„American Hustle“

Jeder spielt eine Rolle – ein Spiel mit doppeltem Boden

Der Oscar-Favorit als Berlinale-Special: Die Gaunerkomödie „American Hustle“ von US-Regisseur David Russell wurde am Abend gezeigt. Sie handelt von kleinen und großen Fischen, geizt nicht mit Stars.

Foto: Francois Duhamel © Tobis Film

Wo hört Schauspiel auf, wo beginnt der Wahnsinn? Als sich Robert De Niro für Scorseses „Wilden Stier“ vom Boxer zum teigigen Lebemann verwandeln musste, hat er sich Wochen lang durch die französische Küche geschlemmt, bis er zur Unkenntlichkeit anschwoll. Den Stiernacken davon hat er heute noch. Als Adrian Brody in Polanskis Holocaust-Drama „Der Pianist“ spielte, hungerte er sich kurz vors Delirium. Auch das hochbedenklich. Sich eine Rolle einzuverleiben, bekommt hier eine ganz andere, grausam realistische Bedeutung. Aber ein solcher Ganzkörpereinsatz lohnt. De Niro wie Brody bekamen dafür einen Oscar.

Wie aber kann man solche Grenzüberschreitungen noch überbieten? Indem man beides wagt. So wie Christian Bale. Auch er hat sich für „The Machinist“ 2004 fast zu Tode gehungert. Für „American Hustle“ aber, der am Freitag auf der Berlinale seine Europa-Premiere feierte und dann nächste Woche regulär ins Kino kommt, hat er die De-Niro-Nummer gemacht. Man könnte natürlich auch einen „Fatsuit“ anziehen, der Fachbegriff für künstlichen Bauchspeck. Aber das wäre eben nicht authentisch. Christian Bale hat sich gut 43 Pfund angefuttert. Und lässt seine Plauze auch gleich in der ersten Einstellung feist in die Kamera hängen.

Die schlimmste Perücke der Filmgeschichte

Überhaupt, wie der Mann aussieht! Er hat schon Halbglatze, klatscht sich die vermutlich schlimmsten Haarteile der Filmgeschichte darüber und macht sie mit einer halben Sprayflasche Haarfestiger fest. Der Mann, so denkt man, ist am Ende. Dem kann man nicht vertrauen. Und doch tun das alle. Der Mann lebt von den Geldnöten anderer. Von armen Leuten, die ihm ihre letzten Scheine anvertrauen. Die er selbstredend nicht für sie, sondern für sich selbst anlegt. Ein schamloser Betrüger.

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„American Hustle“, mit zehn Nominierungen einer der beiden großen Oscar-Favoriten, ist ein einziges Sammelsurium vom falschen Schein. Nicht nur Bales Figur gibt vor, etwas anderes zu sein, als sie ist. Auch seine Freundin, gespielt von Amy Adams, verbirgt mit Lady-Manieren und britischem Zungenschlag ihre Herkunft als Ex-Stripperin aus der US-Provinz. Beide aber landen bei einem Herrn (Bradley Cooper), der seine Geldnot auch nur vortäuscht, sich als FBI-Agent erweist. Und die beiden erpresst: entweder einbuchten – oder sie helfen ihm, korrupte Politiker zu überführen.

So tun, als ob

Natürlich fällt einem dabei sofort das altbekannte Brecht-Zitat ein, was ein Bankraub gegen die Gründung einer Bank sei. Was hier im übertragenen Sinn meint: Was ist ein kleiner Trickbetrüger gegen einen Politiker, der mit System trickst? Dafür bietet Berlin praktischerweise ein ganz aktuelles Fallbeispiel vor der Haustür. Aber so unfassbar es auch klingen mag, basiert auch der Filmplot tatsächlich auf realen Ereignisse, dem Abscam-Skandal aus den späten Siebzigern.

„American Hustle“ lässt die alten Seventies noch einmal aufleben. Im Look. In den Schlaghosen. Den übergroßen Sonnenbrillen und den noch großzügigeren Dekolletés. Er tut dies auch in den typisch Braun- und Gelbtönen jener Zeit, selbst im Erzählduktus. Wenn in ein paar Jahren irgendwer zufällig im Fernsehen beim Zappen bei „Hustle“ landet, könnte er, so er nicht sofort die Stars erkennt, glauben, dies sei ein Film aus jener Zeit.

So tun als ob: Das ist erst einmal ein Fest für die Schauspieler, die per Beruf dem Betrüger ja recht nahestehen. US-Regisseur David O’Russel bringt hier die Stars seiner letzten großen Erfolge, Bale aus „The Fighter“ und und Cooper und Jennifer Lawrence aus „Silver Linings“ zusammen. Er setzt ihnen noch die grandiose Amy Adams als Zugabe bei, und Jeremy Renner als das politische Zielobjekt, das ironischerweise wohl die ehrlichste Haut im ganzen Film ist. Und dieses Quintett gibt alles in diesem herrlichen Spiel mit falschen Tatsachen und doppeltem Boden.

Auch De Niro schaut vorbei

So tun als ob: Das stimmt aber auch im übertragenen Sinn. Russell, der zuletzt 1999 mit „Three Kings“ auf der Berlinale vertreten war, ist selbst so etwas wie ein Trickbetrüger. Weil er das Publikum kunstvoll auf die falsche Fährte setzt. Bale sieht immer schlechter aus neben dem alerten FBI-Agenten. Aber dann kommt plötzlich mit Robert De Niro auch noch die Mafia ins Spiel, und es sieht so aus, als ob sie die Strippen in den Händen hält. Bis „Hustle“ zum Schluss noch einmal eine ganz andere Volte schlägt. Wer betrügt hier wen? Auf jeden Fall der Regisseur unsere Erwartungshaltungen.

Die Berlinale macht es einem dieses Jahr wirklich nicht leicht, wenn man sich zwischen „Yves Saint Laurent“ am Zoo, Forest Whitaker am Potsdamer Platz oder „American Hustle“ an der Friedrichstraße entscheiden muss. Das Rennen um die größte Aufmerksamkeit hatte wohl „American Hustle“ gemacht. Ob der Film auch bei den Oscars abräumen wird, bleibt dennoch abzuwarten. „12 Years a Slave“ ist wohl doch das stärkere Drama. Bei den Schauspielern aber könnte „Hustle“ obsiegen. Bale hätte ihn schon wegen besagter Gewichtszulage verdient. Da ist dann allerdings auch das Aids-Drama „Dallas Buyers Club“, für das sich Matthew McConaughey herunter gehungert hat.

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