Berliner Legende

Im Hotel Bogota wurde der Mythos Kurfürstendamm erlebbar

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Annette Kuhn
Der Baldachin vor dem Eingang war das Markenzeichen des Hotel Bogota

Der Baldachin vor dem Eingang war das Markenzeichen des Hotel Bogota

Foto: rbb/Heiner Müller-Elsner

Ilja Richter hat einen Film über das legendäre Hotel Bogota gedreht. Der frühere Chef will jetzt die Erinnerung am Leben erhalten.

Das H war am Schluss besonders ramponiert. Vom Weitem waren die Schäden nicht zu sehen, aber wer näher heranging, an den Baldachin, der vor dem Hotel Bogota den Bürgersteig der Schlüterstraße überspannte, der sah es doch. Aber da war es ja ohnehin schon zu spät. Am 1. Dezember 2013 hatten die letzten Übernachtungsgäste aus dem legendären Haus ausgecheckt, drei Wochen später schloss Hotelier Joachim Rissmann die Tür hinter sich. Für immer.

Drei Generationen der Hoteliersfamilie treten unter den Baldachin, das Haus dahinter ist dunkel. Das ist auch die letzte Einstellung eines Dokumentarfilms über das Hotel, der am Dienstag im RBB gezeigt wird. Es ist eine melancholische Erinnerung - an die vielen Ereignisse, die das Haus in seinem gut 100-jährigen Bestehen erlebt hat, davon die Hälfte als Hotel.

Grund zur Hoffnung gab es am Schluss nicht mehr

Und es ist eine Erinnerung an die letzten Wochen vor der Schließung, als Familie Rissmann, Mitarbeiter und Freunde des Hauses immer noch gehofft haben, dass doch noch etwas passieren würde, irgendetwas, das seinen Erhalt sichern würde. Grund zur Hoffnung gab es am Schluss eigentlich nicht mehr. Das Hotel mit seinen 115 Zimmern hatte Schulden. Am Schluss in sechsstelliger Höhe. Der Eigentümer Thomas Bscher hatte gekündigt. Bereits im Frühjahr, doch dann wurde die Kündigung noch einmal ausgesetzt. Und damit stieg auch die Hoffnung.

Aber die Mietschulden wuchsen weiter, die Gästezahlen hingegen nicht. Dem Preiskampf der Berliner Hotelszene konnte das Haus, dessen Zimmer teils kein eigenes Bad hatten, nicht standhalten. Nur als es dann hieß: Das war’s, Ende November ist endgültig Schluss, da war es noch mal voll im Haus. Schauspieler, Fotografen, Künstler reisten an, um noch mal wehmütig eine Nacht hier zu verbringen, wo sie einst gearbeitet oder einfach nur geschlafen hatten. Auch Berliner verließen für einen Tag ihre Wohnung und betteten sich stattdessen im Hotel, um in Erinnerungen zu schwelgen. Manche kamen auch zum ersten Mal vorbei, um diesen historischen Ort zu sehen, bevor es zu spät war oder um bei der Auktion, bei der das Interieur verkauft wurde, um wenigstens einen Teil der Schulden zu begleichen, ein Erinnerungsstück zu ergattern.

Die Einrichtung wirkt wie aus der Zeit gefallen

Gebaut wurde das Haus nahe dem Kudamm 1911, zunächst als Wohnhaus. In den 30er-Jahren hatte Yva, einst Deutschlands berühmteste Modefotografin im obersten Stock ein Atelier. Ihr wichtigster Schüler: Helmut Newton. Während der Nazizeit war das Haus Sitz der Reichskulturkammer, nach dem Krieg dann Entnazifizierungsbehörde für den Kulturbereich. 1964 eröffnete das Hotel Bogota.

Seit 1976 wurde es von der Familie Rissmann geführt, erst von den Eltern, dann vom Sohn, Joachim Rissmann. Die Einrichtung des Hotels wirkte wie ein Streifzug durch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, der irgendwo in den 60er-Jahren verharrt war. Ein bisschen aus der Zeit gefallen. Das Schnurtelefon im grünen Salon, die abgewetzten Läufer, der Aufzug, der manchmal ruckelte und einen Extra-Schubs brauchte.

