In der Nick-Hornby-Verfilmung „A Long Way Down“ steht Pierce Brosnan am Silvesterabend auf einem Hochhaus, um sich herunterzustürzen. Und wird nur von drei anderen aufgehalten, die dasselbe vorhaben. Bis Valentinstag wollen sie als Beinahe-Suizid-Quartett durchhalten. Eine Komödie, in der man auch über Trauer und Verlustangst lachen kann. Das wird Pierce Brosnan nicht immer leicht gefallen sein: Er hat ja selbst viele Schicksalsschläge hinnehmen müssen, zuletzt mit dem Tod seiner Tochter. Zur Berlinale empfing er dennoch gut gelaunt im Hotel de Rome.

Berliner Morgenpost: Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie an die Interviews zu diesem Film gedacht haben?

Pierce Brosnan: Dass ich mir jetzt mal wieder einen ganz Tag lang beim Reden zuhören muss. Das wird irgendwann ziemlich langweilig, glauben Sie mir.

Aber in diesem Fall kann man zumindest sagen, dass es um wirklich wichtige Fragen geht.

Absolut. Ich weiß nur nicht, ob es ein gute Idee ist, den ganzen Tag damit zu verbringen. Als ich heute Morgen meine Cornflakes beim Frühstück aß habe, fiel mir auf einmal auf, was mir bevorsteht. Ich muss den ganzen Tag reden, über Tod, Leben, Traurigkeit und Selbstmord. Um Gottes Willen. All diese Dinge. Hilfe.

Nicht die besten Themen für ein lockeres Gespräch.

Wahrlich nicht. Aber andererseits ist es auch immer ganz spannend und überraschend, wohin solche Interviews dann führen.

Fühlen sich solche Pressetage manchmal an wie eine Aneinanderreihung von Therapiesitzungen?

Genau. Jedenfalls brauche ich sonst keinen Therapeuten mehr. Ich lasse ganz einfach alles raus in Interviews. Glücklicherweise lese ich sie mir später aber niemals durch. Ich kann also sagen und tun, was ich will. Das ist die beste Therapie.

Kommt Ihnen der Interviewmarathon manchmal schon in den Sinn, wenn Sie sich für ein Projekt entscheiden? Dass Sie später dann darüber reden müssen?

Nein. Niemals. In dem Moment denke ich tatsächlich nur an die Arbeit und den nächsten Job, der dann hoffentlich der „große Moment“ meiner Karriere ist. (lacht) Nein, im Ernst. Ich liebe meine Arbeit und ich bin wirklich unendlich dankbar für all das, was ich machen konnte und immer noch manchen kann. Und ich bin dankbar dafür, dass mir die Leidenschaft niemals abhanden gekommen ist.

Was macht diese Leidenschaft für Sie aus?

Menschen Freude zu bereiten. Zu unterhalten. Und für mich selbst heißt es, mich mit meiner Arbeit, mit jeder neuen Rolle selbst zu erforschen. In mich hineinzulauschen und zu verstehen, was da passiert, wenn ich versuche, einem Charakter nahe zu kommen. Bis zu einem gewissen Grad jedenfalls.

Wie in diesem Film, wo es neben dem Witz auch um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Wert des Lebens geht

Ja, auch wenn meine Filmfigur in gewisser Weise am Anfang ein ziemlich lächerlicher Vogel ist und sich auch ohne die Begegnung mit den drei anderen nicht wirklich umgebracht hätte. Es ist ja trotzdem ein ernstes Thema, dass ich auch ernst genommen habe. Letztendlich geht es darum, nachzufühlen, warum er die Absicht hat, sich von einem Hochhaus zu stürzen. Was ist das für ein Gefühl? Wie kommt es dazu? Wie geht man damit um? Wie verzweifelt muss man sein?

Konnten Sie das wirklich nachfühlen?

Die Person auf dem Papier und ich waren in dem Moment wirklich manchmal ein und derselbe Mann. Klar, es sind zwei verschiedene Leben, es ist ‚nur’ eine Rolle, alles nur ein Spiel nach einem Buch von Nick Hornby, aber ich habe diesen Film in einer sehr schmerzhaften Zeit gemacht während der schweren Erkrankung meiner Tochter und kurz vor ihrem Tod. Das hat natürlich in diesen Part mit hineingespielt, auf welche Art auch immer. Und vielleicht hat es mir sogar gut getan, ihn zu spielen.

Was hat Ihnen in dieser Zeit am meisten geholfen?

Mein Glauben. Ich wuchs in Irland als Katholik auf, davon ist eine Menge übriggeblieben. Im Laufe der Jahre ist daraus mein ganz persönliches spirituelles Potpourri geworden. Irgendwie geht es doch immer um die Frage: Was soll das alles hier eigentlich und welche Rolle spiele ich dabei? Der Glaube an etwas Größeres ist für mich schon eine Art Sinn. Und was meine Rolle angeht, auch da habe ich für mich ein paar Dinge gefunden: meine Familie, Schauspielerei, Malen, Singen…

Genau, Ihr Gesang in „Mama Mia“ war einer der bemerkenswerten Momente Ihrer Karriere…

Es hat meine Karriere zumindest nicht beendet. Es war aber knapp, muss ich gestehen.

Ein anderer bemerkenswerter Moment war selbstverständlich James Bond.

Ja, und das ist ein Geschenk, von dem ich immer noch profitiere. Es hat mir viele andere Rollen ermöglicht. Wahrscheinlich ist es so, dass ich immer noch mit ihm identifiziert werde. Die große Frage ist, was man für sich selbst daraus macht.

Was halten Sie von Ihrem Nachfolger Daniel Craig?

Er ist ein brillanter Schauspieler und hat Bond eine unglaubliche Energie gegeben. Ich muss aber ehrlich sein. Ich habe nur „Skyfall“ gesehen. „Casino Royal“ wollte ich irgendwann mal auf einem Flug gucken. Ich dachte, 10.000 Meter über der Erde ist genug Distanz vom Alltag. Aber es sollte nicht sein. Der Film ging los, aber nach ein paar Minuten setzte der DVD-Player aus. Ich habe das als Zeichen gesehen und keine weiteren Versuche gestartet.