„Berlinale goes Kiez“

Nur Weißenseer wissen jetzt, wo Jack wohnt

Bei der Vorführung von „Jack“ im Programmkino Toni besteht das Publikum vor allem aus Eltern und Großeltern aus Weißensee, die ganz ohne Aufpreis einmal auf dem roten Teppich laufen.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Es ist ein Heimspiel, wenn ein Berliner Film mit Berliner Schauspielern in einem Berliner Kino läuft – noch dazu während der Berlinale. So ist das, wenn „Jack“ im Programmkino Toni in Weißensee läuft. Eigentlich ist alles wie immer: Auf der Leinwand explodiert ein Goldener Bär, der Film beginnt und nach der Vorstellung kommen die Hauptdarsteller auf die Bühne. Anders ist die Stimmung trotzdem jedes Mal und auch an diesem Sonntagabend im Toni, als der Film zu Ende ist und fast alle Gäste noch sitzenbleiben. Jemand raunt: „Das ist das Tolle an der Berlinale, wenn die so was machen.“

Als das Programm „Berlinale goes Kiez“ vor fünf Jahren das erste Mal von Dieter Kosslick und Matthias Elwardt ausgerufen wurde, war es ein Experiment: Aktuelle Wettbewerbsfilme jenseits des Potsdamer Platzes zu zeigen, braucht ein Extra an Organisation, einen sehr flexiblen Roten Teppich und Moderatoren, Mikrofone, Shuttles für die Stars. Kurz: Es verursacht also Mehrkosten und ist eigentlich vom „Nutzen“ für das Festival eher klein.

Denn das Publikum sind keine Journalisten oder Filmprofis, sondern zu über 90 Prozent Menschen, die eben keine Berlinale-Tasche umhängen haben: Es sind Eltern und Großeltern aus Weißensee, die ganz ohne Aufpreis einmal auf dem Roten Teppich laufen – und nach dem Film Stars interviewen. Im Toni fragt am Sonntagabend eine Frau aus dem Publikum, ob es denn aufregend war für den kleinen Ivo Pietzker, als er beim Film mitspielte. Der junge Debütdarsteller schafft es auch – wie schon vorher bei den Journlisten –, den lockeren Charmeur herauszukehren, und lobt seinen Chef, den Regisseur Edward Berger. „Wenn man mit Leuten wie Eddie zusammenarbeitet“, sagt er, „kann es schon anstrengend sein, aber es macht auch total viel Spaß.“ Zwei Monate habe er nicht in die Schule gemusst, erzählt er. „Aber das habe ich jetzt nicht als sooooo schlimm empfunden.“

Rätselraten um den richtigen Kiez

Genau solche Situationen, bei denen das ganze Kino in wohlwollendes Lachen ausbricht, sind der Grund, dass die Kiezkinos schnell ausverkauft sind. „Ich bin mir sicher“, sagt Matthias Elwardt, „dass es auch in den nächsten Jahren das Kiezkino geben wird.“

Es sei nicht nur die einzige Möglichkeit, dass Wettbewerbsfilme ein Publikumsgespräch haben, sondern biete auch immer wieder Situationen, die in den großen Berlinale-Kinos mit den breiten Sitzen nicht entstehen würden. Eben wenn wie in diesem Jahr die Stars aus „Grand Budapest Hotel“ plötzlich in den Eva-Lichtspielen in Wilmersdorf stehen, oder wenn am Montag Christian Petzold als Kiezpate den Film seines Regie-Kollegen Dominik Graf im Steglitzer Adria vorstellt.

Und weil „Jack“ in Berlins Kiezen spielt, kam dann im Toni noch die Frage auf, welche Kieze denn jetzt genau – eine Frage, die in Anwesenheit von internationalen Journalisten vielleicht etwas deplaziert gewesen wäre. Der Regisseur „Eddie“ zählte dann auf: Wilmersdorf, Charlottenburg, Friedrichshain, sehr oft Spandau und dann vor allem der „Siemensdamm 3“. Dort wohnte Jack. Das war sein Kiez.