Berlinale

Die Suche nach dem richtigen Weg in Afghanistan

Neo Adalag erzählt in ihrem Film „Zwischen Welten“ von den Verzweiflungen in Afghanistan. Ein Bundeswehrsoldat und sein afghanischer Dolmetscher müssen angesichts der Bedrohung zusammenfinden.

Foto: Majestic

„Sag mir nicht, dass er das ist“, raunt kopfschüttelnd einer der deutschen Soldaten, die auf ihren afghanischen Übersetzer warten. Da kommt also dieser schlaksige junge Mann daher, der dann auch noch seine Schutzweste vergessen hat. Kein guter Anfang für ein ohnehin schwieriges Verhältnis. Doch der offene Blick von Tarik, seine wachsam bedachte Art und die entwaffnende Direktheit, mit der er Jesper, den Leiter der Einsatztruppe auf einen Englischfehler aufmerksam macht, nehmen augenblicklich für ihn ein.

Mohsin Ahmady steht hier zum ersten Mal vor der Kamera, doch im Gegensatz zu dem Roma Nazif Mujic, der im letzten Jahr für seine authentische Art, in „Aus dem Leben seines Schrottsammlers“ sein eigenes Leben nachzuerzählen, mit dem Bären ausgezeichnet wurde, spielt Ahmady wirklich.

Die Recherche begann mit einem Foto

Just in dem Moment, in dem die deutschen Soldaten aus Afghanistan abziehen, erzählt Neo Adalag vom Krieg in Afghanistan. Wie Kathryn Bigelows „Hurt Locker“ ist auch „Zwischen Welten“ ein rauer Kriegsfilm, der von einer Frau gedreht ist. Doch im Unterschied zu der Amerikanerin interessiert sich Feo Adalag kaum für die Dynamik unter den Männern, dafür aber um so mehr für das vielschichtig schwierige Verhältnis zwischen den deutschen Soldaten, die zum Helfen gekommen sind und den einheimischen Kämpfern, die diese Unterstützung brauchen, sich aber im eigenen Land auch nichts vorschreiben lassen wollen.

Für Feo Adalag fing alles mit der Irritation über ein besonderes Foto von einem deutschen Soldaten im Auslandseinsatz in Afghanistan an, das ihr nicht mehr aus dem Kopf ging. Ausgehend von diesem Foto begann sie zu recherchieren, was es bedeutet als deutscher Soldat in einem fremden Land stationiert zu sein.

Im Krisengebiet gedreht

Und nach vielen Monaten der Orientierung, mehreren Recherchereisen und genauen Verhandlungen über die Schutzmaßnahmen, drehte diese zierliche, blonde Frau als Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin mit ihrem Team mitten im unbefriedeten Krisengebiet. Auf keinen Fall wäre es für sie in Frage gekommen, die Realität, die sie authentisch einfangen wollte, in der Sicherheit Marokkos oder der Türkei nachzustellen.

Ronald Zehrfeld spielt Jesper, den Leiter der deutschen Einsatztruppe, die zusammen mit den Afghanen einen Standpunkt gegen die Taliban verteidigen soll. Er spielt ihn mit der für ihn typischen Mischung aus wuchtiger Männlichkeit und nachdenklicher Empfindsamkeit als einen Menschen, der sich zunächst wie ein Elefant durch den Porzellanladen der fremden Kultur bewegt. Das beginnt schon mit der ersten Begegnung mit Haroun, dem Anführer der afghanischen Kämpfer, den er unsensibel aus einer Beerdigungszeremonie herausholt. Später greift er ein, als der einen seiner Wachmänner vor versammelter Mannschaft demütigt und verprügelt, weil er eingeschlafen ist.

Verstoß gegen die Richtlinien

Jesper legt seine Maßstäbe von Respekt an und muss sich einen harschen Vorwurf gefallen lassen: „Denkst du, dass es respektvoll ist, wenn Ihr mit Panzern und Helikoptern anrückt und uns eure Regeln aufzwingt?“ Doch das Schlimmste ist, dass die Soldaten immer wieder an den Punkt kommen, an dem das, was moralisch und menschlich richtig wäre, mit dem militärischen Drill von Gehorsam und Disziplin kollidiert. In einer Szene wird Tariks Schwester lebensgefährlich verwundet. Um ihr Leben zu retten, muss Jesper seine eigene Existenz riskieren, weil im Protokoll der Bundeswehr nicht vorgesehen ist, dass auch die Familienangehörigen eines Übersetzers geschützt werden, die sich nur wegen dieses Jobs in lebensbedrohliche Gefahr begeben.

Schroffe Sätze werden abgemildert

Als Übersetzer ist Tarik immer wieder ein subtiler Vermittler, der allzu schroffe Sätze diplomatisch abmildert. Wenn sich die Deutschen darüber beschweren, dass der ihnen zugewiesene Platz zu klein sei, dann macht Tarik aus Harouns „Der Platz reicht“ ein „Er denkt, das ist die beste Position für euch.“ Dabei sitzt Tarik zwischen allen Stühlen. Unter seinen Landsleuten gilt er als Verräter. Am Anfang sieht man Tarik, wie er eine Absage, wohl nicht die erste, auf sein Asylgesuch in Deutschland bekommt. Er soll handfeste Beweise vorlegen, dass sein Leben in Gefahr ist. Sein Vater wurde bereits ermordet, seine Schwester ist unablässigen Anfeindungen ausgesetzt, auch weil sie neben ihrem Job in der Bonbonmanufaktur studiert, um Ingenieurin zu werden.

So wie Tarik mit Worten, will auch sie Brücken bauen für eine bessere Zukunft ihres Landes. Jenseits des Bildrandes lauern Angreifer mit Holzprügeln und Schusswaffen, wie überhaupt in diesem feinfühlig erzählten Film vieles unausgesprochen bleibt. Als Beweis akzeptieren deutsche Behörden wohl nur einen Totenschein. Irgendwann stellt Jesper die Frage: „Können wir hier irgendetwas ausrichten oder ist es nur eine unsinnige Verschwendung?“ Haroun hat schon viele Armeen durch sein Land ziehen sehen: „Wir haben hier ein Sprichwort, Ihr habt die Uhr, aber wir haben die Zeit.“ Einfache Antworten kann es hier nicht geben.

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