Dieter Kosslick

Mr. Berlinale und die Abhängigkeit vom Oscar

Im letzten Jahr feierte Dieter Kosslick seine 10. Berlinale als Festivalchef. Doch auch Kritik wurde laut. Das nagt noch immer an ihm. Mit Morgenpost Online sprach er über die 11. Festspiele.

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Im letzten Jahr konnte Dieter Kosslick ein ganz persönliches Jubiläum feiern: seine 10. Berlinale als Festivalchef. Dabei musste er allerdings viel Kritik einstecken. Jetzt steht seine 11. Berlinale (9.-19. Februar) an, und sein Vertrag ist gerade bis ins Jahr 2016 verlängert worden. Aber die Kritik nagt dennoch an ihm. Wie er damit umgeht und wie die drohende Oscar-Vorverlegung das Filmfestival überschatten könnte, das verriet er im Gespräch mit Matthias Wulff und Peter Zander.

Morgenpost Online: Wie viele Filme muss ein Dieter Kosslick eigentlich für die Berlinale schauen?

Dieter Kosslick: Weit über 200. Die ersten habe ich schon im Juni gesehen. Wir machen übers Jahr viele Sichtungsreisen, ab Herbst sichten wir dann in unserem Hauskino.

Morgenpost Online: Und mal ehrlich: Gucken Sie alle Filme brav durch – oder gehen Sie auch mal früher aus dem Kino?

Dieter Kosslick: Sagen wir mal: nicht alle. Es gibt Filme, da wissen Sie nach zehn Minuten, das macht keinen Sinn. Aber es gibt Filme, da geht es erst nach 30 Minuten los, aber dann wird es richtig gut. Wir haben auch wieder so einen dabei im Wettbewerb. Da müssen Sie anfangs Geduld haben, aber das lohnt sich. Es wäre sehr schade, wenn die Leute zu früh aus dem Kino gehen.

Morgenpost Online: Schauen Sie auch mal einen Film während der Berlinale?

Dieter Kosslick: Nein. Um Gottes Willen. Dann ist doch schon alles vorbei für uns, die Auswahl ist getroffen. Und ich habe genug zu tun, Stars abzuholen, von einem Teppich zum anderen zu flitzen und pro Tag ca. 50 Termine zu absolvieren.

Morgenpost Online: Am Dienstag werden die Oscar-Nominierungen bekannt gegeben. Müssen Sie Brett Ratner eigentlich dankbar sein für seine schwulenfeindlichen Äußerungen? Er musste deshalb als Oscar-Produzent zurücktreten, daher findet die Oscar-Verleihung in diesem Jahr noch wie gewohnt statt. Langfristig soll sie nach vorn verschoben werden. Das könnte der Berlinale schaden.

Dieter Kosslick: Nein, über solche Äußerungen muss man wahrlich nicht dankbar sein. Aber es stimmt: Dieser Eklat hat die Diskussion über die Vorverlagerung erst mal verdeckt. Das dauert jetzt bestimmt ein, zwei Jahre. Die Diskussion, ihn schon auf Ende Januar zu terminieren, ist ja verstummt, darüber hört man zurzeit gar nichts mehr. Und ich habe mir vorgenommen, mir da auch weiter keine Gedanken zu machen, bis es vielleicht dann doch passiert. Jetzt freuen wir uns erst einmal über den Oscar: Unser Bärengewinner „Nader und Simin: eine Trennung“ hat gerade einen Golden Globe für den besten ausländischen Film gewonnen und er ist in der Short List für den Auslands-Oscar – zusammen mit Wim Wenders „Pina“, der gleich zwei Nominierungen erhielt.

Morgenpost Online: Bis vor kurzem hätten Sie noch sagen können: Die Oscar-Diskussion tangiert mich nicht mehr. Aber gerade ist Ihr Vertrag, der 2013 geendet hätte, verlängert worden.