Die Mutter des Regisseurs hat selbst lange in dem Hotel gelebt

Gedreht wurde die Dokumentation von Schauspieler Ilja Richter. Es ist sein erster Dokumentarfilm, aber kein Zufall, dass sich ausgerechnet er mit dem Hotel beschäftigt hat. Schließlich hat seine Mutter, eine jüdische Schauspielerin, die unter falschem Namen die Nazi-Zeit überlebt hat, lange im Hotel gewohnt. Richter lässt im Film auch Hanna Schygulla die Geschichte seiner Mutter erzählen. Schygulla war leicht dafür zu gewinnen, denn auch sie hat bis zuletzt noch auf ein Wunder gehofft. „Vielleicht passiert noch etwas“, sagt sie im Film.

Auch Regisseur Dani Levy, Dieter Hallervorden, Jim Rakete kommen zu Wort. Und die Berliner Historikerin Birgit Jochens, die jahrelang Museumsleiterin der Villa Oppenheim war. Der Mythos Kurfürstendamm werde erlebbar in diesem Hotel, hier „wird Geschichte kondensiert wie in einem Flakon.“ Wurde, muss man heute sagen. Hotels wie das Bogota haben heute keinen Platz mehr am Kudamm, der seit Jahren immer mehr auf Luxus und Erneuerung setzt.

Die Ausstellungskultur aus dem Hotel soll wiederbelebt werden

Joachim Rissmann hat das Haus in der Schlüterstraße 45 seit der Schlüsselübergabe nicht mehr betreten. Aber er stand schon manchmal davor, während die Umbauarbeiten auf Hochtouren liefen. Statt eines Hotels gibt es jetzt oben Büros und unten teure Geschäfte. Ein Küchendesigner ist schon da. „Mein damaliges Büro ist darin aufgegangen“, hat der 52-Jährige durch die Fenster gesehen. Die Wehmut ist in seiner Stimme nicht zu überhören.

Der Baldachin ist längst verschwunden, nun ist auch das Gerüst vor dem Haus weg. Aber auf dem Bürgersteig vor dem Haus, ist noch der Schriftzug eingelassen, „aber der wird wohl auch verschwinden“, glaubt er. Für Rissmann war die Aufgabe des Hotels ein tiefer Einschnitt in seinem Leben. Die letzten zwei Jahre hat er sein Geld vor allem mit Büroarbeit verdient. Aber den Traum, noch einmal Gastgeber zu werden, hat er nicht aufgegeben. Vielleicht könnte er dann auch Relikte der Bogota-Einrichtung wieder zum Leben erwecken.

Schau West:Berlin hat dem Bogota einen eigenen Raum gewidmet

Vieles, was er 2013 nicht verkauften konnte oder wollte, befindet sich heute in einem Lager. Auch einer der beiden Schriftzüge mit den ramponierten Buchstaben des „Hotel Bogota“ vom Baldachin, der zweite ist im Buchstabenmuseum gelandet. Gerade hat Rissmann eine neue Wohnung bezogen, „dort werde ich jetzt erst einmal ein Bogota-Zimmer einrichten - mit den grünen Sesseln aus dem früheren Kabinett und mit der rot-goldenen Anmutung des früheren Foyers“. Zwischendurch war das Kabinett auch in der Ausstellung West:Berlin im Ephraim-Palais in Mitte gezeigt worden, wo ein ganzer Raum dem Hotel gewidmet war.

Rissmann selbst plant im kommenden Jahr auch wieder Ausstellungen, wie er es früher im Hotel gemacht hat. Der dort so beliebte Photoplatz, soll zunächst viermal im kommenden Jahr in einem Pop-up-Store in der Schlüterstraße – was für ein Zufall – stattfinden. Die erste Ausstellung ist im Januar dem Fotografen Fred Hüning gewidmet. sie ist für den früheren Hotelier Erinnerung und Neuanfang zugleich. Jetzt, mit dem Abstand von zwei Jahren, will er auch die Internetseite des Hotel Bogota wieder pflegen. „Eine Erinnerungsseite könnte das sein, mit Bildern, vielleicht auch dem Film und allem was jemals an diesem Ort stattgefunden hat.“

Hotel Bogota - Eine einmalige Geschichte, von Ilja Richter, RBB, Dienstag, 22.45 Uhr Der Photoplatz mit Fred Hüning wird am 14. Januar im neuen Projektraum Mendelssohnstochter & Gäste, Schlüterstraße 68, (Eingang Pestalozzistraße) eröffnet.