Waldbühne Berlin

Noch lange nicht in Rente: Black Sabbath rocken Berlin

Bei Black Sabbath herrscht in der ausverkauften Waldbühne von der ersten Minute an Stadionstimmung. Und Ozzy Osborne hält wacker durch.

Ozzy Osbourne ist gut drauf

Ozzy Osbourne ist gut drauf

Foto: dpa

Wie anders wäre die Rockgeschichte verlaufen, hätte sie sich diese Band einen anderen Namen ausgesucht! Vor Veröffentlichung ihres Debüts hießen sie zuerst wenig schauerlich "Polka Tulk Blues Band", dann hörten sie eine Zeit lang auf den Namen „Earth“, was aber eine gleichnamige Band aus England auf den Plan rief und Sänger Ozzy Osbourne auf die seltsame Idee brachte, die Gruppe „Jimmy Underpass And The Six Way Combo“ zu nennen.

Glücklicherweise entschieden die vier jungen Männer aus der britischen Arbeiterstadt Birmingham dann aber doch, sich nach einem ihrer ersten Songs zu taufen: „Black Sabbath“. Nur unter diesem Namen konnten sie ihren ureigenen okkulten Sound kultivieren, der den Optimismus der Flower-Power-Ära in sein Gegenteil verkehrte und bereits Anfang der 70er Heavy Metal und alle anderen härteren Gangarten der Rockmusik vorwegnahm.

Mit jenem namengebenden Stück, das ihr Debütalbum aus dem Jahr 1970 eröffnete, beginnen Black Sabbath dann auch ihr Konzert in der ausverkauften Waldbühne. Zu den Glockenschlägen des Intros tippelt Frontman Ozzy Osbourne um punkt 20.10 Uhr in einem schwarzen Umhang auf die Bühne, gefolgt von seinen ebenso in schwarz gekleideten Bandkollegen Geezer Butler und Toni Iommi.

Ein Gewitter entfacht sich überr der Waldbühne

Obwohl die Sonne noch die Augen blendet, schaffen es die stramm auf die 70 zugehenden Musiker innerhalb weniger Minuten ein Gewitter über der Arena zu entfachen. Grollend fährt ihr bleischwerer Blues-Hardrock über die Ränge, auf denen die Zuschauer fast ausnahmslos in die Höhe schnellen. Sie wissen, dass sie gerade einen der letzten Auftritte einer der einflussreichsten noch lebenden Bands des Planeten erleben.

Nach fast 50-jähriger Bandgeschichte voller Drogen- und Egoprobleme, turbulenter Besetzungswechsel und dem respektablen, vor drei Jahren veröffentlichten Reunionsalbum „13“ soll nach der aktuellen Tournee endgültig Schluss sein.

Von der legendären Urbesetzung der „Ozzy-Ära“ zwischen 1970 und 1979 fehlt nur Schlagzeuger Bill Ward, der aufgrund eines von ihm als untragbar empfundenen Vertrags der großen Abschiedstournee fernbleibt. Er wird ersetzt durch Tommy Clufetos der mit seinen 36 Jahren das hohe Alter der anderen Bandmitglieder noch spürbarer macht. Wo Ward die schleppenden Harmonien mit jazzigen Fill-Ins zum schwingen brachte, hämmert der großflächig tätowierte Ersatzmann beim zweiten Stück „Fairies Wear Boots“ mit so hoher Schlagzahl auf die Felle, als wolle er die dröhnenden Gitarrenriffs unter einem Schwall von Geröll begraben. Ungewohnt.

Ozzy Osbourne fast in alter Form

Ozzy Osbourne schwingt sich dagegen anfangs wider Erwarten fast zu alter Form auf, auch wenn er die Töne dabei nicht immer ganz trifft. Aber das erwartet wohl auch keiner von dem durch jahrelangen Exzess gezeichneten 67-Jährigen. Was hat dieser Mann nicht schon alles an Drogen in seinen Körper gepumpt! Und nicht nur die. Will man der 2001 veröffentlichten Autobiographie der befreundeten Band Mötley Crüe glauben, zog sich der damals schwer kokainabhängige Sänger an einem benebelten Nachmittag Mitte der 80er sogar eine ganze Ameisenstraße durch die Nase.

