Sie sind zwei der größten männlichen Stars, die das deutsche Kino zu bieten hat. Wenn der Name Jürgen Vogel oder Moritz Bleibtreu auf einem Filmplakat steht, ist das allein schon fast ein Erfolgsgarant. Kaum zu glauben, dass die beiden bisher noch nie zusammen vor der Kamera standen. Lediglich in Oskar Roehlers Familienepos „Quellen des Lebens“ letztes Jahr. Da spielte Vogel, 45, gleich den Vater von Bleibtreu, 42, allerdings ist Vogel dabei von der Maske stark auf Alt getrimmt, und sie haben nur wenige Szenen.
Das ist ab sofort anders. „Stereo“ heißt der Film mit Vogel und Bleibtreu, in denen beide gleichwertige Hauptrollen spielen. Und die Fans waren so gespannt auf das Aufeinandertreffen der beiden Stars, dass die Tickets zur Premiere im Zoo Palast innerhalb weniger Minuten ausverkauft waren – so schnell wie bei kaum einem anderen Berlinale-Film, Clooneys „Monuments Men“ eingeschlossen.
„Stereo“ von Maximilian Erlenwein ist ein Genrekracher, eine vertrackte Psycho-Achterbahnfahrt zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn, wie man ihn im deutschen Kino kaum kennt. Dabei fängt es recht harmlos an. Erik (Jürgen Vogel) ist von Berlin aufs Land gezogen, um ein neues, ruhigeres Leben anzufangen. Er hat eine kleine Motorradwerkstatt und eine neue Freundin, Julia (Petra Schmidt-Schaller), mit einer kleinen Tochter. Er fährt die Kleine in den Kindergarten und geht mit ihr zum Spielplatz, abends sitzt er mit bei einem Bierchen gemütlich im Garten.
Der nervende Schatten
Eine scheinbar heile Welt, in die plötzlich ein Unbekannter in Kapuzenpulle eindringt. Zuerst steht er nur abseits und beobachtet sie, doch bald rückt Henry (Moritz Bleibtreu) Erik nicht mehr von der Pelle und treibt ihn mit seiner zynischen Art in Rage. Das noch viel größere Problem: Nur Erik sieht diesen Henry. Für alle anderen ist er unsichtbar. Eine Wahnvorstellung? Erik glaubt bald, den Verstand zu verlieren, geht zum Arzt, der ihm einen Psychiater oder gleich die Einweisung in eine Klinik empfiehlt. Bei alldem ist Henry mit dabei wie ein Schatten, kommentiert und nervt.
Und wie Erik weiß auch der Zuschauer bald nicht mehr so recht, was Realität und was Einbildung ist. Und was all das mit Eriks Vergangenheit zu tun hat. Denn über die erfährt man lange nichts, bis Julias Vater, ein Polizist, der seine Tochter nicht gern in den ölverschmierten Händen Eriks sieht, Nachforschungen anstellt. Könnte es sein, dass Henry am Ende so etwas wie Eriks personifiziertes schlechtes Gewissen ist?
Als schließlich auch noch ein Trupp dubioser Männer in Wohnwägen auftaucht, die vorgeben, Erik zu kennen und ihn unter Gewaltandrohung zwingen wollen, mit ihnen zusammen Keitel, einen Gangster zur Strecke zu bringen. Erik fühlt sich von allen Seiten in die Ecke gedrängt, bis ihm nichts anderes übrig bleibt, bei dem dreckigen Spiel mitzumachen.
Ein Film, der „sich traut, Kino zu sein“
„Stereo“ ist ein furios inszenierter Psychothriller, der mit oft grandiosen Cinemascopebildern und einem nervösen Electrosoundtrack immer wieder überwältigt und Psychospielen Protagonisten wie Zuschauer an der Nase herumführt. Ein Film, der „sich traut, Kino zu sein“, wie Bleibtreu das nennt. Vor allem in der zweiten Hälfte, wenn der Film von den sonnigen Straßen und Felder der Kleinstadt in die düstere Unterwelt eines bizarren Nachtclubs hinabsteigt, potenziert sich auch die Gewalt, und es sind Szenen zu sehen, die wirklich nichts für schwache Nerven sind.
Es ist der zweite Spielfilm von Maximilian Erlenwein, der mit seinem Debüt „Schwerkraft“ den Max-Ophüls-Preis und den First Steps Award gewonnen hat. Und in dem er bereits Jürgen Vogel in der Hauptrolle besetzt hatte. Beim Schreiben des Drehbuchs zu „Stereo“ hatte er den Schauspieler bereits im Kopf. Und die Rolle ist Vogel auch wie auf den durchtrainierten Leib geschrieben.
„Ich habe das Buch eingeatmet“
Ausgangspunkt sei gewesen, dass ihm jemand eine DVD der amerikanischen Komödie „Mein Freund Harvey“ aus dem Jahr 1950 gegeben habe, in dem sich James Stewart mit einem mannsgroßen Hasen anfreundet, den nur er sehen kann. „Und ich dachte, was wäre, wenn dieser unsichtbare Begleiter ein zynischer, dreckiger Mistkerl ist.“, sagt Erlenwein. Das habe er dann zur einer Figur weiterentwickelt, die „mit ihren eigenen Abgründen kämpft – mehr sollte man da gar nicht verraten.“
Vogel sagt dass die Rolle „ein Riesengeschenk“ ist, das er aber vor allem die Welten spannend findet, die Erlenwein erschafft. „Beim Lesen des Drehbuchs dachte ich vor allem, das ist ein Film, den ich selbst Bock hätte zu sehen.“ Bleibtreu pflichtet ihm bei. „Ich habe das Buch eingeatmet, in Echtzeit gelesen. Wenn ich es gar nicht mehr weglegen kann, ist das immer ein Super-Indiz.“
Ganz im Gegensatz zu ihrem Psycho-Zweikampf im Film geben sich die beiden auf der Berlinale wie ein Herz und eine Seele. „Ich wollte schon immer mal mit Jürgen arbeiten“, sagt Bleibtreu. Und Vogel meint, dass da eine große Energie zu spüren gewesen sei. Und sie sind sichtlich stolz auf das Ergebnis, auch weil es so schwer gewesen sei, den Film zu finanzieren. „Wir hatten nicht das größte Geld, aber was Geiles draus gemacht“, findet Vogel.
Tatsächlich gibt es zumindest im deutschsprachigen Film nichts Vergleichbares. Wirklich neu ist der Film aber keineswegs, weder stilistisch noch in seinen Gewaltexzessen. Erlenweins Welt erinnert doch sehr an die Thriller des Dänen Nicolas Winding Refn und sein Mechaniker Erik an Refns Antihelden wie der namenlose Rennfahrer in „Drive“ oder der Drogenschmuggler in „Only God Forgives“. Und auch der Schlägetrupp, der sich in David Finchers „Fight Club“ die Köpfe einhaut, liegt nicht fern. Brutale, kaputte Männer in einer gnadenlosen Welt, in der man sich bekämpft, bis nicht nur Blut fließt, sondern gleich das Gesicht zu Brei geschlagen ist. Diese Kampfszenen sind in „Stereo“ so authentisch inszeniert, dass es schon beim Zuschauen weh tut. Vor allem Jürgen Vogel, Haudegen des deutschen Kinos und praktizierender Kampfsportler, hatte ganz offensichtlich seinen Spaß dabei.
Termine Heute, 10 Uhr, CinemaxX 9; 10.2., 14.30 Uhr, Cubix 9;
16.2., 22.30 Uhr, Colosseum 1





