Berlinale

Jannis Niewöhner, der Lichtblick aus Lichtenberg

Jannis Niewöhner ist dieses Jahr der deutsche Shootingstar. Seit er zehn ist, steht er vor der Kamera. Jetzt will er endlich Filme machen, in denen er nicht mehr das T-Shirt ausziehen muss.

Foto: Jens Koch

Er war gerade mitten bei Dreharbeiten, als Jannis Niewöhner Anfang Dezember den Anruf bekam, er werde auf der Berlinale der deutsche Shootingstar sein. Einer von zehn ausgewählten europäischen Nachwuchsschauspielern, die bei der Galavorstellung am Montagabend der Welt vorgestellt werden. In der Tradition von Daniel Brühl, Daniel Craig, Rachel Weisz, Nina Hoss, August Diehl und Carey Mulligan, die hier auch alle mal vorgestellt worden sind. Natürlich war Jannis Niewöhner aufgeregt, als er auflegte. Und es war erst mal schwierig, den Rest des Drehtags durchzuhalten. Er hätte platzen können vor Stolz, durfte das aber noch niemandem verraten. Und natürlich war es erst mal schwierig, den Rest des Drehtags durchzuhalten. Und sich vor der Kamera wieder auf die Rolle zu konzentrieren. Aber so eine Unruhe, sagt der 22-Jährige, „kann man ja auch wieder umwandeln – in Energie für den Film.“

Jetzt sitzt uns der Schauspieler in einem Café in Mitte gegenüber. Jeans, ein T-Shirt, ganz leger und für die Jahreszeit vielleicht ein bisschen zu wenig. Als er die Mütze abzieht, ist sein Haar raspelkurz. Das ist, aber davon wird noch zu sprechen sein, wegen seiner neuen Rolle. Das sei aber ganz gut so. So erkenne man ihn wenigstens nicht so schnell.

Kinder- und Teenie-Star

Jannis Niewöhner, das ist eigentlich kein Shootingstar mehr. Er steht ja vor der Kamera, seit er zehn Jahre alt ist. Sein Vater ist Schauspieler an einer Kinder- und Jugendtheater in Düsseldorf, er hat quasi das Schauspielgen im Blut. Als der Papa ein Fax bekam, weil für einen Kinderfilm Darsteller gesucht wurden, hat er seinen Sohn vorgeschlagen. Der hatte auch total Lust, wurde aber erst mal nicht genommen. Er war aber in einer Kinderagentur – und kam schließlich in eine „Tatort“-Rolle. „Da brauchte man einen kleinen Jungen, der da sitzt und drei Sätze sagt“, wiegelt Niewöhner ab. Nichts Besonderes. Aber dann kamen Studentenfilme und bald auch Kinofilme: „TKKG“ und „Die wilden Hühner“. Und Niewöhner war ein Kinderstar.

Nein, Jannis Niewöhner ist kein Shootingstar mehr. Er ist dann auch zum Teenie-Star geworden. Und zum Schwarm zahlloser Zahnspangengirlies. Als Gideon de Villiers in den Verfilmungen der „Liebe geht durch die Zeiten“-Bücher von Kerstin Gier. Vor dem ersten Teil „Rubinrot“ wurden er und sein Co-Star Maria Ehrich bei einer „Twilight“-Premiere in Berlin quasi als das deutsche „Twilight“-Pärchen vorgestellt. Aber diesen Vergleich findet er blöd. „Man kann alles immer nur machen als der, der man ist“, sagt er. Und es klingt fast ein bisschen altklug. „Und ich bin auch keiner“, fügt er selbstbewusst an, „der sein will wie jemand anders.“

Kampf gegen Schönchen-Image

Seither wurde er gern von der „Bravo“ interviewt, wie das denn so sei, Maria Ehrich zu küssen. Und es gab bislang noch keinen Film, in dem er nicht irgendwann das T-Shirt ausziehen musste. Er muss da schon immer gegen so ein Schönchen-Image ankämpfen. „Mir wurde oft gesagt, du bist zu sauber, zu rein. Das hat mich mit der Zeit echt wütend gemacht.“ Er freut sich auch auf die Tage, wo er mal andere Fragen beantworten muss. Aber das scheint jetzt genau der Zeitpunkt zu sein. Im August sind gleich drei Filme von ihm gestartet, neben „Saphirblau“, dem zweiten Einsatz als Zeitreisender, auch „Besser als nix“ und „Doktorspiele“.

Im Dezember war er auch als junger Liebhaber von Heike Makkatsch (auch mal ein Shootingstar) in „Alles ist Liebe“ zu sehen. Er hat seinen ersten Film im Ausland gedreht, mit Mika Kaurismäki. Und stand aktuell für „Vier Könige“ vor der Kamera. Ein Drama um vier Jugendliche, die die Weihnachtszeit in der Psychiatrie verbringen. Das ist mal ganz klar kein Unterhaltungsfilm, da geht es auch schauspielerisch zur Sache. Und dafür hat er auch sein Haar, das er für die Zeitreisefilme immer als Zopf tragen muss, raspelkurz abgeschnitten.

Lieber Lichtenberg als Mitte

Als er vor vier Jahren nach Berlin kam, zog er erst mal in eine WG im Wedding. Inzwischen ist er nach Lichtenberg gezogen. Auch nicht die erste Wahl für Promis. Die findet man ja eher in Mitte oder Friedrichshain, den angesagten In-Bezirken. „Damit will ich kein Zeichen setzen“, meint Niewöhner, „aber ich glaube, das bin ich einfach nicht.“ Er ist gern in Mitte und geht auch oft in In-Kneipen aus, aber in Lichtenberg fühlt er sich doch wohler. „Da hab ich meinen Bäcker, da seh ich morgens die gleichen Leute auf der Straße. Und: Da es ist auch nicht so durchgestylt, das kommt mir echter vor.“

Die Auszeichnung als Shootingstar „könnte schon ein Sprungbrett werden“, sagt er. Aber so weit will er gar nicht voraus planen. „Erst mal will ich genießen, was da jetzt auf mich zukommt. Dann werde ich gucken, was passiert.“