Konzert in Berlin

Bei Dieter Thomas Kuhn trifft Woodstock auf die Waldbühne

Mit Schlaghosen und Blümchenkleid: 20.000 Zuschauer gehen mit Dieter Thomas Kuhn auf eine Zeitreise in die 70er-Jahre.

Dieter Thomas Kuhn (r.) bei seinem Konzert in der Berliner Waldbühne im August 2016

Dieter Thomas Kuhn (r.) bei seinem Konzert in der Berliner Waldbühne im August 2016

Foto: Pop-Eye

Glitzerhosen und Pilotenbrillen, Blumenkleider, Trompetenärmel, Rüschenhemden. Woodstock ist wieder zurück. Zumindest die Berliner Version. Denn Dieter Thomas Kuhn, die singende Föhnwelle, hat am Sonnabend in die Waldbühne geladen. Zum alljährlichen Feiern von Frieden, Freundschaft, Liebe. Und vor allem: sich selbst. 20.000 Zuschauer sind dieses Mal gekommen, um ihn die besten deutschen Schlager singen zu hören. Fast ausverkauft also. Schon in der S-Bahn Richtung Open-Air-Bühne, S5 Höhe Bellevue, zwei Stunden vor dem Konzert, schwappt schrilles Sekt-Gelächter durch die Wagons, dass die Plastikperlenketten klackern.

Schlaghosenbeine reiben aufgeregt aneinander. „Was ein Wetterchen dieses Jahr, wa?“ „Habt ihr Wechselunterwäsche dabei? Wir heizen gleich so richtig ein.“ Gejohle aus dem Afro-Perücken-Abteil. Ein Blumenmädchen kichert: „Ich hab zwei Roller Deo dabei, dat läuft.“ Darauf eine Dose Seccini mit Holundergeschmack. Stöööößchen. Nur dass eins klar ist: Heute. Wird. Gefeiert.

Als wären die 70er-Jahre mit dem Elektroschocker wiederbelebt

Es ist unausgesprochene Tradition, sich zu Dieter Thomas Kuhn Konzerten im Flower-Power-Look zu verkleiden, als wären die 70er-Jahre mit dem Elektroschocker wiederbelebt. Je bunter, desto besser. Man kennt sich ja auch schon. Vom letzten Jahr oder dem davor. „Eure Kostüme werden auch jedes Jahr geiler.“ „Und eure erst, echt der Hammer.“ Zwei Touristen gucken irritiert, fangen an zu tuscheln. Die Kuhnis, wie sich die Fans von Kuhn nennen, zucken die Achseln. Jeden Sommer sind sie dabei, wenn Kuhn „Aber bitte mit Sahne“, „Sag mir quando, sag mir wann“ oder „Ti amo“ schmettert.

Jedes Jahr sehen sie seine Schlaghose im Licht des Sonnenuntergangs auf der Waldbühne funkeln, sein künstliches Brusthaar so üppig aus dem Ausschnitt quillen, als würde es versuchen, bis in die ersten Reihen vorzudringen. Man kommt ja auch nicht wegen der unschlagbaren Schlager. Nein, man kommt wegen dieses Gefühls. Bisschen Ballermann, bisschen 70er-Party. Texte zum Mitgrölen, Discofox-Beats zum Mittanzen. Ein Abend Kuhn in Höchstform, das ist wie Rosenmontag im Spätsommer. Nur eben wärmer.

Die vollen Ränge der Waldbühne leuchten so bunt, dass die neonorangenen Uniformen des Sicherheitspersonals nicht weiter auffallen. Laola-Wellen fließen über die ausgestreckten Arme des Publikums, Sonnenblumen und Bierbecher werden nach oben gereckt. Ein Chor skandiert "Diiiiieter". Der tänzelt, ein haushohes Peace-Zeichen als stumme Mahnung zur Heiterkeit im Rücken, um Punkt 20.15 Uhr auf die Bühne. Die Haare perfekt eingerollt, das Kostüm glitzert im Elvis-Chic.

"Die geilsten Pokémons sind nämlich auf der Bühne"

Er wolle eins klarstellen, sagt Kuhn zu Beginn. „Ihr könnt mit euren Handys machen, was ihr wollt, aber sucht keine Pokémon. Die geilsten Pokémon sind nämlich auf der Bühne.“ Wenn Kuhn so etwas sagt, zwischen „Quando“ und „Schön ist es auf der Welt zu sein“, grölen die Reihen. Kuhn balanciert seine Bühnenfigur auf dem sehr schmalen Grad zwischen Satire und Lust am Kitsch. Seine Schlagerinterpretationen kommen nicht ohne Übertreibung aus. Und auch nicht ohne ein Augenzwinkern unter der Haarspraytolle.