Dieter Kosslick: Viel machen können wir sowieso nicht. Es gibt Leute, die meinen, das wäre für die Berlinale sogar besser, wenn wir aus diesem ganzen Oscar-Zeitplan raus sind. Der macht uns das Geschäft ja nun wirklich nicht einfacher. Wobei sich momentan generell etwas verschiebt, da Filme weltweit gleichzeitig gestartet werden. Aber wenn wir von der Berlinale reden, betrifft das am Ende letztlich nur vier bis sechs Filme. Dann reden wir darüber, dass wir leider Eastwoods Hoover-Film oder Scorseses großartigen „Hugo“ im Wettbewerb nicht zeigen können, da sie bereits weltweit vor der Berlinale im Kino sind. Andererseits haben wir es geschafft, eine amerikanisch-russische Weltpremiere mit großen Hollywoodstars auf die Berlinale zu bekommen. Und auch sonst wird Hollywood hier vertreten sein. Das bedeutet wohl auch, dass das Festival doch als ganz gesund eingeschätzt wird. Sonst würden sie längst nicht mehr kommen. Im Filmgeschäft geht das ja ganz schnell. Wenn da einer sagt, die Ampel ist rot, sagen das alle.

Morgenpost Online: Gab es denn je in einem Ihrer Berlinale-Jahre ein Jahr, in dem Sie glaubten, die Ampel sei rot?

Dieter Kosslick: Nein, das Gegenteil ist der Fall. Sie wird ja immer grüner. Man sieht das an unserem Filmmarkt, bei dem wir, das hätte man vor drei Jahren in der Rezession noch nicht geglaubt, langsam Kapazitätsengpässe haben. Wir werden im nächsten Jahr wahrscheinlich erheblich investieren müssen, um alle Bedürfnisse an Spielstätten und an Technologie zu erfüllen. Als damals die Berlinale an den Potsdamer Platz kam, hat wohl niemand daran gedacht, dass das Festival und der Markt einmal an Kapazitätsgrenzen stoßen könnten.

Morgenpost Online: Ist die Kapazitätsherausforderung rein technischer Art oder hängt das auch mit der immer größeren Nachfrage zusammen? Sie gewinnen ja immer mehr Kinos für die Berlinale hinzu, aber trotzdem sind die Säle immer platzvoll und können die Nachfrage nicht stillen.

Dieter Kosslick: Ja, die Nachfrage lässt nicht nach. Das ist ja aber auch ein Hauptbestandteil der Kritik, die wir abbekommen: dass die Berlinale in die sogenannte Breite geht. Wir haben in diesem Jahr mit dem frisch renovierten Haus der Festspiele in der Schaperstraße ein neues Kino mit 900 Plätzen dazugewonnen, expandieren also noch mal mehr in den Westen. . Spätestens dann dürfte unser Konzept abgeschlossen sein und mehr Nähe zum Publikum geht eigentlich nicht mehr als mit unserem Kiez-Kino.

Morgenpost Online: Sie werden geschätzt als der Mann, der aus dem Film- ein Stadtfestival gemacht hat. Kritik gibt es aber doch eher am Wettbewerb, dem Schaufenster eines jeden Festivals.

Dieter Kosslick: Wenn Sie ins Archiv gehen, dann gibt es diese Kritik seit 61 Jahren. Mal mehr, mal weniger hart. Das gehört aber offensichtlich zu einem Festival dazu. Wir hatten schon mal schwächere Jahrgänge, aber 2011 gehört nun gerade nicht dazu. Wir hatten immerhin „Nader und Simin“, „Pina“, „True Grit“ – und „Almanya“ hatte danach fast zwei Millionen Zuschauer in den Kinos. Man darf auch mal über Kinoerfolge reden. Vor drei Jahren hat „Der Spiegel“ mal vom „Flopmacher Kosslick“ geschrieben, weil die Filme angeblich nicht ins Kino kamen. Moritz de Hadeln, der diese Kritik ja 23 Jahre ausgehalten hat, wurde immer vorgeworfen, seine Berlinale sei nur eine Marketing- und Abschussrampe für die Hollywoodschinken. Bei meiner ersten Berlinale habe ich „A Beautiful Mind“ gezeigt, mit Russell Crowe. Da wurde mir gesagt, wenn du das tust, dann wirst du abgeklatscht. Aber dann hat er noch während der Berlinale, schöne Zeiten waren das, acht Oscar-Nominierungen erhalten. Ich nehme die Kritik durchaus ernst, aber man muss sie auch im gesamten Kontext sehen.

