Jetzt ist es wieder so weit. Die Berlinale beginnt. Elf Tage Kino. Elf Tage Ausnahmezustand. Die Berlinale ist für mich ein Volksfest des Kinos. Es ist eins der wichtigsten Festivals der Welt. Es liegt direkt vor der Haustür. Es ist außerdem das größte Publikumsfestival. Und dann ist ja die ganze Filmbranche zu der Zeit in der Stadt. Da finden große Branchentreffs statt, die Filmakademie hat ihre Versammlung, all die Schauspielagenturen machen ihre seltsamen Empfänge. Es gibt ja Kollegen, die kommen zur Berlinale und gucken nicht einen Film. Die sitzen nur bei solchen Treffs. Darauf hätte ich überhaupt keinen Bock. Ich gehe auf Festivals, um gute Filme zu sehen.
Die Berlinale war für mich immer ein Sehnsuchtsort. Ich habe ja in Babelsberg Film studiert. Direkt an der Mauer lag die Filmhochschule. Und immer im Februar überkam uns der große Katzenjammer: Du sitzt da als Filmstudent, und 25 Kilometer Luftlinie entfernt findet eins der wichtigsten Filmfestivals der Welt statt. Irgendwer hatte immer einen Programmkatalog rübergeschmuggelt, der dann in der Kantine zirkulierte. Da hast du gesehen, was man da hätte gucken können. Das war so deprimierend.
So schnell es geht aufs Festival
Ich war dann natürlich 1990 sofort dabei. Ich hatte nicht viel Geld, das war ein Problem. Das Begrüßungsgeld war längst aufgebraucht, ich hatte das in Kinokarten umgesetzt. Der erste Film, den ich damit gesehen habe, war übrigens von Peter Greenaway, mit dem ich jetzt im Wettbewerb konkurriere: „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ – ein Reinfall für zwölf Westmark! Über ein Zehntel des Begrüßungsgelds, ich hab mich so geärgert! Während der Berlinale war ich dann nicht sehr flüssig.
Schon im Jahr darauf war ich selber mit einem Film vertreten, dem 45-Minüter „So schnell es geht nach Istanbul“ im Forum. Ich kam damit so schnell es geht beim Festival an. Da hat sich dann auch gleich ein Produzent vorgestellt, der mir half, meinen ersten Langfilm zu machen. Das war Wolfgang Pfeiffer, mit dem ich „Stilles Land“ gedreht habe. Man kann also durchaus sagen, dass die Berlinale mir ins Berufsleben geholfen hat.
Das Festival aus allen Winkeln
Ich war seither schon in so ziemlich jeder Sektion vertreten. Im Wettbewerb mit „Nachtgestalten“ und „Halbe Treppe“, im Panorama mit „Herr Wichmann von der CDU“, „Willenbrock“ und „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“. „Als wir träumten“ ist schon mein siebter Film auf dem Festival. Ich saß auch in der Kurzfilm-, mehrfach in der Friedensfilmpreis- und vor zwei Jahren in der Internationalen Jury. Die Berlinale kenne ich also wirklich aus allen Winkeln. Daher erlebe ich die Berlinale irgendwie immer anders.
Ich freue mich auch mal, wenn ich keine Verpflichtungen beim Festival habe. Am entspannendsten ist es sicher, wenn man nur Filme schaut, wenn man die Zuschauerperspektive hat. Das zeichnet die Berlinale ja auch aus, das es das größte Publikumsfestival ist. Und ich bin ein fanatischer Filmegucker. Das ist dann wie im Tunnel. Ich bin ja kein Partygänger, das ist nicht so mein Ding. Es war aber auch eine ganz tolle Erfahrung, in der Jury zu sitzen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so intensiv und auf so hohem Niveau über Filme diskutiert zu haben. Wir hatten da auch eine traumhafte Akkreditierung: Du brauchtest keine Tickets, konntest in jedes Kino. Nur leider war dafür überhaupt keine Zeit. Ich habe nie so wenig außerhalb des Wettbewerbs gesehen wie damals. Diese Akkreditierung hätte ich gerne mal für eine ganz normale Berlinale: Einfach überall reingehen, das muss geil sein.
Ein Roulettespiel, reine Glücksache
Es ist natürlich noch mal ein ganz anderer Tunnel, wenn du im Wettbewerb vertreten bist. Das ist beängstigend, überwältigend, das erschlägt einen. Nachdem ich jetzt weiß, wie es in einer Jury zugeht, bin ich in dieser Hinsicht vielleicht etwas entspannter. Denn nun ist mir klar, das ist ein Roulettespiel, ist reine Glückssache. Du weißt ja nicht, welche Filme sonst laufen, weißt nicht, wie die Jury tickt. Und es kann ja schon reichen, wenn man für seinen Film in der Jury den falschen Fürsprecher hat, der sich taktisch blöd verhält. Es hängt von so vielen Dingen ab und häufig am seidenen Faden, dass es müßig ist, darüber nachzudenken.
Die Auszeichnung ist, im Wettbewerb vertreten zu sein. Da noch einen Preis zu kriegen, ist der Bonus obendrauf. Aber wenn nicht, ist es nicht schlimm. Das Ereignis an sich ist toll. Auch wenn es ein Wechselbad der Gefühle ist, in der eigenen Premiere zu sitzen. Ich habe Jahre an „Als wir träumten“ gearbeitet, aber ich habe ihn noch nie auf großer Leinwand mit Publikum gesehen. Ich bin deshalb total gespannt, was in diesem riesigen Berlinale-Palast passiert. Ich werde jeden, der rausgeht, ängstlich mit Blicken begleiten, auch wenn der vielleicht nur aufs Klo muss.