Dass er damit seit fast 20 Jahren Open-Air-Stadien füllt, das ist nur im ersten Moment ein bisschen kurios. „Bei all den schlechten Nachrichten habe ich jetzt eine schöne für euch. In Griechenland gibt es jetzt guten Wein“, schreit Kuhn ins Mikro. Und während er da so im Glitzerfummel über die Bühne jagt, die Zuschauer irgendwas vom Wein krakeelen, kaum einer weiß ja noch, wie es weitergeht nach „Komm schenk mir ein“, da wird offensichtlich, warum Kuhn den Menschen Spaß macht. Weil er und seine Schlagerparade so herrlich aus der Zeit gefallen sind. Sein Konzert verspricht viel mehr die Wiedergeburt dessen, was man immer als die gute alte Zeit bezeichnet. Zumindest einen Abend lang. Tanze Samba mit mir, Samba Samba die ganze Nacht.

Neonfarbenes Make-up, Abba-Outfits und Freie-Liebe-Rufe

Kuhn, der in diesem Jahr seinen 51. Geburtstag feierte, hat aber nicht immer so Spaß am Schlagercovern gehabt wie heute. Anfang der 00-er Jahre versucht sich der Tübinger an Deutschpop und Schauspielerei. Scheitert. Kehrt mit seiner Band, der Kapelle, 2004 wieder als Schlagerinterpret auf die Bühne zurück. „Wir können es auch von Jahr zu Jahr nicht glauben“, sagt er. Diese Open-Air-Konzerte, die seien überwältigend. Die Masse, na klar, johlt wieder.

Eine Zielgruppe hat er nicht. Das ist auch unter Lockenperücken, neonfarbenem Make-Up, Abba-Outfits und Freie-Liebe-Rufen erkennbar. Kuhn hält es mit der Musik wie jedes Schützenfest mit der Blaskapelle. Wenn es um Conny Kramers Tod geht oder um Jürgen Marcus’ neue Liebe, die wie ein neues Leben ist – „nananananana“ – gibt es einfach kein Zielpublikum mehr. Spätestens nach drei Bier ist man mit dabei. Beim Schützenfest und bei Kuhns Schlagermix. Der solariumgebräunte Bodybuilder mit Stiernacken, der sich zur Feier des Jahres einen pinken Hut auf sein kahles Haupt gesetzt hat, genauso wie die Fußballer unter ihren gigantischen Malle-Strohhüten. „Scheiß drauf, Dieter ist nur ein Mal im Jahr“, kann man auf einem T-Shirt lesen.

Und immer kommt doch noch ein weiterer Schlager

Kuhn singt immer weiter. Von Peter Alexanders kleiner Kneipe zu Udo Jürgens, der nicht genug von Sahne bekommt. Zwischendurch gibt es ein paar Glückskeksweisheiten – „Was wir haben, was wir sind, es spielt keine Rolle“ – und ein paar humoristische Anekdoten. Dass Kuhn auf einem SM-Boot über den Bodensee gefahren sei, mit Maske und allerlei Verkleidungen zum Beispiel. Und immer wenn man denkt, jetzt ist er aber durch mit den Schlagern der letzten Jahrzehnte, da setzt er zu einem neuen Song an. Anita!

Dass Kuhn mit all den Sängern mithalten kann, die er so gern kopiert, das beweist er noch einmal am Ende der Show. Da sitzt er in einem wadenlangen, weißen Fransenmantel an einem Flügel, Nebel strömt über die Bühne, ein Kandelaber beleuchtet die blonde Haarrolle, und Kuhn tanzt langsam über die Tasten. Er singt mit geschlossenen Augen „Für immer und dich“. Und während Feuerwerkskörper in der Luft zerknallen, scheint Kuhn seine Kunstfigur für einen Moment am Bühnenrand stehen zu lassen.

"Verdammt, war das geil", schreit jemand beim Hinausgehen. „Nächstes Jahr, da kommen wir wieder.“ Der Kartenvorverkauf startet schon jetzt. Die Tradition geht also weiter.