Morgenpost Online: Prallt die Kritik inzwischen an Ihnen ab? Wird man da dickhäutiger mit den Festivaljahren?

Dieter Kosslick: Ganz und gar nicht. Ich habe vielleicht gelernt, damit besser umzugehen. Aber ich nehme mir das schon immer noch sehr zu Herzen. Was da so über einen geschrieben wird… Aber ich bekomme auch immer wieder zu hören, ich sollte mich mal nicht so anstellen, ich würde gut wegkommen. Und was oft vergessen wird: Das Lob und die Begeisterung für die Berlinale überwiegt bei weitem.

Morgenpost Online: In Venedig hat man gerade vom besten aller Jahrgänge geschrieben. Steht man da noch einmal unter einem ganz besonderen Erwartungsdruck?

Dieter Kosslick: Aber Venedig ist ja doch ein anderes und anders strukturiertes Festival. Da kaufen sich zum Beispiel nicht 300.000 Zuschauer eine Karte wie in Berlin. Ich bewundere Marco Müllers Direktorenkunst: Er hat Festivals in Rotterdam, Locarno, Venedig geleitet. Auch Moritz de Hadeln: Die haben ihr Leben lang nichts anderes getan als Festivals zu leiten und deshalb eine viel größere und längere Erfahrung. Gerade für den Arthouse-Sektor sind langjährige Verbindungen wichtig. Wir haben die natürlich auch. Für den ‚roten Teppich Film' ist aber absolut entscheidend, wann die Saison ist für diese Filme. Das Festival in Venedig liegt genau einen Monat vor der Herbstsaison. Das ist gut für die Oscar-Anwärter. In dieser Luxussituation sind wir nicht mehr. Trotzdem: Hollywood wird auch dieses Jahr in Berlin sein.

Morgenpost Online: Schlägt sich die Eurokrise auf Ihr Festival nieder?

Dieter Kosslick: Nein. Im Kino gibt es keine Eurokrise. Bei der Medienbranche zeichnet sich ab, dass weniger Journalisten reisen dürfen. Aber bei den Filmdelegationen, beim Publikum und den Marktbesuchern – gar nicht. Auch die Griechen kommen. In diesem Jahr haben wir sogar einen griechischen Film im Wettbewerb.

Morgenpost Online: Brauchen Sie eigentlich nach dem Festival eine Auszeit, um sich zu erholen?

Dieter Kosslick: Nein. Einfach so ins Kino zu gehen ist ein großes Vergnügen. Ich gehe gerne mit meinem Lütten ins Kino. Aber es muss nicht gleich am Montag nach dem Festival die Kindervorführung morgens um 11 Uhr sein.

Mr. Berlinale und seine Gäste

Der Chef: Dieter Kosslick, 1948 in Pforzheim geboren, war lange Jahre als Filmförderer tätig; zunächst im Hamburger Filmbüro, dann beim Film-Fonds in Hamburg und schließlich, ab 1992, als Geschäftsführer der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen. Am 1. Mai 2001 trat er sein neues Amt als Berlinale-Chef an. Er löste Moritz de Hadeln ab, der diese Position 23 Jahre lang ausgefüllt hatte.

Das Festival: Die 62. Berlinale (9.-19. Februar) wird eröffnet mit „Les adieux à la reine“ über die Französische Revolution. Im Wettbewerb laufen Filme von Stephen Daldry, Christian Petzold, Zhang Yimou und Werner Herzog, auch Billy Bob Thornton und Angelina Jolie stellen sich als Regisseure vor. Der Ehrenbär geht an Meryl Streep. Gefeiert wird auch der 100. Geburtstag der Filmstudios Babelsberg.

Die Stars: Als Gäste erwartet werden u.a.: Diane Krüger und Virginie Ledoyen zur Eröffnung, Bollywood-Supernase Shah Rukh Khan, die Französinnen Juliette Binoche und Isabelle Huppert, die Briten Clive Owen und Ewan McGregor, der Däne Mads Mikkelsen, die Deutschen Nina Hoss und Martina Gedeck und die Hollywoodstars Sandra Bullock, Robert Pattinson, Uma Thurman und Charlize Theron.