III. in unserer Zeit gelebt hätte, wäre das Stück wohl ein Fall für die Justiz gewesen: Eine einstweilige Verfügung hätte der Adlige erwirkt, wegen der verzerrten Darstellung. Denn Richard III. kommt ausgesprochen schlecht weg in Shakespeares Drama, das seinen Namen trägt und Ende des 16. Jahrhunderts, etwa 100 Jahre nach dem Tod des Protagonisten, entstanden war.
Natürlich zeichnet die Kunst die Realität nicht nach, sondern abstrahiert sie. Aber dass ein Prominenter, ein Mitglied des Königshauses, als verkrüppeltes Wesen als Intrigant, Inbegriff des Bösen und skrupelloser Mörder dargestellt wird, ist schon ein starkes Stück. Dieses Bild des Königs hat bis heute gehalten, auch wenn die Wissenschaft längst zum Schluss gekommen ist, dass Richard III. gar nicht so ein hässlicher Schurke war, auf den Shakespeare ihn reduziert hatte.
Gefeierte Premiere
Thomas Ostermeier, der künstlerische Leiter der Schaubühne, hat die Tragödie an seinem Haus inszeniert, am Sonnabend war die Premiere. Das Publikum applaudierte lange. In der Vergangenheit war es ja oft so, dass Ostermeiers Regiearbeiten in Berlin eher zurückhaltend aufgenommen wurden. Er zog es deshalb vor, die Premieren ins Ausland zu verlegen, wo sie in aller Regel gefeiert wurden.
Ostermeier, der anders als Volksbühnen-Kollege Frank Castorf immer das Werk in den Mittelpunkt stellt und nicht seine Assoziationen dazu, belässt die Tragödie in ihrer Zeit, baut aber Brücken in die Gegenwart. Er unterstreicht den Charakter des Volksstücks, der Wortwitz – Schaubühnen-Hausautor Marius von Mayenburg hat das Stück neu übersetzt –, spielt bei Shakespeare immer eine wichtige Rolle. Denn zu des Autors Zeiten war die Zielgruppe sehr indifferent: Ins Theater gingen einfache Leute, aber auch Menschen, die man heute dem Mittelstand zurechnen würde. Sie einte die Absicht, gut unterhalten zu werden.
Globe Theatre nachgebaut
In den halbrunden Saal C hat Bühnenbildner Jan Pappelbaum ein Globe Theatre gebaut, also die Bühne, die von Shakespeares Schauspieltruppe in London bespielt wurde. Etwas zeitgemäßer, also ohne Stehplätze und der Möglichkeit, Speisen und Getränke zu konsumieren, was seinerzeit zur ausgelassenen Stimmung beitrug. Die Spielfläche in der Schaubühne ragt weit in den Zuschauerraum hinein, sie ist sandbedeckt wie in einer Arena.
Die Hofgesellschaft ist in ausgelassener Feierlaune. Die Schlacht ist geschlagen, die Macht gesichert. Es gibt Sekt und Häppchen, man prostet sich zu, Konfettikanonen werden abgeschossen. Königin Elisabeth (Eva Meckbach) trägt ein elegantes schwarz-weißes Abendkleid, die Herren bevorzugen Anzug mit Fliege, aber die Hemdkragen sind schon gelockert – für einige wird dies der letzte Auftritt auf dem gesellschaftlichen Parkett sein.
Schmutzige Schuhe zum Anzug
Dann taucht Richard auf. Steht plötzlich einfach da. Gebückte Haltung, krumme Beine, Buckel. Auf dem Kopf eine Art lederner Schutzhelm. Ein Krüppel. Ein Außenseiter. Mit schmutzigen Schuhen, die aussehen wie die, die Chaplin in seiner Rolle als Tramp trug. Später, auf dem Weg zum blutigen Aufstieg, wird Richard elegante Anzüge tragen, aber die Schuhe, die bleiben: die Vergangenheit lässt sich nicht einfach ablegen. Richard ist zu diesem Zeitpunkt noch der Herzog von York, in der Thronfolge liegt er auf einem abgeschlagenen Platz, da müssen noch einige Menschen sterben, bevor er König werden kann.
Lars Eidinger spielt den missgebildeten Schurken. Er schleicht herum wie eine Hyäne. Rappt Verse des englischen Originaltextes ins Mikrofon, Schlagzeuger Thomas Witte sorgt für die harten Beats. Das Mikro hängt an einem Seil, Richard wird damit Zwiesprache halten, seine Verbindung zum Gewissen, zum Himmel. Und wenn die letzte Schlacht geschlagen ist, dann hängt er selbst wie ein Schwein dran – Ostermeier zitiert mit diesem Bild seine eigene „Maß für Maß“-Inszenierung.
Auch diesmal geht es um Macht. Und ohne vordergründige Aktualisierungen sind die Bezüge zur Politik, zur Gegenwart da. Schröders Kampf mit Lafontaine um die Kanzlerkandidatur, Merkels Aufstieg in der CDU – solche Karrieren funktionieren nicht ohne Menschen, die im Hintergrund arbeiten. Moritz Gottwald ist in der Rolle des Buckingham so ein Strippenzieher und Spindoktor. Hastings (Sebastian Schwarz), das Opfer, das aufs falsche Pferd gesetzt hat. Robert Beyer als Catesby ein Privatsekretär, der alle Schandtaten stillschweigend mitmacht.
Ein Archetyp des Bösen
Unter dem Zepter von Richard wird der Hof vollends zum Intrigantenstadl. Clarence (Christoph Gawenda) und Rivers (Laurenz Laufenberg) werden durch gezielte Desinformation aus dem Weg geräumt, Gerüchte und Kummer sorgen für ein Ableben von König Edward (Thomas Bading). Kaltblütig erteilt Richard Mordaufträge, die Leichen der Neffen (durch Puppen dargestellt) lässt er sich zum Abendessen vorlegen.
Richard ist ein Archetyp des Bösen. Aber einer, der auf Legitimität bedacht ist. Wenn er Lady Anne (Jenny König) am Sarg ihres Gatten den Mord einräumt, erklärt er ihr gleichzeitig, dass es das Beste für sie ist, wenn er sie heiraten würde. Die ungelenke Liebeserklärung gipfelt darin, dass er sich das Schwert an die Brust setzt und Anne anbietet, zuzustechen. Eidinger entledigt sich in dieser Szene nicht nur der Oberbekleidung, sondern zieht sich gleich ganz aus. Er bleibt sich treu.
Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf. Kartentelefon: 89 00 23, Termine: 9., 10. und 28. Februar




