Berlinale

„Grand Budapest Hotel“ ist der ideale Eröffnungsfilm

Gelungener Auftakt: Wes Andersons melancholische Komödie „Grand Budapest Hotel“ macht Lust auf elf Tage Filmfestival. Nicht nur wegen der guten Laune, sondern auch wegen der Star-Dichte.

Foto: Medienboard Berlin-Brandenburg / obs

Die Berlinale ist gerade mal eröffnet und hat schon ein echtes Kino-Traumpaar. Wenn auch ein sehr skurriles, das an Pat und Patachon erinnert: Ralph Fiennes und Tony Revolori.

In Wes Andersons herrlicher Groteske „Grand Budapest Hotel“ spielt der britische Star den Concierge des titelgebenden Edelhotels, Monsieur Gustave, mit wohlsituierten Manieren, und der 19 Jahre alten Nachwuchsschauspieler den kleinen Lobby-Boy Zero mit schüchternem Blick. Der Ältere weist den Jungen in seine neue Arbeit ein in diesem fiktiven Hotel in dem nicht minder fiktiven Land Zubrowka, irgendwo im zerbröselnden k.k.-Reich. Aber schon bald wendet sich das Blatt. Da muss der Junge dem Älteren helfen und beweisen, dass er kein Zero, keine Null ist.

Alles wirkt anfangs wie beim „Zauberberg“, nur ohne rachitische Patienten. Und Ralph Fiennes, der nach all den Bösewichtern in jüngster Zeit, von „Harry Potter“ bis „Kampf der Titanen“, endlich mal wieder eine sympathische Rolle spielt, tut wirklich alles, um seine Gäste zu beglücken. Auch nachts, in deren Suiten.

Als eine 87-jährige Gräfin stirbt und ihm ein wertvolles Gemälde vererbt, verübeln ihm das die Nachkommen und unterstellen ihm, er habe die Greisin gemeuchelt. Das teure Gemälde können der Concierge und der Lobby Boy noch beiseite schaffen. Aber dann landet Monsieur Gustave im Kittchen. Und der Lobby Boy muss ihn, mit seiner großen Liebe, einer Süßspeisenbäckerin, befreien.

Andersons Puppenkiste

Wes Anderson versetzt seine große Farce über Verrat und Freundschaft in ein höchst fantasievolles, kunstvoll künstliches Paralleluniversum. Die niedlichen Außenansichten verleugnen nicht die Pappmaché-Kulisse, sie unterstreichen sie noch durch eingestreute Trickfilmmomente. Die Schauspieler spielen betont artifiziell wie Slapstickfiguren des frühen Kintopp. Und für den Prolog reichen dem Film nicht ein, nicht zwei, nein er braucht gleich vier Rahmenhandlung. Mit jeder Rückblende klappt ein neues Türchen auf, wie bei der Augsburger Puppenkiste. Ja, ein guter Vergleich. Andersons Puppenkiste: So könnte man das Oeuvre des amerikanischen Wunderregisseurs bezeichnen. Der immer ein höchst skurriles Kuriositätenkabinett aufeinanderprallen lässt und mit trockenstem Witz für größtes Amüsement sorgt.

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Die „Royal Tenenbaums“ zielten noch auf die amerikanische Oberschicht, die „Tiefseetaucher“ tauchten unter die Meeresoberfläche, „Darjeeling Limited“ suchte sein Seelenheil im indischen Nirgendwo. Und mit „Grand Budapest Hotel“ ist der ewig jung wirkende Regisseur nun im alten, sterbenden Europa zwischen den Kriegen angekommen. Eine Ära, die er auch mit den Stilmitteln jener Zeit, mit Slapstick und überdrehter Mimik auferstehen lässt. Wo andere Filmemacher in unseren postmodernen Zeiten ihre Werke gern mit ironischen Zitaten aus der Filmgeschichte würzen, bewahrt sich Anderson einen unschuldig-naiven Blick, was stets liebevolle Hommage ist, aber nie als schales Deja-Vu wirkt.

Große Stars in Kleinstauftritten

Unglaubliche, welche Stardichte seine Filme aufweisen. In „Grand Budapest Hotel“ gibt es nicht nur Neuzugänge wie Ralph Fiennes, Jude Law und Saoirse Ronan, sondern auch Stammgäste wie Tilda Swinton, Owen Wilson und immer wieder Bill Murray, teils in Kleinstauftritten. Man sollte sich jedweden Gang aufs Klo tunlichst verkneifen, sonst hat man einen, wenn nicht zwei Kurz-Auftritte verpasst.

„Grand Budapest Hotel“ ist der ideale Berlinale-Eröffnungsfilm. Nicht nur wegen der guten Laune, in die er einen flugs versetzt und die Lust macht auf die kommenden zehn Tage. Nicht nur, aber schon auch wegen der Star-Dichte. Das Filmplakat ist nicht zufällig wie ein Western-Steckbrief entworfen. Auch ein Festivalleiter ist ja so etwas wie ein Kopfgeldjäger, der dafür sorgen muss, so viele Stars wie möglich einzufangen. Unvergessen bleibt Dieter Kosslick seine dritte Berlinale, die er 2004 mit „Unterwegs nach Cold Mountain“ eröffnete, ein Star-Vehikel, zu dem dann aber nicht ein einziger Star angereist war. Das soll ihm nie wieder passieren. Andersons „Hotel“ ist in der Hinsicht ein Geschenk: Er bietet mehr Stars als mancher Berlinale-Jahrgang.

Auch Dieter Kosslick ist ein Monsieur Gustave

Dann ist „Hotel“ vom Studio Babelsberg mitproduziert und dort und in „Görliwood“ gedreht worden. Ein Heimspiel also. Vor allem aber hat Kosslick mit diesem Eröffnungsfilm Wes Anderson rückerobert. Der ist ja eigentlich seine Entdeckung, sein erster großer Film „Royal Tenenbaums“ lief 2002 auf der ersten Berlinale, die Kosslick leitete, 2005 lief hier auch „Die Tiefseetaucher“. Mit „Darjeeling Limited“ ging Anderson 2007 aber nach Venedig, „Moonrise Kingdom“ eröffnete 2013 gar den Konkurrenten in Cannes. Nun hat Kosslick „seinen“ Anderson wieder. Ein wichtiges Signal im Armdrücken der Festivals.

Und dann: Gleicht nicht auch der Betrieb eines Filmfestivals dem eines Hotelbetriebs, mit all seinen wichtigen, exzentrischen Gästen? Ist nicht auch ein Festivalleiter eine Art Concierge wie Monsieur Gustave? Auch Monsieur Kosslick tut ja so ziemlich alles, um seine Gäste zu beglücken.In diesem Sinne dürfen wir für die nächsten Tage ein Grand Berlin Festival erwarten.

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