Auch wenn er mittlerweile trocken und drogenfrei lebt, hat Ozzy es bis heute nicht geschafft dabei ganz nüchtern zu wirken. Mit einer Stimme, die klingt als sei ihm die Lippe immer irgendwie im Weg, nuschelt er seine Bühnenstandards mal lauter und mal leiser ins Mikro: „Let me see those hands!“, „Let’s Go Fucking Crazy Tonight!“, „I Can’t Fucking hear you!“ Dazu versucht er immer wieder kleine Sprünge, bei denen die Füße aber oft den Boden nicht verlassen, und seine etwas bucklige Statur eigentlich nur ungelenk auf und ab federt.

Butler und Iommi konzentrieren sich derweil voll und ganz auf ihr Spiel an Bass und Gitarre. Letzterer, so sagt man in Szenekreisen ehrfürchtig, habe alle existierenden Heavy-Metal-Gitarrenriffs bereits in den 70er-Jahren gespielt. Seinen speziellen Stil entwickelte der heute 68-jährige, nachdem er im Alter von 17 Jahren in einer Stahlfabrik zwei Fingerkuppen verlor und sich aus den Kappen von Spülmittelflaschen fingerhutartige Prothesen zusammenschmolz, die von da an die Dynamik seines Spiels bestimmten.

Riffs wie Lava

Als Ozzy seine Bandkollegen einzeln vorstellt, bekommt Iommi den längsten Applaus und bedankt sich, in dem er die Handflächen aneinanderdrückt und demütig den Kopf senkt. Beim anschließenden „Into The Void“ zeigt er dann trotzdem noch einmal mit unbescheidener Wucht, warum er als der eigentliche Vater des Heavy- und Doom-Metal gilt: Wie Lava bahnen sich die Riffs seiner Gitarre den Weg in die Gehörgänge, ein tonnenschwerer Groove entfaltet sich, der alles dehnt und zerdrückt und einen mitreißt, ohne das man sich dagegen wehren kann.

Bei „Behind The Wall Of Sleep“, einem Klassiker des Debüts, darf der andere Schnauzbartträger Geezer Butler dann ein Solo auf der Bassgitarre spielen. Im Gegensatz zu Ozzy sieht man von den beiden Gründungsmitgliedern Iommi und Butler auf den großen Bühnenleinwänden meistens nur die Finger. Dem Sänger merkt man dagegen in der Totale an, dass der Auftritt ihn anstrengt: Von Song zu Song treten die Furchen zwischen seinen Augen stärker hervor während seine Stimme der Rhythmussektion mehr und mehr hinterherlahmt.

Bei „Hand Of Doom“ verabschiedet sich Ozzy plötzlich mit eiligen Worten von der Bühne: „Back In a minute“. Während Clufeto allein zurückbleibt und gefühlte 20 Minuten lang Drumsoli spielt, fragt man sich, ob Backstage nicht vielleicht gerade ein Notfall eingetreten sein könnte. Man ist ängstlich geworden in diesem für die Rockmusik so schicksalsschweren Jahr. Nach gespannten, von Trommelwirbeln und Pfiffen begleiteten Minuten des Wartens kommt Ozzy schließlich doch noch zum Vier-Viertel-Takt von „Iron Man“ auf die Bühne gehumpelt und ruft lallend „I Love You all! You are Number One!“

Die Menge tobt

Jetzt gibt es endgültig kein Halten mehr. Neben „Seven Nation Army“ von den White Stripes lässt sich wohl kein Gitarrenriff so gut mitgrölen wie das von „Iron Man“. Beim großen Finale „Paranoid“ entzündet jemand vor der Bühne ein rot glühendes bengalisches Feuer woraufhin Ozzy, der sich sichtlich gefangen hat, einen Eimer Wasser in die dampfende Menge schüttet. Nach dem letzten laut aufheulenden Gitarrenfeedback erscheinen auf der großen Leinwand in der Bühnenmitte die Worte „The End“.

Die über lange Jahre zerstrittenen Musiker verbeugen sich Arm in Arm vor der tobenden Menge, während von den Rängen Fußballchöre erschallen. Obwohl es erst kurz vor zehn und noch hell ist, ist man doch heilfroh, dass die Band den Sabbat ihrer Karriere gerade noch rechtzeitig eingeläutet hat, bevor es endgültig zu spät ist.