„Wir müssen wieder auf den Teppich“
Das Einzige, was ich auf einem Festival so gar nicht brauche, ist das Brimborium drumherum. Für das Publikum ist das sicher toll, der rote Teppich, der Glamour. Aber mich nervt das. Als ich in der Jury saß, wollten wir dem immer entgehen, aber es gibt ein paar Galavorführungen, da kommt man nicht dran vorbei. Wong Kar-wai, unser Präsident, hat dann immer gesagt: „We have to do the red carpet thing again.“ Dann muss man sich wieder in den Anzug zwängen und kann nicht einfach so ins Kino gehen.
Bei „Nachtgestalten“ wollte ich mich dem noch verweigern. Wir sollten mit den berühmten Limousinen rüberfahren vom „Interconti“-Hotel zum Zoo Palast, wo das damals noch gezeigt wurde. Ich dachte: Wir machen einen Film über Obdachlose und Junkies, über Außenseiter, da ist es doch total absurd, mit so einer Luxuslimousine vorzufahren. Für eine Strecke von 400 Metern, wo ich zu Fuß viel schneller bin. Ich wollte wirklich hinlaufen und habe damit einen richtigen Aufstand ausgelöst, man hat gedroht, dann würde der Film nicht gezeigt werden, das gehöre zum Ritual dazu. Peter Rommel, mein Produzent, hat mich dann mit einem Satz weich gekriegt: „Andi, jetzt hab doch mal ein bisschen Humor.“ Er war schon so verzweifelt, also hab ich mich mit ihm da reingesetzt. Und natürlich sind wir für die kurze Strecke ewig im Berufsverkehr stecken geblieben.
Die Berlinale hat uns den Arsch gerettet
Aber das war ohnehin so eine Endzeitstimmung. Wir waren mit diesem Film eigentlich schon pleite, keiner wollte „Nachtgestalten“ haben. Noch im Auto bekamen wir einen Anruf, dass wir gefälligst unsere Filmplakate, die alle schwarz gepflastert worden waren, abhängen müssten. Man drohte uns mit einer Konventionalstrafe von 30.000 DM, in der Limo, auf dem Weg zur Premiere! Es gibt eine lustige ZDF-Reportage, wie Peter Rommel und ich früh am Morgen nach der Premiere die Plakate persönlich herunterreißen. Wir sind damals ziemlich beklommen über den roten Teppich gelaufen. Wer denkt, man sei in dem Moment ein glücklicher Mensch, dem muss ich sagen: Der Schein kann trügen. Trotz allem: Wenn die Berlinale damals nicht gewesen, wenn unser Film nicht so gut aufgenommen worden wäre und Michael Gwisdek keinen Bären bekommen hätte, würden Peter und ich heute wohl keine Filme mehr machen. Da hat uns die Berlinale also richtig den Arsch gerettet.
Umso großartiger natürlich dann der Moment, wenn man einen Bären bekommt. Den hat mir damals, für „Halbe Treppe“, das weiß ich noch genau, Oskar Roehler überreicht. Mit den Worten: „Wer wagt, gewinnt, Andreas!“ Da ist man auf einem komplett anderen Planeten, noch dazu, wenn man so ein Abenteuer,so ein Experiment wie „Halbe Treppe“ gemacht hat, wo wir überhaupt nicht geglaubt hatten, dass das ein Film wird, geschweige denn, dass der was reißen könnte. Das war ja der Spezialpreis der Jury, und erst jetzt, nachdem ich selbst in der Jury saß, weiß ich, dass das der meistumkämpfte Preis nach dem Goldenen Bären ist.
Generalattacke auf den Körper
Die Wichtigkeit war mir damals noch nicht so klar.Übrigens, wenn ich einmal so ein Früher-war-es-besser einbringen darf: Damals wusste man vorab, was man bekam. Da gab es mittags schon eine Pressekonferenz, wo die Preisträger verkündet wurden. Das war vielleicht weniger spannend, aber für die Beteiligten angenehmer. Heute wirst du eingeladen und hast keine Ahnung, ob du was kriegst. Das ist natürlich Horror, du kannst ja schrecklich enttäuscht werden. Und dabei immer die Kamera voll drauf. Das ist eine Situation, die ist keinem angenehm. Es sei denn, man gewinnt.
Natürlich ist die Berlinale auch ein physischer Ausnahmezustand. Man ist ja ohnehin geschwächt vom Winter, aber der Höhepunkt der Gesundheitsattacke ist das Festival. Ich bin ganz oft krank, hab schon mehrfach mit Fieber im Bett gelegen. Denn man kommt ständig aus den vollen Kinosälen, diesen Bazillenschleudern, in die zugige Kälte am Potsdamer Platz, da pfeift einem der Wind um die Ohren und es regnet. Man ernährt sich auch noch unregelmäßig und schlecht. Eine regelrechte Generalattacke auf den Körper. Ich habe dafür leider noch keine Überlebensstrategie gefunden. Im Wettbewerb zu sein, ist vielleicht der optimale Berlinale-Gesundheits-Schutz, weil der Adrenalinpegel so hoch ist. Danach ist es dann allerdings umso schlimmer: Wenn der Körper sich rächt und so richtig zuschlägt. Aufgezeichnet von Peter Zander




