In London soll er dem Sicherheitspersonal am Flughafen ein Autogramm auf den Ausdrucken seines Nacktscans gegeben haben. Das dürfte wohl der Traum vieler Millionen Fans in aller Welt sein. Ein Autogramm von Shah Rukh Khan auf einem so persönlichen Dokument – unfassbar.

Millionen sind es nicht, die sich am Potsdamer Platz aufhalten, in der Hoffnung, den indischen Bollywood-Star wenigstens von Ferne zu sehen, der bei der 60. Berlinale seinen neuen Film „My Name is Khan“ vorstellt. Aber es sind viele – richtig viele. Schon am Donnerstagabend hatten Dutzende von ihnen vor dem Eingang des Hotel The Regent am Berliner Gendarmenmarkt gestanden, in der Hoffnung dort an das Ziel ihrer Träume zu gelangen.

Hunderte sind es, die am Freitagnachmittag um 16.30 Uhr am Seiteneingang des Grand Hyatt stehen, wohin Khan zur Pressekonferenz kommen sollte. Weitere Hunderte stehen zur gleichen Zeit im Schneematsch vor dem Berlinale-Palast und warten. Wohl gemerkt: Die Premiere dort sollte erst um 22.30 Uhr beginnen. Vorher gehen über diesen Teppich noch Pierce Brosnan und Ewan McGregor. Hoffentlich haben die Khan-Fans Verständnis für die „Vorband“.

Khan zeigt sich in dem Film über weite Strecken gar nicht so bollywoodmäßig wie erwartet. Wenig Farbe, wenig bunte Saris, wenig tanzende, singende Menschen in dem Streifen. Schließlich handelt er von einem autistischen Inder, der nach dem Tod seiner Mutter in die USA reist.

Jahre lebt er glücklich, bis schließlich 2001 muslimische Terroristen die Twin Towers zum Einstürzen bringen. Danach wird seine Familie immer stärker diskriminiert – das Schicksal nimmt seinen Lauf. Und was für ein Schicksal – eine ganz andere Rolle für Khan. Sehr ernst, sehr traurig, aber natürlich sehr, sehr emotional, liebenswürdig. Und er sieht unschlagbar gut aus. Auch wenn er sich im Film nicht gern umarmen lässt.

Wäre das auch im echten Leben so – das Leiden seiner Fans wäre wohl noch größer. Ihn umarmen, das wäre es, träumt Sylvia aus Frankfurt/Hanau. Sie steht seit 16.45 Uhr vor dem Berlinale-Palast und etwas Größeres als eine Umarmung ist kaum denkbar. „Na ja, aber daraus wird nichts, das ist schon klar“ ruft sich die Mittdreißigerin sofort hinterher zur Ordnung. Aber einmal ihn sehen, wenigstens das.

Um 6.30 Uhr ist sie mit ihrer Freundin Mona losgefahren. Sie erzählt, sie habe bis abends geweint, nachdem sie online keine Karten für eine Aufführung des Films während der Berlinale bekommen hat. Ihr achtjähriger Sohn habe dann ganz besorgt gefragt, was los ist. Wissen die Organisatoren des Filmfestivals eigentlich von solchen Szenen?

Eine dritte Frau, mehr noch ein Mädchen, kommt dazu und erzählt, sie habe schon seit nachts um 1 Uhr nicht mehr schlafen können vor Aufregung. Zitternd stehen die drei am Rande des roten Teppichs – und wie immer können sie nicht einmal sicher sein, dass sie an der richtigen Stelle stehen.

Bei der Pressekonferenz ist das Interesse wohl irgendwie anders gelagert. Das Interesse ist gut – aber nicht zu vergleichen mit dem Auflauf, den Brosnan und McGregor verursacht haben. Doch kaum, dass Khan den Raum betreten hat, richtet sich das Interesse beinah nur auf ihn. Khan wickelt sie um den Finger. Khan spielt gleich mehrere Rollen: gibt abwechselnd kokette Antworten in Bezug auf sein Aussehen („Ich sehe jedes Jahr besser aus.“), bringt Frauen ins Schleudern („Morgen werde ich Sex haben.“), gibt den bescheidenen Jungen aus einfachen Verhältnissen, der im Grunde immer noch derselbe geblieben ist – und wendet sich ab vom Friede-Freude-Bollywood-Image.

Er wolle zwar keine Politik machen, sondern die Menschen erfreuen und zum Lächeln bringen, aber er akzeptiere alle Ideologien und sei bereit, über alles zu reden. Und immer wieder: riesige Komplimente an seine deutschen Fans. Er bewundere sie für ihre Freundlichkeit und bedanke sich für den warmherzigen Empfang. Irgendwie zu schön, um wahr zu sein. Irgendwie quietschbuntes Bollywood.

Am Ende sind die Journalisten nicht anders als Sylvia und Mona draußen am Potsdamer Platz. Sie stehen an, um ein Autogramm zu bekommen. Doch Shah Rukh Khan hält draußen, was er drinnen gesagt hat. Er bedankt sich bei seinen Fans, gibt unzählige Unterschriften, lässt sich mit ihnen fotografieren, wirft Kusshände ins Publikum. Die Traummaschine Bollywood funktioniert auch im Schneematsch.