Morgens um halb elf herrscht schon Hochbetrieb im Atrium des Martin-Gropius-Baus. An den Bistrotischen sitzen Menschen mit bunten Ausweisen um den Hals und unterhalten sich angeregt. Englische Sprachfetzen sind zu hören, links präsentiert eine Dame eine Broschüre auf Französisch, am Tisch nebenan werden bei einem Verkaufsgespräch auf Spanisch gerade Visitenkarten ausgetauscht. Und aus den Kabinen am Rand und oben auf der Galerie plärren unzählige Bildschirme. Die Ware, die hier gehandelt wird, ist Film. Der European Film Market, seit 2006 in dem Museumsbau, lockt jährlich 8000 Aussteller aus aller Welt an, die hier Filmrechte kaufen und verkaufen wollen, Investoren für neue Projekte suchen oder Produktionen in ihre Region locken wollen.
Kaffeebecher in der Hand
Clemens Köstlin steht mit einem Kaffeebecher in der Hand vor der beleuchteten Infowand und studiert den Plan der zweigeschossigen Ausstellungsfläche und die Liste der Stände. „Puh, das sind ja ganz schön viele!“ Der 30-Jährige ist Produktionsstudent an der dffb, der Berliner Filmhochschule am Potsdamer Platz. Heute will er sich einen Eindruck darüber verschaffen, was es auf einem der drei weltgrößten Filmmärkte zu sehen gibt. Dann mal auf ins Getümmel.
Die Trennwände der Aussteller sind mit Filmplakaten gepflastert, die um die Aufmerksamkeit der Fachbesucher buhlen. Ein Plakat wirbt für einen Vampirfilm aus Korea, daneben eins für einen Actionkracher aus Bollywood. Ein Piratenfilm, der weder mit einem Star vom Kaliber Johnny Depps noch mit einem vergleichbaren Budget wie „Fluch der Karibik“ trumpfen kann, stellt zum Poster im XXL-Format ein vollständiges Piratenkostüm am Kleiderständer.
Plakate müssen knallig sein
Köstlin erinnert sich, wie er im letzten Jahr erstmals selbst ein Plakat für einen Studentenfilm mitentwickelt hat. „Da habe ich gelernt, dass es möglichst knallig sein und rausstechen muss, damit es nicht untergeht, wenn auf einem Festival wie hier eins neben dem anderen hängt.“ Ein Plakat, das sich einprägte, ist das zur Schulkomödie „Fack ju Göhte“, dem deutschen Kinohit letztes Jahr. Im Filmmarkt werden nun die internationalen Rechte angeboten. Köstlin grinst, als er den englischen Titel auf dem Plakat sieht: „Suck Me Shakespeer“.
Neben Weltvertrieben und Produktionsfirmen präsentieren sich hier auch Verbände und Filmförderungen. Köstlin will beim Bundesverband AG Kurzfilm vorbei, der junge Filmemacher unter anderem bei den Plakat- und Reisekosten unterstützt, wenn ihre Kurzfilme zu Festivals eingeladen werden. So auch Miriam Blieses „An der Tür“, den Köstlin produziert hat und der letzten Monat auf dem Filmfest Saarbrücken im Wettbewerb lief. Am Stand trifft er Franziska Richter, die unter anderem Kurzfilmprogramme für Festivals zusammenstellt.
Auftritt von Monika Grütters
Während sie sich unterhalten, kommt eine Traube von Fotografen und Kameras um die Ecke. Es dauert einen Augenblick, bis man durch das Blitzgewitter das Zentrum des Interesses erkennt. Es ist Monika Grütters, die neue Kulturstaatsministerin. Sie will sich über die Filmindustrie informieren und als Nachfolgerin von Bernd Neumann ein Zeichen setzen. Der galt als Kinofan und wurde in der Branche sehr geschätzt. Erste Station bei ihrem Rundgang an diesem Vormittag ist German Films, eine Organisation, die deutsche Filmproduktionen international bewirbt. Grütters kommt mit Beki Probst, der Leiterin des Filmmarkts, und Marietta Rissenbeek, German Films-Geschäftsführerin, ins Gespräch und erzählt begeistert von der Eröffnungsgala am Abend davor. In dem Moment kommt auch Festivaldirektor Dieter Kosslick an den Stand. Die beiden begrüßen sich mit einer herzlichen Umarmung. Im Umgangsstil wird sich, verglichen mit Neumanns etwas steifer Art, schon mal einiges ändern. „Du hast ja schon wieder ein wenig Farbe im Gesicht, Dieter!“, neckt Monika Grütters den Berlinale-Chef und zupft seinen Schal zurecht.
Die großen Weltvertriebe
Köstlin schaut sich das Schauspiel amüsiert aus einer kleinen Entfernung an. German Films hat seinen Kurzfilm für den Next Generation Short Tiger nominiert. Damit wird er Teil einer Filmrolle sein, die auf Festivals von Cannes, über New York und Buenos Aires bis Moskau läuft. Köstlin will die Chance nutzen, um sich persönlich vorzustellen, entscheidet sich dann aber, noch eine Runde zu drehen und zurückzukommen, wenn der Trubel um den hohen Besuch vorbei ist.
Ihn interessiert auch, wie sich die großen Weltvertriebe präsentieren. Einer der bekanntesten, Wild Bunch, hat einen Container außerhalb des Gropius-Baus. Dessen Auftritt enttäuscht ihn etwas. Außer dem Mitarbeiter am Eingang sind die Räume menschenleer, an den Wänden ein paar Plakate. In der Ecke steht ein Fotoautomat, in dem man sein Gesicht auf den Körper eines Bodybuilders montieren kann. Köstlin geht lieber vor die Tür, eine rauchen.
Produziert erste Kurzfilme
Er ist im dritten Jahr an der Filmhochschule und neben den Seminaren produziert er erste Kurzfilme. Fünf waren es allein im letzten Jahr, „da habe ich mich auch ein bisschen übernommen“, gesteht er lächelnd. Auf dem Filmmarkt ist er zum ersten Mal. Die vergangenen Jahre hat er selbst für die Berlinale gearbeite und als Kinobetreuer bei den Kindervorstellungen der Generation-Sektion den Einlass gemacht. „Da hatte ich noch nicht mal Zeit, einen Film zu sehen.“ In diesem Jahr hat er sich eine Auszeit für die Berlinale genommen und nimmt an einem Workshop teil, den die dffb zusammen mit der London Film School im Rahmen der Berlinale organisiert. „Wir sind 20 Studenten aus verschiedenen Ländern und werden vier Tage lang mit Filmemachern des Festivals zusammenarbeiten.“ Und am Montag gehen sie alle zusammen auch auf den Filmmarkt.
Auf dem Rückweg trifft er am Ende Martin Scheuring von German Films und Birthe Klinge von der Filmförderanstalt FFA. Beide sind voll des Lobs für den von ihm produzierten Kurzfilm. Köstlin strahlt. Allein dafür hat sich der Marktbesuch doch gelohnt.





