Berlinale

Deutsche können Western - „Das finstere Tal“ ist der Beweis

Die Verfilmung von Thoma Willmanns Roman spielt in den Alpen, die Menschen sprechen einen merkwürdigen Bergdialekt. Doch der Film entpuppt sich als Rachedrama - in bester Italowestern-Tradition.

Foto: © X-Verleih

Massenweise Schnee. Klirrende Kälte. Schneidender Wind. Eisiger Reif. Jetzt ist er doch noch ausgebrochen, der Berlinale-Winter. Aber nicht auf dem Potsdamer Platz, da sonnen sich die Festivalgänger in ungeahnt milden Temperaturen. Sondern im Zoo Palast. Dort lief gestern als Berlinale-Special „Das finstere Tal“. Ein Film wie gemacht für dass Festival. Weil er prima zum üblichen Berlinale-Wetter gepasst hätte. Diesmal ist es ein scharfer Kontrast. Aber so ist uns das doch lieber.

Es schneit in den Alpen. Und ein schmal besiedeltes Engtal wird bald, wie alle Winter, von der Außenwelt abgeschnitten sein. Da reitet noch ein einsamer Fremder herein. Er hat merkwürdige Dinge in seinem Gepäck, Gerätschaften, die man hier noch nie gesehen hat. Man ist, das wird gleich deutlich, nicht freundlich zu Fremden. Aber man lässt ihn gewähren. Ein Fotograf will er sein. Davon hat man hier, in der Provinz, Ende des 19. Jahrhunderts, noch nie gehört. Schon bald macht der Fremde sich ein Bild von den Dingen hier heroben. Man ahnt schon bald, dass das nicht nur fotografisches Interesse tut. Nach 40 Minuten wird auch ein Gewehr aus dem Gepäck gewickelt.

Die Deutschen können keinen Western. Das hat uns leider die Berlinale des Vorjahres bewiesen. „Gold“ war damals im Wettbewerb eine herbe Enttäuschung. Trotz Nina Hoss hoch zu Ross. Und trotz der Tatsache, dass das Team dafür wirklich im einst Wilden Westen gedreht hat. Die Deutschen können doch Western. Das beweist uns jetzt Andreas Prochaskas Adaption von Thomas Willmanns Erfolgsroman. Dafür braucht man gar nicht in den Westen. Südtirol tut es auch. Das Schnalstal, nicht weit entfernt vom Hauslabjoch, der Fundstelle des Ötzi.

Sonne zum blutigen Showdown

Hier nimmt der merkwürdige Fremde (Sam Riley), Greider mit Namen, den Patriach des Tales aufs Korn, den Brenner-Bauern (Hans-Michael Rehberg), nebst seinen gleich sechs Söhnen (unter ihnen Tobias Moretti und Clemens Schick), die das Dorf kontrollieren und in Angst und Schrecken versetzen. Es ist eisig hier, nicht nur in den Wipfeln, auch zwischen den Menschen. Die Kälte hat sich den Schauspielern tief in die Furchen gezogen. Und alles hier im Tal ist so finster, wie der Titel es verlangt.

So eisig, dass die Bilder blau und kalt wirken und die Leinwand regelrecht zufriert. Bis der erste Sohn vom Brenner einen grausligen Tod stirbt. Und der zweite auch bald. Greider will Rache, wofür, erfährt man erst nach und nach. Der Film wechselt nur langsam seine Tonart, aber dann kulminiert er am Ende in einem mehr als blutigen Showdown. Und dann, erst dann bricht die Sonne durch, scheinen die Strahlen ins Tal und in den Kinosaal. Das Licht als letzter, finaler Schocker.

Mit dem „Finsteren Tal“ wurden gleich mehrere Knabenträume erfüllt. Erst mal der des süddeutschen Autors. Willmann hat als Kind gern Western gesehen, nicht nur die klassisch-amerikanischen, vor allem auch Italo-Western. Sowas hatte der Journalist auch für sein Romandebüt im Kopf. Nur sollte es eben was Eigenes, Heimisches sein. Auch Regisseur Andreas Prochaska, der als Regieassistent bei Michael Haneke begann, wollte immer schon mal einen Western drehen. Und fand in Willmanns „Tal“ den idealen Stoff.

Sam Riley alias „Pale Greider“

Man hätte das als internationale Produktion inszenieren können, mit in- und ausländischen Stars, die dann alle Englisch gesprochen hätten. Prochaska ging den anderen Weg. Hier sind alle Deutsche und Österreicher, sie sprechen einen merkwürdigen Bergdialekt. Und sie wirken erdig-authentisch. Nur der Fremde, der wie im Roman aus Amerika, also wirklich aus dem Wilden Westen kommt, der wird vom Briten Sam Riley gespielt. Sein Akzent ist echt. Er wirkt wie ein Fremdkörper. Und das passt alles bestens.

„Pale Greider“ haben sie ihn beim Dreh genannt, in Anspielung auf Eastwoods „Pale Rider“, noch so ein Western um einen einsamen Rächer. Und natürlich hat auch Sam Riley immer schon mal davon geträumt, in einem echten Western mitzuspielen.

Der Kamerashot und der Gewehrshot

Der Greider ist im Roman ein Maler, der von jedem seiner Opfer ein Bild anfertigt. Im Film freilich wurde daraus ein Fotograf. Das ist medial natürlich eine sinnige Nuance. Wie er da seine Kamera aufbaut, sind die Parallelen zum Filmemachen offensichtlich. Und nicht umsonst spricht man im Amerikanischen nicht nur bei einem Gewehrschuss, sondern auch bei einer Kameraaufnahme von einem „shot“. Und an Shots, fotografischen wie ballistischen, ist hier wahrlich kein Mangel.

„Das finstere Tal“ sieht aus wie ein Leone-Western. Oder einer von Sergio Corbucci. Schon wegen des ewigen Schnees muss man an „Leichen pflastern seinen Weg“ denken, und der Titel wäre auch hier mehr als passend. „Das finstere Tal“ ist eine gelungene Kreuzung aus Western und Heimatfilm, was ja schon immer die hiesige Entsprechung zum amerikanischsten aller Genres war. Es braucht hier kaum Worte, der Film lebt von seinen großartigen Berg- und Gesichtslandschaften. Am Ende reitet der Lonesome Cowboy in den Sonnenaufgang. Und wir in die Gewissheit, dass auch der deutschsprachige Film Genrekino kann.