George Clooney rekrutiert wieder. Er muss nur auftreten, muss sich hinter die Auserwählten stellen, sie spüren irgendwie, dass er da ist. Drehen sich um. Und schauen ihn erkennend an. Oder lächeln. So schnell hat man seine Truppe zusammen. Unweigerlich muss man an „Ocean’s Eleven“ denken. Auch, weil mit Matt Damon gleich einer aus jener Truppe wieder auftaucht. Nur ein Brad Pitt ist diesmal nicht dabei. Und es geht auch nicht mehr um spektakuläre Einbrüche wie in „Ocean’s Eleven“, „Ocean’s Twelve“ oder „Ocean’s 13“. Diesmal geht es um den Rückklau des größten Kunstraubs der Geschichte. Um jene Millionen Kunstwerke, die die Nazis aus den Museen und Kirchen der von ihnen besetzten Länder entwendet haben. „Ocean’s Eleven“ im Krieg also. Wobei es diesmal nur neun Mannen sind. Und die Monuments Men heißen.

Diese Sondereinheit hat es wirklich gegeben. Und sie sind vielleicht die letzten Helden des Krieges, auf die noch kein Loblied gesungen wurde, die beinahe vergessen worden sind. Bis Robert M. Edsel ein Buch über sie schrieb. Und dieses Buch Clooney in die Hände fiel. Gegen seinen Film nimmt sich Tarantinos „Inglourious Basterds“ wie eine infantile Schnurre aus. Da ging es ja nur um Rache, um eine Art kollektive Hitler-Überwindungs-Fantasie. Um viel, viel Blutvergießen. Die Monuments Men aber tragen keine Waffe. Auch keine Baseballschläger. Sie sind Museumsleiter, Kuratoren und Kunsthistoriker. Sie kennen sich mit da Vinci besser aus als mit einer MG. Erst muss Clooney seinem Präsidenten Truman einen Vortrag halten, dass man den Krieg auch kulturell gewinnen muss. Dass es um die Bewahrung des kulturellen Erbes geht, um die Wiege der Menschheit. Dann rekrutiert er seine Kombattanten. Und dann geht es nach Europa, auf die Suche nach den verschwundenen Meisterwerken.

Man hat einige Deja-Vus in diesem Film. Wenn Matt Damon am Strand der Normandie anlegt, kommt einem sofort Spielbergs „Soldat James Ryan“ in den Sinn. Bei Cate Blanchett und George Clooney muss man unweigerlich an den Kriegsthriller „The Good German“ denken, der vor sieben Jahren auch schon auf der Berlinale lief. (Blanchetts Deutsch ist seither deutlich besser geworden.) Hitler aber, der Erzfeind, hat hier nur einen kleinen stummen Auftritt. Grotesk steht er da vor einem überdimensionalen Archtitekturmodell seines Führermuseums und träumt noch von dessen Erfüllung, wo überall die Fronten brechen. Gespielt wird er von James Payton, der den Führer schon einmal gemimt hat: in der Comicverfilmung „Captain America“.

Man kann sich genau vorstellen, wie George Clooney seine Stars für diesen Film rekrutiert hat. Wie seine Filmfigur wird er zu seinen Buddys gefahren sein, zu Matt Damon, Bill Murray, John Goodman, Cate Blanchett. Wird sie nur angeguckt oder vielleicht auf einen Nespresso eingeladen haben. Und auch sie werden genickt haben: Ja, wir sind dabei. Gemeinsam haben sie dann in Berlin gedreht, ausgerechnet in der ehemaligen Reichshauptstadt. Das ist schon komisch, wenn die Szene eigentlich in Paris spielt, ein Jeep dann aber abbiegt und vor der Neuen Wache Unter den Linden parkt. Da muss die eine Metropole schon mal für die andere herhalten.

Die Kunstwerke lagern in Salzminen

Die Monuments Men schwirren von hier aus über halb Europa, tappen lange im Dunkeln, bis sie schließlich die entscheidende Spur finden, wo die Deutschen die Kunstwerke eingelagert haben. In Salzminen nämlich. Und es ist ein Rennen gegen die Zeit. Erst gegen die Nazis, die, wenn sie schon nicht siegen, auch die Kunst mit in den Untergang nehmen wollen. Dann aber auch gegen die heranrückenden Russen, die die Kunstwerke selber plündern. Und im Salzbergwerk im österreichischen Altaussee gibt es einen regelrechten Showdown, wenn die Russen schon anrücken und künstlich aufgehalten werden müssen, damit da noch ein paar Tausend Kulturgüter gerettet werden können.

Bis zum Ende des Krieges waren rund 60 Monuments Men in Europa tätig. Edsel hat ihnen mit seinem Buch ein Denkmal geschaffen, und Clooney macht sie nun auch zu Kinohelden, obwohl er sehr frei mit den Fakten umgeht und seinen Figuren erfundene Namen gibt. Am Ende wird Clooney von seinem Präsidenten gefragt, ob es das wert war, für diese Mission Freunde verloren zu haben. Er sagt Ja. Dann steht Jahrzehnte später ein alt gewordener Clooney, gespielt von Clooneys eigenem Vater Nick, vor Michaelangelos Madonna in Brügge, die er in letzter Sekunde gerettet hat, neben seinem Enkel, und wiederholt noch einmal: Ja.

Friedenszigarette à la John Wayne

Clooney, der Regisseur, muss sich eine andere Frage gefallen lassen. Ob man das Thema denn so verfilmen kann, als Militärklamotte, bei all dem Ernst, um den es da geht, und all die Menschen, die dafür gestorben sind. Aber Clooney gelingt das Kunststück, jedes Pathos zu vermeiden. Er generiert teils richtig komische Szenen, etwa wenn zwei Monuments Men einen Deutschen, der sie mit einer Waffe bedroht, zu einer Friedenszigarette überreden und der dann was von John Wayne murmelt. Oder wenn das letzte fehlende Teil von Jan van Eycks berühmtem Genter Altars sich schließlich als Unterseite des Tisches entpuppt, an dem man steht. Und dann gibt es auch immer wieder Momente, in denen der Film betroffen innehält. Etwa wenn sie auf Tonnen von kleinen Goldteilen stoßen, die sich als Zähne erweisen. Oder wenn Matt Damon das Bild einer Jüdin in deren leere Wohnung in Paris zurückbringt. Das sei sinnlos, wird ihm bedeutet, sie sei deportiert worden und werde nicht zurückkehren. Er hängt es dennoch hin. Und meint, das scheine ihm ein guter Ort, um seine Mission zu beginnen.

Clooney hat vor elf Jahren sein Regiedebüt „Confessions of a Dangerous Mind“ auf der Berlinale vorgestellt. Und es ist ein echter Coop von Kosslick, ihn mit diesem Film zurück zu gewinnen. Der Starttermin in den USA wurde eigenes dafür verschoben, auch wenn das bedeutet, dass der Film bei den Oscars nicht berücksichtig wurde. Es wäre aber auch schmerzlich gewesen, wenn gerade dieser Film, der ja drei Monate in Berlin gedreht wurde und den das Filmstudio Babelsberg mitproduziert hat, nicht hier seine Premiere erleben würde.

Gratis-Werbung durch Gurlitt

Es ist nicht Clooneys bester Regie-Film. Nicht so analytisch wie „Die Iden des März“, nicht so grandios inszeniert wie „Good Night. And Good Luck“, sein bester bislang. Die Fäden hängen etwas lose in der Luft, auch weil die Monuments Men sich in Europa zerstreuen und erst am Ende zueinander finden. Und weil der Film immer wieder zwischen Sentiment und Komik schwankt. Aber „Monuments Men“ ist ein Schauspielerfilm im besten Sinne, der von den Stars getragen wird und bei dem sich die Freude der Darsteller beim Spiel aufs Publikum überträgt.

Dass durch die Beschlagnahme der Gurlitt-Sammlung in Schwabing das vermeintlich historische Thema NS-Raubkunst plötzlich wieder brandaktuell ist, konnte Clooney nicht ahnen, gibt ihm aber jetzt zusätzliche Gratis-Werbung. „Monuments Men“ ist der Film zur Stunde, weil er die passenden Bilder zum Reizthema liefert und das Thema damit endgültig massenkompatibel macht. Clooney & Co. erweisen sich dabei nicht nur als Schöngeister und Bewahrer der Kunst, sondern auch als die besseren Amerikaner. Als wollten sie uns erinnern, dass es auch Zeiten vor der NSA gab, als man Alliierte noch wie Freunde behandelt und gemeinsam für eine Sache gekämpft hat.